Wie eine Krankheit zur Chance wurde

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Daniela Engerts Sohn Anton hat Diabetes. Mit kleinen Foto-Kärtchen hat die Sommeracherin Hilfsmittel entwickelt, mit denen auch Kinder die Krankheit gut meistern können ...
Foto: Julia Lucia
Anton Engert hat geschafft. Sechs Monate nach seiner Diagnose Diabetes Typ 1 lief er im August beim Hindernislauf Rock the Race in Würzburg mit. Stolz zeigt er seine Medaille.
Foto: Daniela Engert

Diabetes. Die Diagnose für den fünfjährigen Anton war ein Schock für seine Mutter Daniela Engert. Gemeinsam meistern sie die Krankheit - mit Hilfe einer tollen Idee.

Manchmal kommt's im Leben anders als man denkt und dann wird's noch mal anders. Daniela Engert aus Sommerach (Lkr. Kitzingen) kann davon eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von ihrem Sohn Anton. Bei einer Kontrolluntersuchung im Februar möchte der Kinderarzt das Blut des Fünfjährigen untersuchen. Engert, Krankenschwester von Beruf, wird stutzig. „Der Bluttest kam mir seltsam vor“, erinnert sie sich an den Termin. Auch die Fragen nach Antons Gesundheit irritierten sie.

Der Verdacht des Kinderarztes: Diabetes Typ 1. Schnell packte Engert zu Hause ein paar Sachen und fuhr mit ihrem Sohn in die Würzburger Mönchbergklinik. Auf dem Weg überschlugen sich ihre Gedanken. „Als Krankenschwester wusste ich, dass die Diagnose sicher ist“, erzählt sie. „Als Mutter habe ich gehofft und gehofft. Ich habe es gewusst, wollte es aber nicht begreifen.“

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Nicht wie ein rohes Ei behandeln

Zehn Tage bleibt der Junge in der Klinik. Schnell begreift er, dass er jetzt anders ist. „Er hat die Krankheit von Anfang an angenommen“, sagt Engert. Die 34-Jährige ist davon überzeugt, dass ihr souveräner Umgang sich auf ihn übertragen hat: „Mein Beruf war für mich ein großer Vorteil.“

Noch im Krankenhaus wird der 34-Jährigen klar, dass sie und ihr Mann Anton nie wie ein rohes Ei behandeln wollen, aber eine Frage im Krankenbett überraschte sie doch: „Mama, darf ich trotzdem bei Rock the Race mitmachen?“, fragte Anton. Schon vor der Diagnose war das Hindernisrennen im August rund um die Würzburger Festung sein Ziel. Mit seinem Vater wollte er auf die Strecke gehen. Für seine Mutter war klar, dass sie alles möglich machen werde, um ihm diesen Wunsch zu erfüllen.

Erzieherinnen dürfen Anton kein Insulin spritzen

Allerdings war ihr noch nicht klar, dass er im Trikot ihrer neugegründeten Firma laufen würde. Wieder zu Hause versuchte Daniela Engert den Familienalltag wie bisher weiterlaufen zu lassen: Anton spielte mit seinen zweijährigen Zwillingsschwestern Annalena und Isabell, tobte im Garten und auf dem Tisch stand das gleiche wie immer, auch Süßigkeiten.

Komplizierter war die Sache mit dem Kindergarten. Zwar ließen sich die Erzieherinnen schulen, aber sie durften Anton kein Insulin spritzen. Einen Pflegedienst wollte Daniela Engert nicht, damit Anton so normal wie möglich aufwachsen kann. Aber das hieß, dass sie vor jeder Brotzeit in den Kindergarten fuhr, um Anton das Insulin zu verabreichen – auf die Dauer keine tragbare Situation.

Neue Freiheiten entdeckt

Die junge Mutter überlegte, wie sie allen das Leben leichter machen könnte – und kam auf die Idee mit den Bildern. Lebensmittel, die Anton gerne aß, fotografierte sie und zwar nach Kohlenhydrateinheiten (KE), nach denen das zu verabreichende Insulin berechnet wird. Fünf kleine Butterkekse eine KE, fünf Chipsletten 0,5 KE oder ein kleiner Apfel eine KE. Neben der Brotzeit gab Daniela Engert Anton die passenden laminierten Kärtchen mit in den Kindergarten.

Anton stellte nun selbstständig die angegeben KEs auf seiner Insulinpumpe, die mittlerweile über einen Katheter mit dem Körper verbunden ist, ein und die Erzieherinnen kontrollieren nur noch, ob er den richtigen Wert eingegeben hat. „Eine super Lösung“, sagten sie begeistert. Daniela Engert sparte sich die regelmäßigen Fahrten in den Kindergarten und Anton merkte schnell, welche Freiheit er so bekommt. Kindergeburtstag? Kein Problem. Daniela Engert bespricht mit der Mutter, welche Karten sie mitgeben muss. Besuch bei einem Freund – die Standardkärtchen sind immer dabei und Engert kümmert sich von zu Hause aus um ihr kleines Unternehmen.

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Anton gibt ihr Kraft

Regelmäßig muss Anton zur Diabetologin. Dabei kamen im Frühling auch die Karten zur Sprache. Die Diabetologin war begeistert, sprach von einer Marktlücke und einer großen Hilfe für Kinder, aber auch für geistig eingeschränkte Menschen. Die Idee für die eigene Firma stand.

Über einen Patentanwalt meldete die junge Frau ein Gebrauchsmuster an, gründete im Juli das Kleinunternehmen Dantoni's , designte die Karten mit professioneller Unterstützung neu, fotografierte neue Lebensmittel, entwarf Sammelmäppchen für die scheckkartengroßen Bildchen, nähte Brotzeitbeutel mit Sichtfenster, eröffnete einen Online-Shop und stellte in Kliniken in Nürnberg, Erlangen und Würzburg ihre Kärtchen vor. Überall die gleiche positive Resonanz.

Das Feedback und die Unterstützung ihrer Familie lassen sie weitermachen. Auch wenn sie sich manchmal selbst fragt, wie sie alles meistert. Manche sind schon mit einem chronisch kranken Kind überfordert, sie wird nebenbei noch Jungunternehmerin. Die Kraft dafür gibt ihr Anton. „Ich mache es doch für ihn“, sagt sie. Dass daraus ein Geschäft wurde, hat sich so entwickelt. Hindernisse sind da, um überwunden zu werden. Egal, ob in Familie, beim Rock the race oder in der Geschäftswelt – denn es kommt im Leben ohnehin immer anders als man denkt.

Weltdiabetestag am 14. November

Der Weltdiabetestag wurde 1991 als weltweiter Aktionstag eingeführt. Als Datum wurde der 14. November gewählt – der Geburtstag von Sir Frederick Banting, der mit Charles Best 1922 das Hormon Insulin entdeckte.

Wenn Kinder an Diabetes erkranken, liegt meist ein Typ-1-Diabetes vor. Durch eine Fehlsteuerung des Immunsystems werden die insulinproduzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse unwiderruflich vom Körper selbst zerstört. Das Hormon Insulin ist nötig, um Zucker aus dem Blut in die Zellen weiterzuleiten. Ohne Insulin steigt der Zuckerspiegel im Blut an und es kommt zu schweren, mitunter tödlichen, Stoffwechselentgleisungen, auch zahlreiche Organe werden geschädigt. Kinderdiabetes ist die häufigste Stoffwechselkrankheit im Kindesalter. Laut der Stiftung Dianino – Kind sein. Trotz Diabetes. ist mittlerweile 1 von 600 Kindern betroffen, Tendenz steigend. Sind bereits viele Beta-Zellen zerstört, macht sich der Insulinmangel oft mit Symptomen wie großer Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit, Gewichtsverlust und Übelkeit bemerkbar. Ein Typ-1-Diabetes entsteht oft innerhalb weniger Tage und Wochen.

Hilfe und Informationen finden betroffene Familien hier: www.stiftung-dianino.de und www.diabetes-kids.de