Eine Straße sorgt seit Jahrzehnten für Diskussionen in Pressig, die einfach nicht aufhören wollen: die viel befahrene Bundesstraße 85, die durch den Ort führt. An ihr reihen sich Geschäfte und Wohnhäuser. Einige Bewohner dieser Häuser fühlen sich belästigt, kämpfen mit Schäden an ihren Gebäuden, sehen ihre Lebensqualität eingeschränkt. Eine Umgehungsstraße sollte schon lange her, doch bisher blieb der erste Spatenstich aus.

Nun hat sich nach dem Besuch von Staatssekretär Gerhard Eck am 14. Septemberneuer Ärger breit gemacht. Eck hatte damals den Eindruck, dass die Bevölkerung unschlüssig ist, was den Bau einer Ortsumgehung betrifft.


"Die Aussage von Staatssekretär Eck stimmt nicht", sagt die Anliegerin Rita Grom. "Er kann so etwas nicht sagen, wenn er nicht mit uns spricht." Zwar mögen einige tatsächlich gegen die Umgehung sein, doch diese würden gar nicht an der B 85 wohnen, sagt Grom. Und die Anwohner würden gar nicht erst gefragt.


Pietz: "Mehrheit pro Umgehung"

"Es gibt bei so einer Entscheidung nie hundert Prozent Befürworter, das ist normal", erklärt Bürgermeister Hans Pietz (FW). Gerade bei einigen, die in der Nähe der geplanten Trasse wohnen, habe es in der Vergangenheit immer Bedenken gegeben, doch man habe Verständnis dafür gehabt, so Pietz weiter. "Aber ich denke, die überwiegende Mehrheit der Pressiger Bürger will eine Umgehung."

Die vielen Geschäfte, die entlang der Bundesstraße liegen, sollten eigentlich zum Shoppen einladen. Doch auch das Einkaufen im Ort werde durch den Verkehr erschwert, meinen Bürger. "Man kann beim Einkaufen nicht mal vernünftig die Straße überqueren", sagt Wolfgang Fehn. Vor allem ältere Menschen hätten dabei Schwierigkeiten. Zwar gibt es eine Tempo-30-Zone, doch am Ortsausgang, wo er wohnt, fahren die Autos wieder mit 90 km/h vorbei, erzählt er weiter.

Ihm stört aber vor allem, dass jetzt hauptsächlich über die Situation "Am Anger" diskutiert wird, während die Ortsumgehung schon vor 30 Jahren gefordert wurde. "Die Prioritäten sind umgekehrt worden", ärgert sich Fehn.

Grom habe natürlich Verständnis dafür, dass "Am Anger" etwas getan werden muss wegen der vielen Lkw, die dort durchfahren, "aber es wird so dargestellt, als wäre dies das Hauptproblem im Ort".

"Die Nebenschauplätze sind ja berechtigt, aber mir geht es um die Verhältnismäßigkeit", ergänzt Fehn.
Bürgermeister Pietz weist diese Vorwürfe gleich zurück: "Wir kümmern uns von jeher um beide Themen gleichzeitig." Durch die Klärung der Probleme "Am Anger" sehe er keine Verzögerung für die Umgehung.


Handeln nur aus Eigeninteresse?

Der Ärger einiger Anwohner richtet sich auch an Geschäftsleute und Gemeinderäte, die ihrer Meinung nach die Umgehung blockieren. Insbesondere werfen sie dem Apotheker und Gemeinderatsmitglied Dieter Kohlmann (CSU) aufgrund seiner Äußerung beim Besuch des Staatssekretärs Eck vor, im Gemeinderat nur seine eigenen Interessen zu verfolgen und sich nicht in den Dienst der Gemeinde zu stellen. Seine Apotheke liegt an der Bundesstraße, während er privat aber woanders wohnt. "Der Gemeinderat muss doch für die Bürger einstehen und nicht für seine eigenen Interessen", sagt Anliegerin Kopp.

Und genau das tue er auch, kontert Dieter Kohlmann die Kritik: "Es stimmt nicht, dass ich als Apotheker gegen die Umgehung bin. Ich glaube nicht, dass sie der Ruin für meine Apotheke wäre. Damit kann ich gut leben."
Er fürchte, dass Pressig das selbe Schicksal erleiden könnte, wie andere Gemeinden ohne Anbindung zur B 85: Leerstände, Geschäftsaufgaben, Bevölkerungsverlust. "Das ist kein Egoismus. Das Gegenteil ist der Fall: Ich will, dass wir als Gemeinde einigermaßen da bleiben, wo wir sind", erklärt Kohlmann. "Eine Umgehungsstraße ist eher eine Art Sterbehilfe für einen Ort", sagt er.


Politiker kämpfen für Pressig

Der Bürgermeister lässt sich davon indes weniger beeindrucken, schließlich gebe es dieses Argument bei jeder Umgehungsstraße. Er sieht eher die Vorzüge: "Wenn der Durchgangsverkehr weg ist, haben wir die Chance, die Aufenthaltsqualität im Ortskern zu steigern."

Aktuell gebe es in der Gemeinde den einstimmigen Beschluss, die Ortsumgehung weiter voranzutreiben, berichtet Bürgermeister Pietz. MdB Hans Michelbach und MdL Jürgen Baumgärtner (beide CSU) hatten sich dafür eingesetzt, die Umgehung zumindest in den Status "weiterer Bedarf mit Planungsrecht" unterzubringen. Doch auch das gelang nicht. Als nächstes will es Pietz mit Pauschalmitteln versuchen, ähnlich wie einst die Maßnahme zwischen Förtschendorf und Steinbach finanziert wurde. Ob dies gelingt, sei aber noch ungewiss.