Mainbernheimer Straße, Marktstefter Weg, Buchbrunner Straße – viele Straßennamen in Kitzingen geben vor allem über eines Auskunft: Wo kommt man raus, wenn man dem Weg folgt? Doch Straßennamen sind mehr als nur Ortsangaben. Sie erzählen eine Geschichte. Über die Historie der Stadt – aber auch über die Zeit, in der sie benannt wurden. Besonders deutlich zeigt sich das in der Kitzinger Siedlung.

Eine Frau läuft über die Kreuzung Texasweg und Breslauer Straße. Sie wohnt ein paar Häuser weiter. Ob sie denn weiß, warum die Straßen hier so heißen? „Die Breslauer Straße heißt so wegen den Flüchtlingen aus Schlesien“, weiß die Frau zu berichten.

Sie hat recht: Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele Menschen auf der Flucht – aus den ehemaligen deutschen Gebieten im Osten, aber auch aus den zerbombten Großstädten. Millionen Menschen mussten in einem Landesteil untergebracht werden, in dem blanke Not herrschte. Dafür mussten Lösungen geschaffen werden. Neue Wohnungen wurden gebaut, mancherorts wurden Hauseigentümer gezwungen, Flüchtlinge aufzunehmen. Von solchen Lösungen zeugen noch heute Namen wie „Breslauer Straße“.

Vor dem Zweiten Weltkrieg hieß die Breslauer Straße Schlageterstraße: Albert Leo Schlageter galt dem NS-Regime als „erster Soldat des Dritten Reichs“. Während der Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich und Belgien im Jahr 1923 war Schlageter als militanter Aktivist mit Bombenanschlägen in Erscheinung getreten.

Der Name „Schlageterstraße“ spiegelt die Geschichte des Stadtteils wider: „In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand im Randbezirk von Kitzingen nach und nach ein völlig neuer Stadtteil, die Siedlung“, erzählt Doris Badel, Leiterin des Stadtarchivs Kitzingen. Anselm Caliz gilt als erster „Siedler“. Er hatte laut Archiv 1921 sein Haus auf freiem Feld am heutigen Texasweg errichtet. „Die Siedlung entwickelte sich seit Mitte der 20er Jahre immer weiter nach Osten, seit 1933 wurden hier mehr und mehr gleichförmige Einfamilienhäuser gebaut“, sagt Badel.

Die Bautätigkeit war Teil des sozialen Wohnungsbaus im Dritten Reich, die Straßennamen sollten die Ideologie der Zeit widerspiegeln. Einige Straßen verweisen noch heute auf dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte: Die Skagerrakstraße erinnert an die große Seeschlacht zwischen Deutschem Reich und dem Vereinigten Königreich im Ersten Weltkrieg. Die Memellandstraße sollte das Gedenken an das 1920 von Deutschland abgetrennte Memelland im heutigen Litauen wach halten.

Einige der Namen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus offensichtlichen Gründen umbenannt: So heißt die Adolf-Hitler-Straße heute Friedrich-Ebert-Straße. „Interessanterweise wollte die SPD die Straße, die damals Bahnhofsstraße hieß, schon in den 1920er Jahren nach Friedrich Ebert benennen“, erzählt Doris Badel. „Der Stadtrat schmetterte den Vorschlag damals ab – Ebert sei als Mensch der Zeitgeschichte nicht wichtig genug.“ Kurze Zeit später hieß die Straße nach Adolf Hitler. Und nach dem Krieg wurde der alte Vorschlag wieder ausgegraben.

Doch die große Umbenennungswelle blieb nach dem Zweiten Weltkrieg aus. Eine Erklärung dafür fand Doris Badel in einem Schreiben des „Bayerischen Städteverbunds“ aus dem Jahr 1949. Darin wird eine Empfehlung an alle Mitgliedsstädte ausgesprochen, ein „sinnloses Verändern von Platz- und Straßennamen, die eine Erinnerung an historische Zusammenhänge, an das Wachstum der Stadt oder an Persönlichkeiten beinhalten, tunlichst zu verhindern“.

Eine Entwicklung, die die Stadtarchivarin Badel begrüßt. So bleibe die Geschichte der Stadt lebendig. Auch zweifelhafte Namen, wie Memellandstraße oder Langenmarckstraße, könnten dazu dienen, sich mit der Entwicklung der Stadt kritisch auseinanderzusetzen.

Und was ist nun mit dem Texasweg? Von einer Einwanderwelle aus Texas steht nichts in den Geschichtsbüchern und es fand auch keine große Schlacht mit deutscher Beteiligung in Texas statt. Oder hatten vielleicht die in Kitzingen stationierten Amerikaner etwas damit zu tun? Eher nicht: Die Straße wurde bereits 1933 so genannt, lange bevor sich die US-Amerikaner in Kitzingen niederließen.

Die Frau aus der Siedlung zuckt die Schultern. „Es gibt die Theorie, dass es hier früher sehr viele Eidechsen gab und das damit zusammenhängt“, sagt sie. So richtig glauben tut sie das aber nicht. Auch Doris Badel kennt keine zufriedenstellende Antwort: „Manchmal weiß man bei Namen einfach nicht, warum sie so gewählt wurden“, sagt sie. Aber auch das hat ja sein Reiz – und ist Teil der Stadt Kitzingen und ihrer Geschichte.



Kommentar
Wehret den Anfängen

Wenn man heute manche Leute reden hört, bekommt man es mit der Angst zu tun. Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile und Missgunst sind wieder salonfähig geworden. Wir müssten es es besser wissen. Ein Blick in die Geschichte hilft.

Die Geschichte des Dritten Reiches, der Judenverfolgung und des Zweiten Weltkriegs ist nicht etwas, das irgendwo weit weg stattgefunden hat. Es waren nicht nur Hitler, Goebbels und Himmler, die Leid über die Menschen brachten. Es waren die ganz normalen Bürger, die den Hass schürten, die töteten und selbst getötet wurden.

Um das zu verstehen, ist es wichtig, Geschichte nicht nur aus irgendwelchen Büchern zu erlesen, sondern sie vor Ort zu erfahren. Durch die kleinen Stolpersteinen, die aufzeigen, wo die Menschen früher wohnten, die in den Gaskammern ums Leben kamen. Durch die Geschichten der älteren Mitbürger, die noch selbst Verwandte und Bekannte an der Front oder durch die Fliegerbomben verloren haben.

Es ist wichtig, sich den Weg zur größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts bewusst zu machen. Sich bewusst zu machen, wie kleine Schritte schließlich zum Tod von Millionen von Menschen führten.

Wer weiß heute schon noch, dass die Kitzinger Siedlung mal „Siedlung der SA“ genannt wurde? Dass keine Gelegenheit vergeudet wurde, um auf die im Ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete zu verweisen und rechte Märtyrer zu ehren? Dass die Menschen durch das tausendfache Wiederholen der Lügen die Lügen irgendwann glaubten?

Um zu verhindern, dass der Islam genauso verteufelt wird wie damals das Judentum, eine ganze Bevölkerungsgruppe stigmatisiert wird und der Hass von Tag zu Tag wächst, sollten wir uns erinnern. Wehret den Anfängen!