Lehrer sind es gewohnt, in der ersten Reihe zu stehen - dorthin zieht es sie aber nicht. Jedenfalls nicht immer. Gestern Morgen war Reimund Schuberth jedenfalls froh, sich gegen kurz nach neun Uhr dezent im Hintergrund halten zu dürfen. Schließlich befand sich der 61-Jährige nicht wie gewohnt im Klassenraum, sondern auf dem Sportplatz des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums (KZG) - und beobachtete aus sicherem Abstand, was sich der diesjährige Abiturjahrgang als traditionellen Abischerz einfallen ließ.

"Ich gehe davon aus, dass mich heute nichts erwartet", sagte der Chemie- und Biologie-Lehrer. Noch habe er bei den gestohlenen Utensilien keinen gefunden, der ihm gehört und der demnach in einem Spiel auf der eigens errichteten Bühne ausgelöst werden muss. "Vielleicht haben sie mein Haus ja nicht gefunden", sagt er und lacht. "Aber sicher kann man sich natürlich nie sein."


Eine kleine Zugabe

Zugute kam ihm aber wohl weniger die fehlende Ortskenntnis seiner Schüler, als vielmehr deren Fokus auf andere Aspekte. "Wir wissen, dass es bei unserer Schule dazugehört, den Lehrern Gegenstände zu klauen, aber wir wollten das in diesem Jahr etwas zurückfahren", erklärte Lilly Geißler, die zum harten Kern jener sechs bis sieben Schüler gehörte, die den Abischerz planten. "Diesmal waren die Diebstähle eher Einzelaktionen."

Opfer einer solchen wurde unter anderem der stellvertretende Rektor Thomas Müller. "Ich möchte, dass ihr mir mein Fahrrad wiedergebt, dass ihr mir heute Nacht aus meiner Garage geklaut habt", forderte er die Abiturienten halb ironisch auf der Bühne auf. "Ich weiß auch, wer das war. Die wohnt nämlich neben mir." Fünf Minuten später war er seinem Rad wieder ein Stückchen näher. Die Vorgabe: anhören, was die Schüler an einem von ihm ausgefüllten Steckbrief auszusetzen haben. "Reicht das für mein Fahrrad?", wollte er später von Tobias Schmidt wissen. Es reichte. Sogar für eine kleine Zugabe. "Wir wissen, dass sie gerne Billard spielen. Daher haben wir noch etwas für sie", sagte der Abiturient und überreichte dem gerührten Lehrer im Namen des Englisch-Kurses einen Gutschein für einen Billard-Salon.

Da war der Fahrrad-Diebstahl gleich wieder verziehen. "Es hätte übrigens auch ihre Katze sein können", verriet Schmidt noch. "Die hat uns in der Nacht nämlich verfolgt."

Doch Thomas Müller blieb nicht der einzige "Pauker", den es unfreiwillig in die erste Reihe zog. Mal mussten die geliebten Gegenstände in Spielen, die an die Sat1-Sendung "Mein Mann kann" angelegt waren, ausgelöst werden, mal in einer Art "Wer wird Millionär?" "Wir haben auch eine Reise nach Jerusalem mit Schülern und Lehrern geplant, um auch uns mit ins Boot zu holen", sagte Geißler, die immer mehr bekannte Lehrer-Gesichter auf dem Sportplatz entdeckte. "Die meisten sind zwar inzwischen hier, aber einige haben sich im Lehrerzimmer versteckt", so die 18-Jährige.

Das könne sie zwar in gewisser Weise nachvollziehen, schade finde sie es aber schon. "Das ist schließlich nur einmal im Jahr, da muss man sich auch mal veräppeln lassen. Außerdem haben sie ja irgendwann auch einmal ihr Abitur gemacht."


Nicht übertrieben

Insgesamt ist Geißler mit dem Abischerz aber zufrieden: "Ich finde, dass wir uns zurückgehalten haben. Es gab Jahrgänge vor uns, die es übertrieben haben." Die Folgen habe daher aber auch der aktuelle Abi-Jahrgang mittels verschärfter Auflagen erfahren. Die Abiturienten des Frankenwald-Gymnasiums, die bereits am Montag ihren Abischerz veranstalteten, dürften ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Reimund Schuberth konnte mit den Aktionen der Schüler ebenfalls gut leben - nicht nur, weil er gestern verschont blieb: "Im KZG habe ich bisher noch nie etwas Schlimmeres erlebt. Das blieb meist im Rahmen."
Wenn er an seine Schulzeit denkt, fallen ihm dagegen ganz andere Aktionen ein: "Die war geprägt von der 68er-Bewegung. Da war eine Zeugnisübergabe im Anzug gar nicht vorstellbar." Auch beim Abischerz sei es um einiges "rabiater" zugegangen. Ins Detail möchte er lieber nicht gehen: "Ich will die Schüler ja nicht auf dumme Gedanken bringen", scherzte er.