Kaum eine Diskussion erregt deutsche Gemüter so sehr wie ein mögliches Tempolimit auf Autobahnen. Mit einiger Regelmäßigkeit wird das Thema mehr oder weniger sachlich diskutiert - aktuell wieder als Wahlkampfthema für die Bundestagswahl 2021

Wenn es darum geht, nicht mit theoretisch unbegrenzter Geschwindigkeit über Autobahnen rasen zu dürfen, hören für viele Autofahrer*innen Logik und Vernunft auf. Es gibt kein objektives Argument, das für unbegrenztes Rasen spricht.

Schnelles Fahren erhöht die Unfallgefahr

Gerne wird argumentiert, bei 120 sei man im Falle des Unfalls genauso tot wie mit 200. Was hierbei gerne ausgeblendet wird, ist, dass die Reaktionszeit bei Tempo 200 natürlich deutlich geringer ist. Will meinen: Im Fall einer Kollision sind beide Geschwindigkeiten tödlich, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Kollision kommt, ist bei hohen Geschwindigkeiten schlicht höher.

Auch der Bremsweg ist länger - er erhöht sich sogar exponentiell: Bei Tempo 120 liegt der Bremsweg bei einer Gefahrenbremsung bei etwa 72 Meter, bei Tempo 180 schon bei über 160 Metern.

Gerade für Auffahrunfälle am Stauende sind das Zahlen, die über Leben und Tod entscheiden können.

Österreichische Studie: Im Vergleich mehr Unfälle auf deutschen Autobahnen

Einen Zusammenhang zwischen Unfallwahrscheinlichkeit und Tempolimit legt auch eine Studie des Verkehrsclubs Österreich (VCÖ) aus dem Jahr 2018 nahe: Auf deutschen Autobahnen sterben demzufolge rund 35 Prozent mehr Menschen als in Österreich und die Zahl der Unfälle liegt in Deutschland um etwa 50 Prozent über Österreich. Eine der Hauptunfallursachen ist weiterhin überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit. Ein Tempolimit würde hier nicht weniger als Leben retten.

Ein weiteres Argument, das in diesen Tagen an Dringlichkeit gewinnt, ist der CO2-Ausstoß. Etwa eine bis drei Millionen Tonnen CO2 könnten durch ein Tempolimit eingespart werden. Natürlich würde das alleine nicht das Klima retten, aber wir müssen uns davon verabschieden, dass es die eine Maßnahme gibt, die alle Probleme löst. Die Abwendung der Klimakatastrophe muss ein Zusammenspiel vieler Maßnahmen aus vielen Richtungen sein.

Sich auf die beliebte Position zurückzuziehen, dass diese oder jene Maßnahme zu wenig bringe oder wir in Deutschland sowieso nichts machen können, weil wir "nur" wenige Prozent am weltweiten CO2-Ausstoß ausmachen, sind nichts weiter als Faulheit und Borniertheit: Wenn sich niemand bewegt, ändert sich gar nichts. Jede Maßnahme zählt und es gibt wohl kaum eine einfachere und billigere Methode als ein Tempolimit, um die CO2-Emissionen um rund 0,2 Prozent zu senken.

Es bleibt ein Kampf gegen Windmühlen

Unbegrenztes, legales Rasen bringt aber auch ein Mentalitätsproblem mit sich: Viele Autofahrer*innen verwechseln die Abwesenheit eines generellen Tempolimits mit einem Recht auf Höchstgeschwindigkeit. Diesen Eindruck kann wohl jeder bestätigen, der im Rückspiegel die Wut in den Augen von Drängelnden und Rasenden gesehen hat. Die Fraktion der nah auffahrenden, hupenden, aufblendenden Raser*innen vertritt tatsächlich häufig die Meinung, dass ihnen Tempo 200 irgendwie zusteht.

Es bleibt die Frage, ob es überhaupt Sinn ergibt, die seit Jahrzehnten gleichen, logisch betrachtet zwingenden Argumente für ein Tempolimit aufzuzählen. Gegen den irrationalen Wunsch, schnell zu fahren, ist kein Kraut gewachsen. Solange der persönliche Spaß am Rasen über die Sicherheit aller gestellt wird, wird Deutschland wohl weiter neben Nordkorea und Afghanistan eines der wenigen Länder ohne vernünftige Geschwindigkeitsregulierung auf Autobahnen bleiben.

Den Verkehrsminister, Adrenalinjunkies und die Autoindustrie freut es - alle anderen, die sich durch Drängelnde und Rasende genervt, gestresst und schlicht gefährdet sehen, müssen weiter darauf warten, dass in Deutschland Vernunft über egoistische, irrationale Lust am Schnellfahren siegt.