Auf dem Zimmer sitzen. Das ist Corona. Schweiß unter der Maske. Das ist Corona. Lange kein Besuch. Auch das ist Corona.

Johanna Strysio hat erst am Morgen die jüngsten Zeilen in eines ihrer Notiz- und Tagebücher geschrieben. Sie hat erfahren, dass jemand von der Zeitung kommen wird und sich Gedanken darüber gemacht, was sie sagen will. Am Ende ist es eine Geschichte aus ihrem Alltag im BRK-Seniorenhaus in Kronach. Über Wochen, in denen der Raum etwas kleiner gewirkt hat. Die Gesichter, die sie gesehen hat, fast immer dieselben gewesen sind und keiner ihrer Mitbewohner oder die Betreuer noch die Freiheiten genoss wie Anfang März - bevor das Virus auch in Seniorenwohnheime zwischen Würzburg und Marktgraitz gerade ältere Menschen dahinraffte.

"Man muss loslassen können", sagt die 86-Jährige, die erst in die Tagespflege, dann zu ihrem Mann auf die Station gezogen ist. Ihr Mann ist älter als sie und bedarf ihrer Pflege. Doch auch sie hat Probleme: Vor 30 Jahren hat sie bei einem Unfall ein Bein verloren und fährt im elektrischen Rollstuhl vom Gang in den großen Essenssaal, der zur Zeit nicht genutzt wird. Auch das ist Corona. Wohnbereichsleiterin Kerstin Kreuzer und Einrichtungsleiterin Tanja Seuling öffnen den Bereich, in dem alle weit genug auseinander sitzen können.

Sonderbare Zeiten verschriftlicht

Johanna Strysio hat vier Bücher vor sich liegen. Doch die Einleitung erzählt sie frei. Eigentlich stammt sie aus Pressig und ist 1977 nach Kronach gezogen. Sie hat Schneiderin gelernt und in der Volkshochschule gearbeitet. Sie hat zwar keine eigenen Kinder, dafür aber 15 Patenkinder von denen noch zwölf leben und auch regelmäßig Kontakt mit ihr suchen. "Die kommen eins nach dem anderen." Wenn's denn möglich ist. Die Auflagen haben sie und ihren 91-jährigen Mann eingeschränkt, sodass auch zwischen Mitte März und Anfang Juni kein Besuch mehr möglich war. Selbst außen im Park des Wohnhauses, von dem die Seniorin schwärmt, konnte sie nicht mehr allein herumlaufen. "Corona hat Vieles versaut - nur unseren Park nicht", sagt sie. Es gab Zeiten, da hat sie an ihrem Optimismus gezweifelt.

Die Einrichtungsleiterin erzählt: Als die Auflagen Anfang Juni zum ersten Mal gelockert wurden, durften Verwandte ersten Grades, Lebenspartner oder Eheleute und eine, genau eine Bezugsperson die Senioren für eine halbe Stunde unter scharfen Hygieneregeln und Datenerfassung besuchen. Eines Morgens hat Johanna Strysio nachgefragt, ob sie die Bezugsperson ändern dürfe. "Das war nach den damaligen Regeln leider nicht erlaubt", erklärt die Leiterin Seuling. Das sei der Moment gewesen, in dem sie zum ersten Mal seit knapp drei Jahren im Seniorenhaus geweint habe, sagt die Rentnerin. "Wer keine eigenen Kinder hat, wird zusätzlich bestraft."

Tatsächlich blieb die Ehe zwischen ihr und ihrem Mann kinderlos. In Corona-Zeiten hätte sie mehr Besucher empfangen können. Aber so blieb nur eine Bezugsperson aus dem Kreis ihrer Patenkinder. Die anderen mussten warten. Zum Glück nicht allzu lange, sagt die Rentnerin. Pünktlich zur nächsten Lockerung Anfang Juli kamen sie wieder vorbei.

"Es ist ein Drahtseilakt zwischen den Wünschen der Bewohner, der Angehörigen und der staatlichen Vorgaben", erklärt Leiterin Seuling. Sie hat bisher drei Phasen in der Entwicklung der Pandemie erlebt, alles über Allgemeinverfügungen. In der ersten Phase ab Mitte März haben sie und ihre Kolleginnen das Seniorenhaus abgesperrt. Keine Besucher mehr, höchste Alarmstufe. Die Wohngruppen wurden strikt voneinander getrennt, kein gemeinsames Essen im Speisesaal. Den Park haben sie abgeriegelt, Spaziergänge im Garten sind nur mit Begleitung erlaubt gewesen.Nach einem Krankenhausaufenthalt und bei Einzug mussten Bewohner erst einmal zwei Wochen in Quarantäne. Sollte tatsächlich Corona ausbrechen, haben Tanja Seuling und ihre Mitarbeiter eine Station mit zehn Betten eingerichtet - die bislang niemand genutzt hat, sagt sie.

Johanna Strysio zeigt auf ihren Kopf: "Normalerweise bin ich immer gut frisiert. Das ist jetzt eine Corona-Frisur!"

Alle drei lachen. Sie wissen, was sie seit Mitte März durchgemacht haben und was noch folgen kann. Aber zumindest hat sich mit den letzten beiden Verfügungen die Situation gebessert. Die Pflegekräfte haben "Besuchsoasen" eingerichtet, auch im Garten. Paletten, die mit Blumen die Sitzflächen voneinander abtrennen. Ab dem 9. Mai waren auf eine halbe Stunde begrenzte Besuche des engsten Verwandtenkreises und des einen Bekannten gestattet. Seit der letzten Lockerung im Juni ist der Personenkreis frei und die Besuche dürfen eine Stunde dauern. Hygieneregeln und strikte Anmeldungen gelten nach wie vor. Das öffentliche Café bleibt geschlossen. Bewohner dürfen ihre Verwandten wieder zu Hause besuchen - stehen danach aber eine Woche unter strenger Symptombeobachtung. Nicht nur die Mitarbeiter müssen eine volle Schutzausrüstung tragen, auch die Bewohner einen Mundschutz. Johanna Strysio freut sich auf ihre Friseurin.

Einsamkeit oder etwas anderes?

Ist das dann tatsächlich Einsamkeit, was die Seniorin fühlt, wenn die Besuche ausbleiben? So sagt sie es nicht. Schließlich war ihr Mann die ganze Zeit bei ihr. Es gab auch einige gute Ereignisse. Die Konzerte im Park, die sich die Bewohner von den Balkonen aus angesehen haben. Die Station für Demenzkranke habe sich mit einem Ständchen "Ade zur Guten Nacht" von den Musikern verabschiedet, erzählt die Einrichtungsleiterin stolz. Von den jungen Helfern im Bundesfreiwilligendienst fühlt sich die Johanna Strysio unterhalten und geschätzt. Und schließlich gab es ja noch ein Ereignis, dass ohne die Covid-19-Pandemie für sie nicht denkbar gewesen wäre. Das erste Smartphone.

Christoph Bauer, der in einem gemeinsamen Projekt des BRKs mit der Sparkasse sich in einem Freiwillig Sozialen Jahr um die Digitalisierung der älteren Generation kümmert, hat Johanna Strysio zum ersten Mal gezeigt, wie man Nachrichtendienste und Videomessenger verwendet. Mit 86 Jahren ist sie im digitalen Zeitalter angekommen. Das Smartphone ließ sie nicht nur in der Corona-Verschlusszeit ihre Patenkinder sehen. Sie konnte sogar zum Bruder ihres Mannes nach Kanada Kontakt aufnehmen. Das wäre auch ohne Pandemie-Beschränkungen schwierig gewesen. Ja, fasst Johanna Strysio zusammen: "Das alles ist Corona."