Hohe Bordsteine, keine Abtrennung von Gehsteig und Straße sowie Treppen zum Bahngleis: Darüber machen sich die Meisten wohl keine Gedanken, wenn sie in Kronach unterwegs sind. Doch Blinden oder Rollstuhlfahrern wird damit das Leben enorm erschwert. Um darauf aufmerksam zu machen, hat der SPD-Kreisverband Kronach zu einem barriere(-freien) Spaziergang geladen. Mit dabei Verena Bentele, Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Sie selbst ist seit Geburt an blind und kann nur hell und dunkel unterscheiden.

Los ging es am SPD-Kreisbüro in der Rosenau. Die erste problematische Stelle liegt direkt vor der Haustür. Der Eiserne Steg über die Haßlach ist für Rollstuhlfahrer zwar über zwei Rampen zu erreichen, doch eine davon ist recht knapp bemessen. "Der Platz in der Kurve ist sehr eng. Da kommt man nicht in einem Rutsch durch", erzählt Thilo Moosmann, Kreisgeschäftsführer der SPD. Vom Büro aus sieht er oft, wie Rollstuhlfahrer oder auch Mütter mit Kinderwägen rangieren müssen, um auf die andere Seite zu kommen. Beim Betreten der Brücke merkt man dann, wie rutschig der Belag nach ein bisschen Schneeregen ist. "Hier müssten wir über einen rutschfreien Gummibelag nachdenken", sagt Moosmann. Andere Brücken in Kronach seien damit schon ausgestattet und seitdem rutschfrei.

Vorbei an der rauschenden Haßlach geht es zum Kronacher Bahnhof. An der Ampel angekommen, ertönt sofort das laute Geräusch, das blinden Fußgängern signalisiert, dass sie die Straße jetzt überqueren können. "Das Problem wartet auf der anderen Seite", kündigt Thilo Moosmann im Laufen an. Zwar hängt an der anderen Ampel der gleiche graue Kasten, doch das Klopf-Signal ist kaum zu hören. Verena Bentele steht ganz nah an der Ampel. Sie hört das Knacken. Doch schon kurz hinter ihr ist davon nichts mehr zu vernehmen. Ein gefährliches Manko.


Ein wirklich skurriles Erlebnis

Der Oberhammer in Sachen Barrierefreiheit lauert im Kronacher Bahnhof. Von weitem sieht man eine Rampe, die Rollstuhlfahrern oder auch Eltern mit einem Kinderwagen den Zugang zum Bahnhof erleichtern soll. Doch beim Fahrkartenautomaten angekommen, ist dann Schluss mit Barrierefreiheit. Denn egal, ob nach oben oder unten, es gibt nur Treppen. "Warum soll sich ein Rollstuhlfahrer eine Fahrkarte kaufen, wenn er nicht zum Zug kommt?", fragt Verena Bentele völlig irritiert.

SPD-Kreisfraktions-Chef Richard Rauh liest aus seinem Schriftwechsel mit der Deutschen Bahn und dem Bayerischen Innenminister Joachim Herrmann vor. "Die Deutsche Bahn meint, die Unterführung sei stufenfrei zu erreichen." Alle Anwesenden müssen lachen, so absurd sind diese Worte, wenn man im Kronacher Bahnhof steht. "Diese Antwort ist absolut nicht zufriedenstellend. Da müssen wir nochmal nachhaken", meint Norbert Gräbner, Bürgermeister von Marktrodach.

Aktuell plane die Deutsche Bahn keinen barrierefreien Ausbau. "Im November 2013 hat sich die Bayerische Staatsregierung zum Ziel gemacht, den gesamten öffentlichen Raum barrierefrei zu gestalten", erklärt Verena Bentele. Dieses Jahr wird der Kronacher Bahnhof nochmals geprüft, ob ein barrierefreier Ausbau nötig wäre. Erst wenn es hier ein O.K. gibt, kann es langsam an den Ausbau gehen. "Es ist wichtig, dass hier nicht nach den Kosten gefragt wird, sondern nach dem Wert für die Menschen", sagt Michael Pütterich, Behindertenbeauftragter des Marktes Pressig. Er kann genau wie Verena Bentele nur hell und dunkel erkennen.


Das größte Nadelöhr der Stadt

Vom Bahnhof aus geht es weiter in Richtung Landesgartenschaugelände, durch das wohl größte Nadelöhr der Stadt. Nach dem Zebrastreifen müssen sich Radfahrer und Fußgänger einen schmalen Weg in der Bahnhofstraße teilen und hohe Bordsteine überwinden. Zudem ist die Fortführung des Fußgängerwegs höchstens einen Meter breit. Für Rollstuhlfahrer ein unüberwindbares Hindernis. "Da lang zu laufen, war jetzt ziemlich krass", sagt Verena Bentele. "Es wäre zu überlegen, an dieser Stelle nur auf einer Seite einen Fußgängerweg zu machen und den dafür viel breiter", ergänzt sie. Und eine Tempo-30-Zone wäre wünschenswert.

Am Landesgartenschaugelände ein komplett anderes Bild von Barrierefreiheit. Hier wurde bereits bei der Gestaltung darauf geachtet. "Bei neuen Projekten müssen wir gleich barrierefrei denken", sagt Richard Rauh.

Und das merken Verena Bentele und Michael Pütterich sofort. Blindenleitsysteme im Boden sowie Rampen als Alternative zur Treppe. Doch Verena Bentele hat einen absoluten Favoriten: Gerippte Bodenplatten, die mit Hilfe des Blindenstocks ertastet werden können, zeigen den Weg zu den Parkbänken. "So etwas gibt es nicht einmal im Englischen Garten in München. Da ist Kronach weit vorn", lobt die Wahl-Münchnerin die Umsetzung.