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Steinwiesen
Selbstversuch

Beim Qi-Gong-Spaziergang in Steinwiesen die Seele baumeln lassen

Dem stressigen Alltag entfliehen. Körper und Geist in Einklang bringen. Das soll der zweistündige Qi-Gong-Spaziergang durch Steinwiesens Wälder bewirken. Ob das gelingt?
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Zusammen mit unserer Mitarbeiterin Magdalena Kestel probiert Holger Schramm verschiedene Übungen aus. Foto: Barbara Herbst
Zusammen mit unserer Mitarbeiterin Magdalena Kestel probiert Holger Schramm verschiedene Übungen aus. Foto: Barbara Herbst
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Unsere Handflächen bilden eine leichte Kuhle und wandern vor dem Körper entlang nach oben. Beim Kopf angekommen, wenden sie sich dem Himmel entgegen. Unsere Arme sind gestreckt und streichen sanft und langsam zu beiden Seiten des Körpers nach unten. Die ruhigen, gefühlvollen Bewegungen werden mehrere Male wiederholt. Danach stehen wir mit geschlossenen Augen für wenige Sekunden einfach nur da. "Nachspüren", nennt es Holger Schramm. Umsäumt von Nadelwäldern, hinter denen die abendlichen Sonnenstrahlen bereits verschwunden sind, mache ich mit ihm auf einer Wiese am Rande von Steinwiesen Qi Gong.

Was genau das eigentlich ist, habe ich mich bei der Anmeldung für das zweistündige Erlebnis gefragt. Ein Wort kann es nicht beschreiben. Bewegungskunst, Meditation, Gymnastik und auch ein bisschen Kampfkunst, versucht Schramm zu definieren. Es ist eine Säule der traditionellen chinesischen Medizin. "Wir wollen dadurch die Lebensenergie kultivieren. Unseren Qi-Speicher wieder auffüllen."

"Qi Gong wirkt auf die Organe und Energieleitbahnen des Körpers", erklärt Schramm. Es hilft gegen unzählige körperliche und seelische Beschwerden. Verspannungen und Rückenschmerzen, aber auch Stress und Depressionen können damit "behandelt" werden. Wie und wo genau die chinesische Bewegungskunst wirkt, sei bei jedem Menschen unterschiedlich. "Ich hatte schon Leute, die haben einfach angefangen zu weinen."

Das Qi spüren

Der chinesische Begriff Qi (gesprochen: "tschi") sei am ehesten mit Lebensenergie zu vergleichen, meint der 43-Jährige. Laut der asiatischen Philosophie ist alles von Qi durchdrungen - unsere Nahrung, das Wasser, jedes einzelne Blatt der Bäume. "Das Qi hat viele verschiedene Aufgaben. Es transportiert, bewegt, hält, versorgt und nährt." Wie es sich anfühlt, sei bei jedem anders. Irgendwann ist Qi für mich nicht mehr nur ein Wort. Ich spüre es. Als wir die Arme langsam auf- und absenken und uns dabei nur auf das Gefühl unserer Hände konzentrieren, verspüre ich ein leichtes Kribbeln in meinen Handflächen.

Schramm ist Naturcoach und Entspannungstrainer. Auf seiner Internetseite "SeelenKlang" gibt es viele Angebote rund um Meditation, Entspannung und die Natur - darunter auch der Qi Gong-Spaziergang in Kronach und Steinwiesen. "Hier schaust du nur auf dich", sagt er mir, bevor wir beginnen. Es sei wichtig, von dem Leistungsdenken unserer Gesellschaft wegzukommen und abzuschalten. Sich nicht mit anderen zu vergleichen. Nicht das eigene Können zu bewerten. Sich selbst den Rhythmus vorzugeben.

Leichter gesagt als getan. Wenn ich dem 43-Jährigen bei seinen anmutigen Bewegungen zuschaue, komme ich mir beim eigenen Ausprobieren manchmal wie ein Bewegungslegastheniker vor. Auch das vorbeifahrende Auto bringt mich aus der Ruhe, während mein Gegenüber in einer anderen Welt versunken scheint. Doch von Übung zu Übung wird es besser. Schon allein die tiefe, warme Stimme Schramms beruhigt. In seiner Gegenwart fühle ich mich wohl. Ich konzentriere mich darauf, die Bewegungen langsam und bewusst auszuführen. "Die Achtsamkeit spielt eine große Rolle", sagt Schramm. Nicht nur beim Qi Gong, sondern auch während des Spaziergangs durch die Natur.

Heilende Wirkung des Waldes

"Wer auf seine Sinne achtet, kommt raus aus der Kopfarbeit." Wahrnehmen, spüren, erleben. Der Puls sinkt, die Atmung wird tiefer, Spannungen werden abgebaut. "Die Fichten des Frankenwaldes haben genau diese Wirkung, die wir alle so dringend benötigen", erzählt der Naturcoach.

Doch nicht nur für den Geist ist der Gang durch das gesunde Grün ein Genuss. Mittlerweile ist medizinisch bewiesen, dass die Waldluft einen enormen Einfluss auf das Immunsystem, den Hormonhaushalt und das Nervensystem nimmt. Professor Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio hat dazu schon einige Studien veröffentlicht. Die Phytonzide in den Bäumen verringern beispielsweise das Risiko, an Krebs, Diabetes oder Herz-/Kreislaufbeschwerden zu erkranken, erläutert Schramm. Im geschlossenen Raum oder in der Natur zu trainieren, sei für ihn daher ein "gewaltiger Unterschied".

Yin und Yang

Qi Gong kann jeder machen. Schramms Kurse sind nicht auf Anfänger oder Fortgeschrittene ausgerichtet. Es sind keine Verrenkungskünste oder eine besondere Dehnfähigkeit notwendig. Wichtig sei es, die Bewegungen mit Lockerheit auszuführen und nichts erzwingen zu wollen. "Wir versuchen Yin und Yang nach beiden Seiten zu öffnen und Harmonie entstehen zu lassen." Yin steht für die Erde, Yang ist der Himmel.

Daher zeigt Schramm viele Übungen, die aus Bewegungen nach oben und unten bestehen. Diese sollen Himmel und Erde verbinden und Harmonie schaffen. Wir machen auch Drehungen nach rechts und links, mithilfe derer wir versuchen, den Lärm des Alltags von uns wegzuschieben. Als wir nach rund zwei Stunden über die Wiese zurück zum Auto schlendern, habe ich tatsächlich den Stress hinter mir zurückgelassen.

Interesse geweckt?

Wer selbst einmal Qi Gong oder Waldbaden ausprobieren möchte, sollte auf der Internetseite www.holgerschramm.de vorbeischauen.

Außerdem bietet auch das Obere Rodachtal eine Vielzahl an Walderlebnissen an.

Informationen gibt es unter www.oberes-rodachtal.de.