Ein „Leuchtturmprojekt“ für die medizinische Versorgung im ländlichen Raum nennt Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) die Generalsanierung der Main-Klinik in Ochsenfurt. Doch das Fundament dieses Leuchtturms droht brüchig zu werden, weil es immer schwerer fällt, ausreichend Pflegekräfte zu finden. Das liegt auch an bürokratischen Hürden, sagt der Geschäftsführer der Klinik, Christian Schell.

Die Sanierung, die im Lauf des kommenden Jahrzehnts rund 100 Millionen Euro kosten wird, war Anlass für die Stippvisite des Ministers am Freitagnachmittag. Im einstündigen Gespräch mit Ärzten, Pflegekräften und örtlichen Politikern wurde die Personalsituation allerdings schnell zum beherrschenden Thema.

„Mich stört an der Diskussion, dass immer nur über die Bezahlung geredet wird“, sagt Pflegekoordinatorin Susanne Saemann, die seit 30 Jahren an der Main-Klinik tätig ist. Natürlich sei ein angemessenes Gehalt wichtig. „Aber noch wichtiger ist es für eine Pflegekraft, dass sie Familie und Beruf unter einen Hut kriegt und sich darauf verlassen kann, dass ihr Dienstplan eingehalten wird.“ Von dieser Situation sei man auch in der Main-Klinik inzwischen weit entfernt. Personalreserven gibt es nicht. „Wir könnten auf jeder Station noch drei, vier examinierte Pflegekräfte mehr beschäftigen, aber wir finden keine“, so Saemann. Dass eine Krankenschwester kurzfristig im Schichtdienst einspringen muss, wenn Kollegen krank werden, sei deshalb an der Tagesordnung.

Minister Klaus Holetschek hört aufmerksam zu, fragt nach. Das Problem ist ihm bewusst, sagt er: „Wir wissen, dass Klatschen nicht reicht.“ Arbeitsbedingungen müssten sich ändern und vor allem die Ökonomisierung, die das Gesundheitswesen in den zurückliegenden Jahrzehnten erfahren hat, müsse wieder auf ein vernünftiges Maß zurückgenommen werden.

Das unterstreicht auch der ärztliche Direktor der Klinik, Joachim Stenzel. Unter den wirtschaftlichen Vorgaben, die den Kliniken gemacht werden, leide die Qualität der Patientenversorgung. Die zusätzliche Belastung während der Corona-Pandemie verstärke das Problem zusätzlich, sagt die Vorständin des Landkreis-Kommunalunternehmens (KU), Eva von Vietinghoff-Scheel: „Ich merke so viel Erschöpfung unter den Mitarbeiterinnnen und Mitarbeitern, die Flucht aus der Pflege hat jetzt erst richtig begonnen.“

Dass in den Ballungsräumen Leiharbeit inzwischen zum Alltag in Kliniken und Pflegeeinrichtungen gehört und sogar Abwerbeprämien gezahlt werden, nennt Vietinghoff-Scheels Vorstandskollege Alexander Schraml einen „Skandal ohne Ende“. „Leiharbeit in der Pflege muss verboten werden“, fordert Schraml.

Um den Fachkräftenachwuchs zu fördern, setzt die Main-Klinik auf verstärkte Ausbildung und plant den Bau einer eigenen Pflegeschule. Doch Ausschreibungsrichtlinien und die zögerliche Zulassung der Schule haben den Start um ein ganzes Jahr verzögert, beklagt Klinik-Geschäftsführer Christian Schell. Bei der Umsetzung der neuen, generalisierten Pflegeausbildung seien die bürokratischen Hürden im Freistaat Bayern höher als in den übrigen Bundesländern. Die Ausbildung fällt ins Ressort von Kultusminister Michael Piazolo (FW). Klaus Holetschek verspricht aber, der Kritik nachzugehen.

Es sind viele anerkennende Worte, die der Gesundheitsminister für die Arbeit der Main-Klinik findet. Die Vernetzung zwischen ambulanter und stationärer Behandlung, wie sie in Ochsenfurt bereits seit langer Zeit praktiziert wird, sei beispielhaft für die Zukunft der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum. „Ich bin begeistert von dem, was ihr hier auf die Beine stellt“, so Holetschek.

Doch auch hier werde die Bürokratie immer mehr zum Hemmschuh, meint KU-Vorstand Alexander Schraml und spricht damit unter anderem die Dokumentationspflichten an, die Ärzte und Pflegekräfte zunehmend belasten. „Wir schaffen damit immer mehr Arbeit für Pflegekräfte außerhalb der Pflege“, so Schraml. Immerhin ist der Main-Klinik in diesem Jahr die Umstellung auf die digitale Patientenakte gelungen. Geschäftsführer Schell verspricht sich davon zumindest eine gewisse Entlastung für die Mitarbeitenden.

Für einen Rundgang durch die Klinik-Baustelle bleibt Klaus Holetschek keine Zeit mehr. Dafür nimmt er viele offene Baustellen mit zurück in sein Ministerium. Er hofft darauf, dass die Erfahrungen aus der Corona-Zeit ein Umdenken in der medizinischen Versorgung beschleunigen können. „Ich möchte, dass wir stärker aus dieser Pandemie rauskommen“, sagt Holetschek und eilt zu seinem nächsten Termin.