Das "böse" Element - es äußert sich gleich zu Beginn in Klarinettenstimme, in einer bedrohlich verfremdeten Deutschlandhymne. Es folgen Höreindrücke von Gewalt und Zerstörungswut. Dargestellt in aggressiven Rhythmen und Dissonanz durchdringen sie an diesem Abend die beklemmende Stille in der Kronacher Synagoge.
Der Zuhörer empfindet die klagenden Klänge von Klarinette und Cello wie menschliche Stimmen, die ihre traurige Geschichte erzählen. Ein Hauch von Klezmer liegt in der Luft. Als Ulrike (Cello) und Walter Gossel (Klarinette) am Samstagabend die Stücke "Nacht voller Hass" und "Morgen voller Trauer" erklingen ließen, meinte man tatsächlich, "sprechende Instrumente" hören zu können - flüsternd, wimmernd, jammernd, anklagend und schreiend. Sein Instrument meisterlich zu beherrschen, ist das Eine.
Mit Klängen Gefühle auszudrücken und Emotionen freizusetzen, die man sonst auf keinem anderen Weg in diese Welt tragen könnte, ist das Andere. Die Geschwister Gossel sind zweifelsohne exzellente Musiker, die ihr "Handwerk" bestens verstehen. Sie schaffen es aber auch, ihre Herzen vollkommen für die Musik zu öffnen und sich voll und ganz auf das Wesentliche zu konzentrieren - voller Respekt und Wertschätzung für die von ihnen dargebotenen Werke. Der junge Komponist Sebastian Paul Rehnert hatte die beiden Stücke, die musikalisch Bezug aufeinander nehmen und zusammen gehören, eigens für die Gedenkveranstaltung geschrieben.

Berührende Wortbeiträge

Doch nicht nur die Musik trug dazu bei, dass die Gäste berührt und zum Nachdenken angeregt wurden. Dies gilt auch für die Wortbeiträge, die von Dekanin Dorothea Richter und Pastoralreferentin Birgitta Staufer dem Anlass entsprechend mit viel Bedacht ausgewählt worden waren.

Die Pastoralreferentin las Passagen aus dem Buch von Lily Brett "Von Mexiko nach Polen" vor. Die Eltern der Autorin sind Auschwitz-Überlebende. Sie selbst wurde 1946 als Lilijahne Breitstein im Durchgangslager Feldafing in Bayern geboren. Dort hatten sich ihre Eltern, die im Ghetto von Lodz geheiratet hatten und im KZ Auschwitz voneinander getrennt worden waren, zufällig nach dem Krieg wieder getroffen. Die Familie wanderte bald darauf nach Australien aus, wo sie zu den Bretts wurden. Bis heute übt Polen auf Lily Brett eine - wie sie sagt - fast "schwerkraftmäßige Anziehung" aus. Die tragische Vergangenheit ihrer Eltern ist in ihren Romanen und Gedichten allgegenwärtig. Dies gilt auch für den Roman, in dem sie eine Reise "von Mexiko nach Polen" unternimmt - einschließlich des Besuchs der Todeslager Auschwitz und Birkenau. Nur hier fühlt sie sich als einzige Nachfahrin einer einst weit verzweigten Familie ihren ermordeten Verwandten nah. Sie verdeutlicht, wie unversöhnlich sie der Vermarktung des Holocaust in eine "Touristenattraktion" gegenübersteht. Auschwitz sei kein Museum, sondern ein Todeslager.

Dekanin Dorothea Richter trug den Psalm 79 "Gebet des Volkes Gottes in schwerer Not" vor, der mit der Anrufung Gottes: "Gott, es sind Heiden in dein Erbe eingefallen; die haben deinen heiligen Tempel entweiht und aus Jerusalem einen Steinhaufen gemacht", beginnt. "Zwei Dinge beschäftigen mich an diesem Abend", so die Dekanin. Zum einen eine Umfrage in Deutschland, nach der jeder vierte Jude in Deutschland aufgrund des wachsenden Antisemitismus schon einmal ans Auswandern gedacht habe. Zum anderen das Flüchtlingsdrama von Lampedusa, bei der vor der italienischen Mittelmeerinsel 366 Menschen starben. "Was werden unsere Nachfahren 2088 - also in 75 Jahren - darüber denken? Werden sie es auch nicht begreifen können und uns fragen, ob das jemand beschäftigt hat oder warum wir einfach zur Tagesordnung übergegangen sind?", fragte sie in den Raum.

Wichtig, zu gedenken

Vorsitzende Odette Eisenträger-Sarter und ihre Stellvertreterin Gisela Zaich hatten seitens des Aktionskreises Kronacher Synagoge die Gäste willkommen geheißen. Die Vorsitzende erinnerte daran, wie man einst - vor der Restaurierung der ehemaligen Synagoge - am Jahrestag draußen vor dem Gebäude mit Kerzen den Opfern der Reichspogromnacht gedacht hatte. "Gerade jetzt, wo die Zeitzeugen weggestorben sind, ist es sehr wichtig, die Gedenk-Veranstaltung Jahr für Jahr abzuhalten - für die, die es nicht miterlebt haben", zeigte sie sich sicher. Deshalb werde man den Termin auch in Zukunft beibehalten - nicht als Anklage, sondern als Erinnerung.
Die Grüße der Stadt Kronach übermittelte Zweite Bürgermeisterin Angela Hofmann: "Beim Terrorakt vom 9. November sind jüdische Nachbarn, wehrlose Bürger und unbewaffnete Zivilisten, die unsere Vorfahren gekannt und täglich getroffen haben, getötet worden." Sie dankte den Mitwirkenden und insbesondere dem Aktionskreis Kronacher Synagoge für das Ausrichten des Gedenktags, mit dem man zu einem friedlichen Miteinander der Gesellschaft beitrage. Ihren ergreifenden Abschluss fand der Abend mit fünf Variationen von Sebastian Paul Rehnert des Friedensliedes über "Shalom".