"Dramatischer Arbeitsplatzabbau": So hart trifft es ganz Franken - Zahlen und Einschätzung

Der Industrie in ländlichen Regionen geht es schlecht. Den fränkischen Arbeitsmarkt trifft es besonders hart. Der Stellenabbau in der M+E-Industrie scheint unaufhaltsam. Welche Gefahren damit verbunden sind, hat das ifo-Institut analysiert.

Clemens Fuest, Präsident des renommierten Forschungsinstituts ifo in München, schlägt Alarm bei den gut bezahlten Industriearbeitsplätzen in Deutschland. Der Schrumpfungsprozess sei in ländlichen Gebieten besonders problematisch. Dazu gehört nach den Daten des führenden Wirtschaftsforschungsinstituts in Europa auch die Region Franken. Das ifo, das als Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München organisiert ist, sieht im Wegfall vieler Industriearbeitsplätze eine nachhaltige Bedrohung für den Wohlstand in der Region. inFranken.de hat die Überlegungen von Clemens Fuest genauer angeschaut und nachgefragt bei Robert Lehmann. Der Forscher beschäftigt sich mit regionalen und  gesamtwirtschaftlichen Fragen und ist ebenfalls beim ifo tätig. Außerdem haben wir bei der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vwb) nachgehakt.

Warum verlieren die "Hidden Champions" in ländlichen Regionen dramatisch an Bedeutung? 

"Wenn die Industrie schrumpft, ohne dass neue, hochproduktive Branchen entstehen, ist der Wohlstand bedroht. Besonders gefährdet sind ländliche Regionen, die auf industriegetriebene Wertschöpfung, Investitionen und gut bezahlte Arbeitsplätze angewiesen sind", sagt ifo-Präsident, Clemens Fuest in München. Und in der Tat: Seit 2022 sinkt die Industrieproduktion kontinuierlich, Investitionen wandern ins Ausland. Kapazitätsauslastung und Auftragseingänge brechen ein, Insolvenzen steigen. "Produktion und Wertschöpfung sinken, es wird nur noch wenig investiert und Arbeitsplätze gehen verloren", analysiert Fuest. 

Die Sorgen von Clemens Fuest stützen sich auf die Besonderheit des deutschen Mittelstands ("Hidden Champions"). Anders als in anderen Staaten sei die deutsche Industrie stark regional verteilt. Zahlreiche erfolgreiche Mittelständler und familiengeführte Unternehmen sind zudem in ländlichen Gebieten, wie beispielsweise in Franken verwurzelt und hätten dort für Wohlstand und Stabilität gesorgt. "Verliere diese Basis an Gewicht, drohe nicht nur ein gesamtwirtschaftlicher Rückgang, sondern ein deutlicher Rückfall vieler ländlicher Gebiete mit erheblichen ökonomischen und politischen Folgen", so der Ökonom und Finanzwissenschaftler Fuest.

Wissenschaftler, Robert Lehmann, ebenfalls beim ifo in München tätig, hat die Datenlage zum Rückgang bei den Industriearbeitsplätzen für Bayern und Franken exklusiv für inFranken.de genauer analysiert. Sein Ergebnis: Der deutschlandweite Trend lässt sich für Bayern insgesamt und auch für Franken bestätigen. "Wir beobachten einen ähnlich rückläufigen Industrieanteil an der nominalen Wertschöpfung wie in Deutschland insgesamt." 

Warum ist auch die Region Franken ein Sorgenkind?

Weil die Wirtschaft in Franken deutlich stärker am Tropf der Industrie hängt als der bundesweite Durchschnitt, treffen die Warnungen von Clemens Fuest die Region besonders hart. Die Abhängigkeit von der industriellen Wertschöpfung ist deshalb ein hohes Risiko. "Eine De-Industrialisierung im ländlichen Raum ist demnach besonders problematisch", so Lehmann.

Die Bedeutung der Industrie für den Arbeitsmarkt ist in den letzten Jahren deutlich geschrumpft. So sei der Anteil der Industrie an der gesamten Erwerbstätigkeit in Franken von etwas mehr als 25 Prozent im Jahr 2000 auf 21 Prozent im Jahr 2023 zurückgegangen. Konkret bedeutet das einen Verlust von rund 16.000 Arbeitsplätzen von 2022 bis 2025 in allen drei Regierungsbezirken (Ober-, Mittel-, Unterfranken), wie die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vwb) auf Anfrage von inFranken.de mitteilte. Bayernweit sind jetzt noch 837.000 Beschäftigte in der M+E-Industrie tätig, davon in Franken 263.000.

Die Folge davon: Während die Zahl der Erwerbstätigen in der fränkischen Industrie seit Mitte der 2000er Jahre "mehr oder weniger stagniere", sei sie in der Gesamtwirtschaft deutlich gestiegen. Besonders problematisch sei, dass Industriearbeitsplätze mit einer geringeren Produktivität überproportional vorhanden seien. Genau diese Tätigkeiten sind aber hochgradig gefährdet.

Welche Veränderungen sind für das ifo notwendig, um an Stärke zu gewinnen?

Forscher Lehmann hat herausgefunden, dass bis 2023 die fränkische Industrie die rückläufige Erwerbstätigkeit durch eine Steigerung der Stundenproduktivität ausgleichen konnte. Ob alternde Belegschaften dies in Zukunft noch so können, "bleibt offen", so der Wissenschaftler.

Der ifo-Präsident, Clemens Fuest, sieht Deutschland in dieser Situation als nicht mehr wettbewerbsfähig und fordert Reformen. Ein Bürokratieabbau sei notwendig, eine kostengünstigere Energieversorgung sowie Entlastungen bei Steuern und Abgaben, "um die industrielle Grundlage in den Regionen zu sichern und regionale Wohlstandsunterschiede zu begrenzen." Ohne tiefgreifende Reformen droht der Verlust industrieller Substanz. Vor allem mangelt es an Wachstumstreibern in der Region Franken wie der Künstlichen Intelligenz (KI), der Rüstungsindustrie oder an digitalen Dienstleistungen.

In Deutschland sei bislang aber kein Sektor außerhalb der Industrie entstanden, der vergleichbare Produktivitätspotenziale hat. "Deshalb sollte man die Probleme der deutschen Industrie nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wenn die Industrie schrumpft, ohne dass neue, hochproduktive Branchen entstehen, ist der Wohlstand bedroht", so die eindringliche Warnung von Clemens Fuest.

Worin sieht der Arbeitgeberverband die Ursachen der Krise?

Für Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vwb, kämpft die Industrie im Freistaat Bayern und in Franken "mit konjunkturellen und strukturellen Problemen". Die Gründe dafür sieht der Verband weiterhin im verhaltenen Wachstum, in geopolitischen Unsicherheiten und gravierenden Standortproblemen, wie zu hohen Energie- und Arbeitskosten und in einer überbordenden Bürokratie.

Fakt ist für den vwb: Der Standort hat an Wettbewerbsfähigkeit verloren und ist international nicht mehr konkurrenzfähig. Diese Gemengelage führe zu einer "besorgniserregenden Investitionsschwäche und einem dramatischen Arbeitsplatzabbau."

Brosshardts Ausblick ist düster. Er befürchtet weitere Arbeitsplatzverluste in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie für 2026. Um diese Effekte umzudrehen, müsse die Bundesregierung den Schalter umlegen und das Reformtempo drastisch erhöhen. "Das wird nur gelingen, wenn sich die Rahmenbedingungen deutlich verbessern. Unsere Betriebe warten schon zu lange auf einen Befreiungsschlag durch die Bundesregierung. Die Koalition ist aufgefordert, jetzt zu liefern, bevor es zu spät ist", erklärte Brosshardt gegenüber inFranken.de.

Vorschaubild: © anon/AdobeStock