Mehr als fünf Millionen Menschen sind in Deutschland an einer Depression erkrankt. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe spricht von einer Volkskrankheit. Weltweit sind mehr als 300 Millionen Menschen betroffen. Tendenz steigend. Christine Robl kennt diese Zahlen. Und sie kennt das Leid, das damit verbunden ist. Dagegen will sie etwas tun. Seit drei Jahren führt sie zusammen mit Regine Begatik die Selbsthilfegruppe „Gemeinsam aktiv gegen Depression“.

Warum haben Sie die Selbsthilfegruppe gegründet?

Robl: Weil ich gemerkt habe, dass es ganz vielen Menschen genauso geht wie mir. Dass sie Hilfe suchen und dass ihnen der Kontakt gut tut. Viele suchen einen Raum, in dem sie sich nicht erklären müssen, sondern sich verstanden fühlen.

Christine Robl ist in Baden Württemberg aufgewachsen, 2002 ist sie ins Unternehmen ihres Vaters eingestiegen. Hartmetall- und Profiltechnik. Sie war zuständig für den Vertrieb. Selbstständigkeit. Immer ansprechbar. „Irgendwann konnte ich nicht mehr“, erinnert sie sich. Wie in einem Hamsterrad fühlte sie sich. „Während man da drinnen ist, sieht man keinen Ausgang“, sagt sie. „Nicht mal eine Tür oder Fenster.“ Ihr Körper hat Christine Robl immer neue Streiche gespielt. Kopfweh, Müdigkeit, Fersensporn, Signale gab es genug. „Die Seele schreit leise und der Körper reagiert“, sagt sie heute. Robl hat sich quaddeln lassen, hat Tabletten eingeworfen. Erst als sie einen Herzinfarkt erlitt, kam sie zur Ruhe. Notgedrungen. „Ich habe in der Klinik einen Zusammenbruch erlitten“, erinnert sie sich. Dennoch: So schnell wie möglich wollte sie wieder raus aus dem Krankenhaus. „Die Arbeit hat schließlich gerufen.“ Heute kann Robl über diese Einstellung lachen. Damals wäre sie fast daran verzweifelt.

Frage: Warum geraten so viele Menschen in eine Depression?

Robl: Die Wege sind sehr verschieden. Manche Menschen werden lethargisch, andere überaktiv, manchmal kommt auch eine Manie hinzu. Der Weg kann auch über einen Burnout führen, wie bei mir. Das Grundthema ist aber immer das Gleiche: Es gibt einen Leidensdruck, dessen Ursache in aller Regel in der Kindheit zu finden ist. Weil dort Urbedürfnisse nicht erfüllt worden sind.

Frage: Zum Beispiel?

Robl: Bedingungslose Liebe. Andere mussten schon als Kind funktionieren, sind nie zu einem selbstbestimmten Leben hin erzogen worden. Manchmal gibt es aber auch Schlüsselerlebnisse, die zu einer Depression führen können. Trauer, Trennung, Arbeitslosigkeit, aber auch der Einstieg in die Rente.

Christine Robl bezeichnet ihren Vater als Narzissten und Psychopathen. Seit 13 Jahren hat sie keinen Kontakt mehr zu ihm, seit sie aus dem Geschäft ausgestiegen ist. „Ich wusste, worauf ich mich einlasse“, sagt sie. Nach ihrem Zusammenbruch entschieden die Ärzte, dass sie in die psychosomatische Abteilung überführt wird. Neun Wochen war sie dort. „In der siebten Woche hat es klick gemacht“, erinnert sie sich. „Ich habe endlich verstanden, dass ich etwas verändern muss in meinem Leben. Etwas Gravierendes.“ Ihr Mann stand hinter ihr, zusammen brachen sie die Zelte ab, Christine Robl begann eine Ausbildung zur Mal-Therapeutin. „Wenn mir das jemand prophezeit hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, sagte sie heute und lacht. Seit acht Jahren lebt das Paar im Landkreis Kitzingen, ihr Mann hat hier Arbeit gefunden.

Frage: Wie kamen Sie dazu, eine Selbsthilfegruppe in Kitzingen zu gründen?

Robl: Bei einem Vortrag in der Alten Synagoge über das Thema Depression habe ich gemerkt, dass mich der Referent nicht anspricht. Er riet dazu, Sport zu treiben, an die frische Luft zu gehen. Aber wenn man sich in einer depressiven Phase befindet, hat man keinen Antrieb. Man kann sich nicht zusammenreißen. Nach dem Vortrag habe ich mit anderen Besuchern lange darüber geredet und gemerkt: Der Bedarf ist riesig. Auch hier, im relativen kleinen Kitzingen.

Ein paar Wochen später hat Christine Robl zusammen mit Regine Begatik und einer weiteren Freundin Kontakt zum Landratsamt und zum Paritätischen Wohlfahrtsverband aufgenommen. Sie hat wertvolle Informationen erhalten und den Schritt gewagt: Im Juni 2017 fand das erste Treffen der Gruppe „Gemeinsam aktiv gegen Depression“ statt. 18 Teilnehmer sollten maximal aufgenommen werden. „Die Gruppe war von Anfang an voll.“

Frage: Wie läuft so ein Treffen ab?

Robl: Alle zwei Wochen kommen wir für zweieinhalb Stunden im Stadtteilzentrum in der Kitzinger Siedlung zusammen. Ich bin sehr dankbar, dass wir die Räumlichkeiten dort nutzen können. Wir tauschen uns offen und vertrauensvoll aus. Jeder kann über seine Probleme reden, niemand muss. Es gibt eine kleine Bibliothek mit Fachliteratur und Hörbüchern und einen Stammtisch, Fortbildungen und private Treffen.

Frage: Wie alt sind die Teilnehmer?

Robl: Zwischen 28 und 70 Jahren. Es sind mehr Männer als Frauen dabei.

Fragen: Könnten Sie noch mehr Interessierte aufnehmen?

Robl: 18 sind eigentlich schon zu viel. Wir wollen ja ins Gespräch kommen und nicht nur ein paar Schlagwörter austauschen. Es gibt eine Warteliste, was ich sehr bedaure. Diese Menschen brauchen alle Hilfe.

Frage: Kitzingen könnte eine weitere Selbsthilfegruppe Depression vertragen?

Robl: Ganz sicher. Es wäre schön, wenn sich eine zweite und dritte Gruppe bilden könnte. Der Bedarf ist da. Und er wird immer größer.

Kontakt: Christine Robl, dienstags und donnerstags, 18 bis 20 Uhr, Tel. 0173/9153472, weitere Infos unter www.aktiv-gegen-depression.com.

Selbsthilfeverein „Dieser Weg zurück ins Leben“ für Angehörige und Betroffene von Depression, Alexander Bothe, Telefon 0 93 81 - 71 74 01; E-Mail: info@dieser-weg-zurueck.de