Die ersten Wochen meines Sportabzeichen-Projekts habe ich erfolgreich (Bronze im 100-Meter-Lauf und im Weitsprung) und mit Mühe (15 Minuten schwimmen) hinter mich gebracht. Doch vom Ziel bin ich noch ein ganzes Stück entfernt. Um die Disziplingruppen Ausdauer (zum Beispiel 3000 Meter rennen oder 20 Kilometer Radfahren) und Kraft (Kugelstoßen, Medizinballwurf, Standweitsprung) habe ich mich bisher gedrückt. Bis Ende September bleibt schließlich genug Zeit für die Prüfungen – vorausgesetzt, die Gesundheit durchkreuzt nicht meine Pläne.

Das Sportabzeichen ist für den ungeübten Körper ein riskantes Unternehmen. Kein lebensgefährliches, aber unter Umständen ein schmerzhaftes. Mich erwischt es in der dritten Trainingseinheit. Beim Weitsprung. Statt mich mit 4,30 Metern zu begnügen, will ich noch weiter fliegen: langer Anlauf, schnelle Schritte, kraftvoller Absprung. In dem Moment, als mein ganzes Gewicht (77 Kilogramm) das rechte Bein belastet, passiert es. Der Oberschenkel reagiert mit teuflischen Schmerzen. Komisch, dass es nach der Landung auch auf der linken Seite sticht. Ich humple bucklig und ohne neuen Bestwert aus dem Sand, jeder Schritt eine Folter, und schaffe es nur schwer, mein Leiden vor den anderen aus der Trainingsgruppe zu verheimlichen. Nicht nur mein Körper, auch mein Stolz ist angeschlagen.

Irgendetwas stört tief in den Oberschenkeln: eine Beeinträchtigung, die ich bisher nicht kannte. Es fühlt sich an, als hätte ich für die Showeinlage eines schlechten Messerwerfers zur Verfügung gestanden. Meine Befürchtungen sind schlimm: Mit einem Muskelfaserriss wäre das Projekt gescheitert. Mich quält die Frage, wie das passieren konnte. Schnell ist klar: Die Hitze hat mich leichtsinnig gemacht. Auf das Aufwärmprogramm hatte ich verzichtet. Muskeln bleiben bei Belastung eben länger gesund, wenn sie gedehnt worden sind. Das habe ich nun davon.

Zum Arzt gehe ich natürlich nicht. Eine Schmerzsalbe muss reichen. „Präzise, schnell, verträglich“, verspricht die Tube. Ich reibe das Gel über Nacht auf meine Schenkel. Am nächsten Morgen ist der Schmerz verschwunden. Dafür sollte der Erfinder der Salbe den Medizin-Nobelpreis bekommen. Einen Riss schließe ich aus, nachdem mich Kollege Harald aus dem Lokalressort, ein ehrgeiziger Freizeitläufer, belehrt hat: „Du könntest sonst keinen Schritt mehr laufen“, meint er in der Mittagspause. Glück gehabt. Im Alltag ist eine Zerrung wirklich auszuhalten.

Eine Woche später: das nächste Training. Ich setze nicht aus. Schon beim Aufwärmen meldet sich der Oberschenkel wieder. Trotzdem renne ich – gegen die Vernunft – die hundert Meter. Die Strecke, bei der die Belastung für die Muskeln wegen der Schnellkraft am größten ist. Die Stiche in den Beinen bremsen. Um den Schaden nicht zu vergrößern, kapituliere ich nach wenigen Metern und laufe nicht mit voller Energie. Die Zeit ist jetzt auch egal. Meine Problem-Oberschenkel bleiben mir also treu. Aber ich klage nicht. Ohne Schmerzen geht es nicht. Das Ziel ist groß.

In der Kolumne „Kämmerer kämpft“ berichtet unser Autor von seinem Vorhaben, das Sportabzeichen zu erwerben. 2013 wird der Mehrkampf des Breitensports, bestehend aus den Disziplinen Leichtathletik, Schwimmen, Radfahren und Turnen, 100 Jahre alt. Die bisher erschienenen Teile der Kolumne finden Sie im Internet unter: www.mainpost.de/sport/kitzingen