Wenn es regnet, bekommt sie es mit der Angst zu tun. „Dann kann ich gar nicht mehr richtig schlafen“, sagt Brigitte Heßler. Ihren Nachbarn in der Wiesentheider Jahnstraße geht es nicht viel besser. Das Wochenende vom 9. bis 11 Juli hat seine Spuren hinterlassen. Die Anlieger pochen jetzt auf Veränderungen – damit ihre Keller nicht noch einmal volllaufen und ihre Gärten nicht schon wieder verwüstet werden.

Die Jahnstraße in Wiesentheid ist ein idyllisches Fleckchen Erde. Der Sportplatz ist in der Nähe, ein kleiner Wald ums Eck, die Sambach fließt in ein paar Meter Entfernung in ihrem Bett vorbei. In den 1970er und 1980er-Jahren haben die Anlieger ihre Häuser gebaut. Ergiebige Regenfälle hat es seither immer wieder gegeben. „Aber niemals mit solchen Auswirkungen“, sagt Robert Lehovec. Verantwortlich macht er dafür die Untätigkeit des Wasserwirtschaftsamtes und die Folgen des Baus der Straße nach Untersambach.

Wenn Wasser aus Wänden läuft

1986 ist die Sambach schon mal über die Ufer getreten, 2013 auch. Im Vergleich zum Juli-Wochenende 2021 war das nichts. „Das Wasser ist aus den Wänden gelaufen“, erinnert sich Elisabeth Lehovec und der Schreck ist ihr jetzt noch anzusehen. Bei Brigitte Heßler sind die Pumpen ab Freitagnachmittag mehr als 24 Stunden am Stück gelaufen. Als der Regen Sonntagnacht erneut einsetzte, lief ihr Keller wieder voll. Der Boden war so gesättigt, dass er neue Feuchtigkeit nicht mehr aufnehmen konnte. „Ich bin an meinen Grenzen angelangt“, sagt sie. „Noch einmal halte ich das nicht mehr aus.“

Hoffnung auf Videokonferenz

Klaus Köhler kennt die Problematik. Der Bürgermeister war am 9. Juli selbst vor Ort, hat beim Füllen der Sandsäcke mitgeholfen. Seit 16 Monaten ist er im Amt. In die Vorgeschichte hat er sich hineingearbeitet, seine Kritik am Wasserwirtschaftsamt ist deutlich. „Wir werden ständig vertröstet.“ Anstatt endlich ein gemeinsames Konzept zu erarbeiten – die Kommunen sind für die Gewässer dritter Ordnung, also kleine Bäche wie die Sambach verantwortlich, das Wasserwirtschaftsamt für die Gewässer zweiter Ordnung, wie die Schwarzach oder Volkach –, gehe es bislang nur um theoretische Fragen: Welche Körperschaft ist am ehesten förderfähig? Wer muss welche Anträge stellen?

„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“, versichert Köhler. Mitarbeiter des Bauhofes haben das Bachbett ausgekoffert, ein Hochwasserschutzkonzept ist mit den Partnergemeinden im Verbund der „Dorfschätze“ erarbeitet worden, erst vor ein paar Wochen sind ein paar Seen in Richtung Untersambach gekauft worden. „Sie haben sich als Speicher fürs Hochwasser schon bewährt“, sagt Köhler. Die Bachläufe, Durchlässe und Drainagen im Ort will er zeitnah prüfen lassen und bei Bedarf Veränderungen vornehmen. Aber das ganz große Hochwasserschutzkonzept ließe sich nur im Verbund mit dem Wasserwirtschaftsamt erarbeiten. Für nächsten Dienstag ist eine Videokonferenz anberaumt, in der sich beide Seiten besprechen. „Wir müssen das Momentum nutzen“, fordert Köhler. „Und Druck aufbauen, um danach endlich richtig loszulegen.“

In Wiesentheid läuft viel Wasser aus dem Steigerwaldvorland zusammen. „Die Steig“, nennt Robert Lehovec das Einzugsgebiet, das ihm und seinen Nachbarn immer wieder Wasser in die Keller spült. Seit vier Jahren gebe es aber noch ein anderes Problem. Der Neubau der Straße nach Untersambach trage seinen Teil zu den Hochwasserproblemen in der Jahnstraße bei. Ein Acker, direkt nach der Unterführung der B286, sei mit Aushub aufgefüllt und verdichtet worden. Bereits 2018 hätten die Bewohner der Jahnstraße die Folgen zu spüren bekommen. Bei einem vergleichsweise harmlosen Niederschlagsereignis seien Wasser und Dreck schon in die Vorgärten gelaufen. Vor drei Wochen habe der Schlamm und Dreck vom Acker für zusätzlichen Druck gesorgt.

Landratsamt erfüllt Vorschriften

Corinna Petzold-Mühl widerspricht. Sämtlicher Aushub wurde abtransportiert. Tatsächlich diente der angesprochene Acker während des Baus als Lagerfläche, wurde zu diesem Zweck asphaltiert. „Eine Auflage des Wasserwirtschaftsamts wegen des Trinkwasserschutzgebiets“, informiert die Pressesprecherin des Landratsamtes. Der Aushub, der bei einem Straßenausbau anfällt, muss auf einer befestigten Fläche gelagert werden, so die Vorschrift. Petzold-Mühl betont, dass die Lagerfläche nach Abschluss der Arbeiten zurückgebaut, aufgelockert und mit Oberboden gedeckt wurde. „Der Urzustand wurde wieder hergestellt. Auch in Bezug auf die Höhenlage.“

Zusätzlich hat der Landkreis entlang der Kreisstraße einen Grünstreifen erworben. Dort wurde eine zusätzliche Mulde angelegt und Hecken gepflanzt, um Oberflächenwasser aus der Seitenfläche zurückzuhalten und dem Straßengraben langsamer zuzuführen. Die Entwässerungsanlagen entsprächen selbstverständlich dem Stand der Technik. Mit anderen Worten: Der Landkreis hat alles in seiner Macht stehende getan, um dem Hochwasserschutz Rechnung zu tragen. Grundsätzlich sind dafür eh die Eigentümer der Flüsse, Bäche und Gräben zuständig – also Land, Stadt und Gemeinden.

Finanzielle Folgen

Den Anliegern der Jahnstraße dürften die Zuständigkeiten egal sein. Sie wollen Lösungen. Die Sambach von der einen Seite, der Schlamm und Dreck von der anderen und das Grundwasser von unten: Für die Keller und Gärten der Bewohner war das zu viel. Auf 70.000 Euro beziffert Brigitte Heßler die Schäden, die von ihrer Elementarversicherung abgedeckt werden. Die Schäden am Grundstück, die nicht übernommen werden, schätzt sie noch einmal auf 40.000 Euro. Auch deshalb findet sie in der Nacht kaum Schlaf. Erst recht nicht, wenn der Wetterdienst ein neues Gewitter meldet.