Jennifer ist klein, zierlich, hat lange schwarze Haare und wirkt wie ein junges Mädchen. "Das kleine Küken", sagt sie über sich selbst. Doch Jennifer ist 32 Jahre alt. Und ganz schön mutig. Die allein erziehende Mutter hat am Montagmorgen nämlich einem Busfahrer womöglich das Leben gerettet.

Es ist kurz nach sechs Uhr und Jennifer ist auf dem Heimweg von der Nachtschicht. Im Auto fährt sie die Güterstraße entlang und sieht schon von Weitem, dass kurz nach der Einfahrt zum Busbahnhof, in der Kurve, eine Rangelei ist. So sieht es zunächst für sie aus. Jennifer spricht von einem Knäuel am Boden und tut es als Rauferei unter Jugendlichen ab. Zu Freischießenzeiten nichts Ungewöhnliches. "Ich kann nicht wegschauen", sagt sie über sich selbst. Und so ist es auch an diesem Montagmorgen. Im Rückspiegel sieht sie, dass es keine Rangelei unter Jugendlichen ist. Sie sieht einen grauhaarigen Kopf. Jennifer wendet auf dem Parkplatz vor dem Sparkassen-Gebäude, parkt an der Stelle, an der sie eben vorbei gefahren ist und steigt aus. "Ich hab' geschrien, was das soll", beschreibt sie. Einer der beiden Jugendlichen, die da auf einen Mann am Boden eintreten, dreht sich um. Jennifer kennt ihn. Auch den anderen jungen Mann. Er wohnt nur ein paar Straßen von ihr entfernt. "Bubis" nennt Jennifer sie. Doch eben diese "Bubis" sind ganz schön aggressiv. "Der Mann kauerte am Boden, an der Schwelle seiner Autotür, der eine Junge hat sich mit den Händen am Auto abgestützt und ihn mit den Füßen getreten."


"Dann haben sie zugeschlagen"

Jennifer gelingt es, den anderen Jungen wegzuschieben, abzulenken. "Einer allein kann nicht mehr so viel anrichten wie zwei", erklärt sie ihre Reaktion.

Die beiden Jungs wollen später beim Eintreffen der Polizei nichts mehr davon wissen, den Mann getreten zu haben. "Und warum hat er dann eure Schuhabdrücke auf seinem Hemd?", fragt Jennifer. Im Gesicht hat der Mann, ein Busfahrer, der eigentlich nur zu seinem Dienst wollte, eine Platzwunde. "Die beiden Jungs waren mit einem Kasten Bier und einer Schnapsflasche unterwegs. Sie haben die Flasche wohl gegen die Wand an der Bushaltestelle geworfen. Da waren überall Scherben", erinnert sich die junge Frau. Der Busfahrer, der gerade zu seinem Dienstantritt gekommen sei, habe die Jungs darauf angesprochen, ihnen wohl auch damit gedroht, die Polizei zu rufen. Und dann haben sie zugeschlagen, meint Jennifer.

Warum sie eingeschritten ist, während andere Autofahrer vor ihr weitergefahren sind? "Ich bin ein Mensch mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn", sagt sie. Und: "Ich kann kein Unrecht sehen, da muss ich mich einmischen." Schon im vergangenen Jahr auf dem Freischießen habe sie einen Mann, der eine junge Frau an den Haaren hinter sich herzog, aufgefordert, das zu lassen. Jennifer spricht von einem Reflex, sie habe am Montagmorgen nicht darüber nachgedacht, was sie da macht, dass sie vielleicht selbst zum Opfer werden könnte.


Nicht nur Respekt erhalten

Eine gute halbe Stunde habe das am Montag gedauert, bis die beiden jungen Männer letztlich in Handschellen am Boden gesessen haben. "Um 6.45 Uhr war ich daheim", weiß Jennifer noch genau. Kontakt zu dem Busfahrer hatte sie seit dem Vorfall nicht mehr, sie glaubt aber, dass es für ihn noch ganz glimpflich ausgegangen ist. "Er hat mit mir geredet, hatte diese Platzwunde im Gesicht", beschreibt sie. Aber sie weiß auch, dass es schlimmer hätte enden können. Für den Busfahrer. Und für sie.

Für ihren Mut hat sie viel Respekt erhalten, aber auch Vorwürfe in sozialen Netzwerken. "Ich wolle mich nur wichtig machen", nennt sie einen davon. Doch Jennifer ist taff: Solche "Freunde" werden gelöscht.
"Ich hätte es mir für mich auch gewünscht", sagt sie und zuckt mit den Schultern, als wolle sie sich selbst erklären, warum sie in diese brutale Schlägerei eingegriffen hat. Sie, das kleine Küken.