Trecker sind in Deutschlands Hauptstadt eine Seltenheit. Doch am Dienstag haben sie zu tausenden Berlins Straßen bevölkert und den Verkehr zum Erliegen gebracht - mittendrin auch 16 Landwirte mit ihren Schleppern aus dem Kreis Kronach.

Jörg Limmer ist einer von Ihnen. "Ich war vorher noch nie in Berlin und jetzt stehe ich mit meinem Trecker unter dem Brandenburger Tor mit Blick auf die Siegessäule", berichtet der Kronacher Rinderwirt via Handy. "Das ist ein emotionaler Moment für mich."

Dabei ist der Anlass seines Besuchs ein unerfreulicher: Etwa 40 000 Landwirte aus ganz Deutschland sind in die Hauptstadt gepilgert, um gegen die Pläne der Bundesregierung für mehr Natur- und Tierschutz zu demonstrieren - etwa 8600 von ihnen kamen mit dem Traktor.

Ständig neue Verordnungen und immer strengere Regeln: Die deutschen Bauern haben genug. Nachdem sie in den vergangenen Wochen bereits als eine Art stiller Protest grüne Holzkreuze auf ihren Äckern aufgestellt haben, machten sie ihrem Ärger über die aktuelle Agrarpolitik in Person von Umweltministerin Svenja Schulze nun im Herzen der Hauptstadt Luft.

350 Kilometer mit dem Trecker

Limmer und seine Berufskollegen aus dem Kreis Kronach haben dafür 350 Kilometer zurückgelegt. "Am Montagmorgen um 6.30 Uhr ging es los", erzählt der Landwirt. "Auf dem Weg zum Treffpunkt in Triptis (Ostthüringen) kamen aus den Seitenstraßen immer mehr Trecker hinzu." Auf der Autobahn sei der Konvoi 15 Kilometer lang gewesen, der mit 20 Kilometern pro Stunde Richtung Berlin gerollt ist.

"Die Landwirtschaft ist am Tiefpunkt angelangt", fasst Limmer seine Beweggründe für die Teilnahme an der Sternfahrt ernüchtert zusammen. "In Deutschland werden Maßstäbe gesetzt, die uns in Konkurrenz zum Ausland nicht mehr wettbewerbsfähig sein lassen." Egal ob Nitratbelastung, Insektensterben oder CO2- Ausstoß: "Es gibt nichts, woran die Landwirte angeblich keine Schuld haben - und irgendwann kocht das Fass eben über."

Die Bauern kritisieren nicht nur die fehlende Wertschätzung. Sie fürchten um ihre Existenz. "Ich habe den Rinderzuchtbetrieb mit Ackerbau von meinen Eltern übernommen", berichtet Michael Fischer aus Gehülz, der den oberfränkischen Konvoi mitorganisiert hat. "Doch wenn es so weitergeht, würde ich nicht wollen, dass ihn meine Kinder übernehmen."

Zwar würde sich die Landwirtschaft an neue Gesetze und Verordnungen anpassen. "Doch wir müssen auch davon leben können. Es wird Zeit, dass Politik mit Hirn und Verstand gemacht wird." Die derzeitige Agrarpolitik sei nichts anderes als Stimmungsmache gegen seinen Berufsstand.

Angst vor der Zukunft

Dem pflichtet Benedikt Zehner bei, der vor einem Monat bereits an den Protesten in Bayreuth teilgenommen hat: "Mein Sohn ist jetzt zwei Jahre alt und eigentlich habe ich mir gewünscht, dass er mal meinen Betrieb weiterführt", sagt der Agrarwissenschaftler aus Haig. "Doch ich sehe aktuell keine Zukunftsperspektive. Kaum haben wir wegen einer neuen Verordnung in unserem Betrieb investiert, kommt schon die nächste. Ich kann doch nicht alle fünf Jahre meinen Stall umbauen!" Vor allem kleine Betriebe könnten das einfach nicht leisten.

Die jüngsten Verordnungen entbehren laut dem Ackerbauer jeder wissenschaftlichen Grundlage. "Ich habe mein Handwerk von der Pike auf gelernt und einen Bachelor in Agrarwissenschaft - und dann kommt die Politik und behauptet, dass alles, was wir gelernt haben, plötzlich falsch ist."

Zehnter wünscht sich Gespräche mit der Umweltministerin auf Augenhöhe. "Wir wollen Kompromisse finden - doch stattdessen wird uns einfach von oben ein Korsett aufgezwängt." So habe Svenja Schulze während der Demo lediglich für fünf Minuten ihren Standpunkt vertreten, ehe sie wieder verschwunden sei. "Da ist leider keinerlei Einsicht in Bezug auf das, was wir wollen und brauchen."

Den Bauern gehe es nicht darum, ihre Produkte teurer verkaufen zu wollen: "Wir gehen nicht wegen besserer Preise auf die Straße, denn die gibt der Weltmarkt vor. Alles, was wir wollen, sind bessere Bedingungen. Jeder redet davon, dass wir ein Europa sind, nur hier in Deutschland wird differenziert."

Dass die deutsche Landwirtschaft inzwischen auf dem Zahnfleisch geht, haben mittlerweile auch große Teile der Bevölkerung begriffen. "Besonders hat mich gefreut, dass uns viele Menschen am Straßenrand gewunken, geklatscht und mit dem Daumen nach oben gezeigt haben, als wir in die Stadt eingefahren sind", freut sich Zehnter. "Mein größter Wunsch ist, dass unsere Arbeit wieder einen höheren Stellenwert in der Bevölkerung einnimmt", hofft auch Limmer.

Auch fernab der Demonstration in Berlin wollen die örtlichen Bauern Flagge zeigen. "Unter anderem zünden die daheim gebliebenen Landwirte in den oberfränkischen Landkreisen Mahnfeuer an", kündigt Fischer an - und auch weitere Aktionen seien in Planung.

Inzwischen sind tausende Landwirte aus ganz Deutschland über regionale WhatsApp-Gruppen miteinander vernetzt. "Die Berufsverbände haben uns immer wieder gesagt, dass es nicht möglich ist, so viele Landwirte zusammenzubringen", erinnert sich Fischer. "Aber was wir in den vergangenen zwei Monaten schon auf die Beine gestellt haben, ist unglaublich. Wo ein Wille, da ein Weg."

Initiative "Land schafft Verbindung"

Gründung

Aus Protest gegen die Agrarpolitik wurde aus den Reihen der deutschen Landwirte am 1. Oktober 2019 die Facebook-Gruppe "Land schafft Verbindung" gegründet.

Mitglieder

Innerhalb von zwei Monaten haben sich durch die Initiative rund 100 000 Landwirte in regionalen WhatsApp-Gruppen miteinander vernetzt.

Aktionen

Die Initiative ruft zu bundesweiten Veranstaltungen wie den Demonstrationen in Bonn und Berlin auf.