Tatsächlich wird aber beinahe jede zweite Ehe in Deutschlands Großstädten geschieden. Sind wir ein Volk der Beziehungsunfähigen?
Ohana: Überhaupt nicht, diese Entwicklung ist auch nicht so schlimm, wenn man genauer hinsieht. Im Gegenteil. Diejenigen Beziehungen, die halten, sind die glücklichsten, die es je gegeben hat. Weil sie frei gewählt wurden, wenn ein gutes Beziehungsmuster dahintersteht. Früher haben Ehen länger auf dem Papier gehalten, aber viele waren eine Katastrophe.
Was ist die Basis für eine dauerhafte Beziehung?
Ohana: Wer eine gesunde Selbstreife hat, ist beziehungsfähiger, sozialkompetenter und sicher glücklicher in seiner Ehe.
Was verstehen Sie unter gesunder Selbstreife und Beziehungsfähigkeit?
Ohana: Unsere Beziehungsfähigkeit, so wie wir lieben, das lernen wir in der Kindheit, durch unsere Eltern. Vermitteln sie uns genug Selbstreife, also eine gesunde, liebevolle Beziehungsfähigkeit, lieben wir stabiler, weil wir uns reifer, sozialkompetenter verhalten. Die gesunde Selbstreife sagt also grundsätzlich etwas über uns als Person aus. Sie ist ein zentraler Teil unserer Persönlichkeit. Und damit auch grundlegend für unsere Fähigkeit, Beziehungen einzugehen.
Lässt sich die Beziehungsfähigkeit durch äußere Einflüsse steuern? Oder sind wir durch die Geburt, durch unsere Gene, geprägt?
Ohana: Wenn wir auf die Welt kommen, ist unser Gehirn relativ unverknüpft. Erst durch die sozialen Erfahrungen mit unseren Eltern entwickelt sich unsere Persönlichkeit. Das Gehirn ist ein Beziehungsorgan, wenn man so will. Wir sind soziale Erfahrungswesen.
Dann lässt sich die Beziehungsfähigkeit also lernen.
Ohana: Wir lernen Liebe. Und: Wir können unsere Beziehungsfähigkeit umlernen, nachreifen lassen. Voraussetzung ist allerdings das Einsehen, in der Kindheit etwas falsch gelernt zu haben. Wir können also ein Leben lang durch neue Erfahrungen unser Verhalten ändern lernen.
Ist es mit 60 nicht ein wenig zu spät, etwas zu ändern.
Ohana: Das sehe ich nicht so. Die entscheidenden Lebensjahre, wo sich unsere gesunde oder eben nicht so reife Beziehungsfähigkeit zeigt, ist mit Ende 20, Anfang 30. Menschen haben dann schon ein paar Erfahrungen gemacht und merken manchmal: Sie scheitern immer an der gleichen Stelle. Die meisten verstehen dann, dass das sehr viel mit ihnen selbst zu tun hat und hinterfragen das. Beim ein oder anderen dauert das dann etwas länger. Doch Sie haben schon recht: Je früher wir uns hinterfragen und umlernen, umso besser.
Außerdem tickt dann die biologische Uhr bei den Frauen.
Ohana: Mit Verlaub: Es gibt sehr viele Männer, die mit Anfang 30 intensiv nach der richtigen Frau suchen und Kinder wollen, und es gibt Frauen, die diesen Wunsch gar nicht verspüren. Frauen würden mehr Kinder bekommen, wenn die Arbeitgeber und die Politik bessere Rahmenbedingungen schaffen würden. Das ist wichtiger als jede biologische Uhr. Aber das ist ein anderes Thema.
Ist es generell schwieriger geworden, beziehungsfähig zu sein?
Ohana: Die Generationen verhalten sich verschieden. Die Alten, die jetzt über 70 sind, trennen sich oft sehr spät, wenn die Kinder schon lange aus dem Haus und sie selbst in Rente sind. Es sind hier die Frauen, die nach über 25 Jahren Ehe, die letzten Lebensjahre frei und ohne alte Rollenmuster leben wollen.
Und deren Kinder?
Ohana: Wer in den 60er und 70er Jahren geboren wurde, der zählt zu einer Übergangsgeneration: Deren Mütter und Väter waren ja noch ex-trem konservativ. Sie selbst heiraten um die 30, aber wenn die Kinder Teenager sind, wackeln dann viele Ehen. Die ziehen mit 50 noch mal los und suchen jemanden, der dann besser zu ihnen passt, für die zweite Lebenshälfte. Doch die Frauen, die noch wie ihre Mütter zu Hause bei den Kindern geblieben sind, haben in Karriere, Verdienst und Rente hierbei noch sehr stark das Nachsehen.
Und die nächste Generation?
Ohana: Die jetzt 20-Jährigen denken und handeln sehr gleichberechtigt, beide wollen Karriere machen und an der Kindererziehung beteiligt sein. Mal sehen, ob mit diesen ähnlichen Rollenbildern die Ehe länger halten wird.