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Iphofen

Mit 68 Jahren fängt für Josef Mend ein neues Leben an

Nach 30 Jahren wird aus dem politischen Menschen Josef Mend ein Privatier. Er geht im Gefühl, Spuren hinterlassen zu haben, die über seine Bürgermeisterzeit hinausgehen.
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"Life is live", pflegte Josef Mend in 30 Jahren als Iphöfer Bürgermeister oft zu sagen, wenn er auf die Unwägbarkeiten des Lebens abzielte. Das Bild zeigt ihn mit einer Fahne der Europäischen Union in seinem Dienstzimmer. Foto: Eike Lenz
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Raus aus der vertrauten Enge des Ratssaals, rein in die schier unendliche Weite der Karl-Knauf-Halle: Die Corona-Krise mutet auch einem Mann wie Josef Mend noch manches zu, was er sich auf seine letzten Tage als Iphöfer Bürgermeister gern erspart hätte.  Zu seiner letzten Arbeitssitzung der zu Ende gehenden Wahlperiode musste der Stadtrat dieser Tage in die Stadthalle umziehen. Vergleichbares hat Mend noch nie erlebt: nicht in bald 68 Lebensjahren und auch nicht in 30 Dienstjahren.

Mend hat Iphofen mit Ideen und Überzeugungen geformt

Ende April räumt er seinen Platz im Rathaus, Eckzimmer, zweites Obergeschoss, mit Blick auf den Marktplatz, und geht in den politischen Ruhestand. Mitglied des Kreistages wird er zwar bleiben , aber das Leben des Mannes, der jahrzehntelang ein Mann der Öffentlichkeit gewesen ist, wird sich dann hauptsächlich im Privaten abspielen.

Mend ist ein Kind der Iphöfer Altstadt, hier ist er aufgewachsen, hier lebt er nach wie vor mit seiner Frau Maria. Die Altstadt aber ist umgekehrt auch sein Kind. Hier, im Herzen Iphofens, hat er in 30 Jahren die tiefsten Spuren seines beruflichen Wirkens hinterlassen. So, wie die Stadt heute dasteht, wie sie nach innen und außen strahlt , hat er sie mit seinen Ideen und Überzeugungen geformt, teils bis ins Detail.

Er hat die Vergangenheit konserviert, ohne Zukunft zu verhindern, hat das Bodenständige und Gediegene bewahrt, aber immer so viel Mut bewiesen, dass die Stadt den Zeitgeist atmen und Veränderung sichtbar werden konnte. Manches Anwesen hat er diesem Zeitgeist geopfert, von historischen Nachbauten hielt er nicht viel. Aber nie bestand dabei die Gefahr, dass die Identität der Stadt verloren gehen könnte.

Eine Stadt als ein kleines, vom Glück gesegnetes Reich

Als vor der Kommunalwahl 2005 ein Reporter der "Süddeutschen Zeitung" Iphofen besuchte, beschrieb er ein "kleines Reich, das vom Glück gesegnet ist": eine Stadt, die sich – dank der Gewerbesteuer-Millionen eines global handelnden und regional denkenden Baustoffgiganten – immer mehr leisten konnte als die meisten anderen Kommunen und die ihren Wohlstand sinnstiftend einzusetzen verstand.

Sie investierte in Schule und Kindergärten, in Bürger- und Jugendhäuser, in eine Sport- und Veranstaltungshalle, in Baugebiete und Altstadtsanierung. Es waren große Projekte, und bei jedem Spatenstich oder Einweihungsfest hielt Mend ausgefeilte Reden, in denen er kaum wiederzuerkennen war.

Am besten war er immer dann, wenn er frei von der Leber weg sprach, wenn er nicht ins Korsett einer vorbereiteten Rede gezwängt war, sondern den Blick und die Gedanken schweifen lassen konnte. Überregionale Medien verliehen ihm oft den gestelzten Titel „Verwaltungsfachmann“, aber das klang zu sehr nach Technokrat. Nicht dass er auch pragmatisch sein konnte, etwa wenn es um die Einhaltung der Gestaltungssatzung und die Regeln des Bauens in der Altstadt ging.

Ein Freigeist, der perspektivisch dachte und Träume wagte

Aber im Grunde war er ein Freigeist, der perspektivisch dachte und es sich erlaubte, auch mal zu träumen, die Grenzen des Kalküls zu sprengen und damit manchen zu überfordern. Nicht alle Träume der vergangenen 30 Jahre erfüllten sich, nicht alles ließ sich umsetzen. Aber sein Credo ist ohnehin: "Eine Stadt kommt nie zum Stillstand."

Manche warfen Mend vor, mit den Jahren eine stoische Selbstherrlichkeit entwickelt zu haben, und natürlich war er sich seiner Position und Bedeutung bewusst, etwa wenn er kokettierte: "Ich traue mir ja zu, vieles zu erreichen, aber alles schafft selbst ein Iphöfer Bürgermeister nicht."

Je länger er waltete, umso weniger Rücksichten musste er nehmen, und so wetterte er schon einmal gegen die Unvernunft von Autofahrern und die Sturheit von Grundstücksbesitzern oder nahm es – wie bei seiner Schelte gegen die Architektur von Fertighäusern – mit einer ganzen Branche auf.

Bleibende politische Schäden trug er nie davon, vielleicht auch, weil seine Kritik nie ideologisch grundiert war. Als die CSU im Jahr 2008 mit einem eigenen Bewerber in die Bürgermeisterwahl zog , schadete dies den Herausforderern durch interne Zwistigkeiten mehr als Mend. Dass er im Stadtrat immer auf eine stabile Mehrheit seiner Freien Wähler zählen konnte, war gewiss ein Vorteil – gebraucht und genutzt hat er sie nur in den seltensten Fällen.

Projekte waren wichtiger als parteipolitische Ranküne

Er machte Zugeständnisse, die ihm nicht weh taten, so konnte er die Sonne auch mal auf andere strahlen lassen. Wichtiger als parteipolitische Ranküne war es ihm, dass Beschlüsse und die dahinter stehenden Projekte möglichst einstimmig getragen wurden. Der Stadtrat stimmte zu, er kümmerte sich dann schon um die höchstmöglichen Zuschüsse.

So ist Iphofen das liebens- und lebenswerte Städtchen geblieben, das – bei aller Anziehungskraft für Fremde und Einheimische – nicht verschont wurde vom umfassenden Strukturwandel. Auch Mend ist es nicht gelungen, einen Lebensmittelmarkt am Marktplatz zu etablieren. Dafür stehen dort zu manchen Zeiten viel zu viele Autos.

Da habe es ihm, gestand er einmal, wohl an Mut für ein nachhaltiges Verkehrskonzept gefehlt. Damit darf sich nun sein vor Kurzem gewählter Nachfolger Dieter Lenzer herumschlagen. Früh hatte Mend nach einem politischen Erben in den eigenen Reihen Ausschau gehalten. Lenzer, 44, ist auch er ein Kind der Altstadt, sitzt seit 18 Jahren im Stadtrat und stand 1996 erstmals auf der Kommunalwahlliste der Freien Wähler. Er weiß, wie groß die Aufgabe des Amtes sein wird.

In einer früheren Version des Artikels war zu lesen, dass Josef Mend bald 67 Jahre werde. Er wird im Mai  aber schon 68.