Hildegard Blank strahlt. In ihrem Garten hat sie eine Entdeckung gemacht, die nicht alltäglich ist: Mindestens so schön wie das stolze Lächeln ihrer Besitzerin strahlen die filigranen, spitz zulaufenden Blüten in weiß und lila, die sich zwischen den langen, im Wind wogenden Gräsern und unzähligen Ranunkeln hindurch gekämpft haben. Eher zufällig kam die fitte Rentnerin auf die Idee, dass es sich bei dem Gewächs um eine echte Rarität handeln könnte. Die inzwischen sogar auf der Roten Liste der bedrohten Arten steht. Inzwischen aber auch in hiesigen Gefilden wieder häufiger wächst: Die Bocks-Riemenzunge.

Ihren aufregenden Namen hat die Pflanze, die zur Art der Orchideen zählt, von ihrem markanten Duft: Vor allem zum Abend hin beginnt sie, geradezu zu stinken. Nach Ziegenbock. Gut, dass Hildegard Blanks acht Exemplare auf ihrer weitläufigen Streuobstwiese verteilt sind. Die gilt es, mehrmals im Jahr zu mähen. Und weil das dem Ehepaar Blank inzwischen zu anstrengend ist, beauftragten sie einen hiesigen Betrieb für Landschaftsbau mit der schweißtreibenden Arbeit. Die erledigte der Mitarbeiter mehr als gewissenhaft – und stieß dabei auf die seltene Schönheit. „Wissen Sie eigentlich, welche Rarität Sie da im Garten stehen haben“, sprach er die Blanks auf das Gewächs an. Erst der Hinweis des Gärtners brachte Hildegard Blank auf die Idee, Nachforschungen anzustellen.

Keine exotische Art

Bei der Unteren Naturschutzbehörde stößt man mit solchen Anfragen auf offene Ohren. Laut Felix Pfeifer handelt es sich bei der Pflanze im Blankschen Garten tatsächlich um eine Bocks-Riemenzunge. Diese Orchideenart habe von den klimatischen Bedingungen profitiert und sich in den letzten Jahren wieder deutlich ausgebreitet – noch vor zehn Jahren sei deutlich seltener vorgekommen. Es handle sich dabei aber nicht um eine exotische Art in dem Sinne, dass sie als nicht heimische Pflanze quasi eingeschleppt wurde.Noch genauer weiß das Wolfgang Klopsch von der Sektion Unterfranken des Arbeitskreises Heimischer Orchideen Bayern e.V. Der ehemalige Geschäftsführer der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim erinnert sich noch lebhaft daran, dass es in den 70er Jahren noch als echte Sensation galt, wenn an einem Straßenrand eine Bocks-Riemenzunge entdeckt wurde. Mit den veränderten, klimatischen Bedingungen tauchte auch die „Himantoglossum hircinum“ wieder häufiger auf.

Im Maintal zwischen Ochsenfurt und Karlstadt sowie Marktheidenfeld oder auch im Saaletal von Hammelburg bis Bad Kissingen gibt es Standorte mit mehreren hundert Pflanzen. Wer in seinem Garten eine heimische Orchideenart entdeckt, muss keine großen Anstrengungen auf sich nehmen, sie gießen oder düngen. „Sie sind anspruchslos“, erklärt Wolfgang Klopsch. Aber eben auch geschützt. „Ausgraben und Umpflanzen vertragen die Orchideen nicht.“ Das liege vermutlich daran, dass sie auf die im Boden verborgenen Mykorrhiza-Pilze angewiesen sind.

Die einen kommen, andere gehen

„Es gibt mehrere heimische Orchideenarten, die sich begünstigt durch klimatische Veränderungen in Unterfranken ausbreiten“, erklärt der Experte. Sowohl der Ohnsporn, der Hummel- und der Spinnenragwurz, die Pyramiden-, Puppen-, oder Spitzorchis sowie auch das Affenknabenkraut sind in unseren Gefilden auf dem Vormarsch – zur Freude der Orchideenliebhaber und Naturschützer. Aber es gibt auch die andere Seite der Medaille: „Andere Arten, die feuchte Biotope als Lebensraum haben, sind in Unterfranken entweder schon ganz verschwunden oder in ihrem Bestand erheblich reduziert.“

Bei ihrer Bocks-Riemenzunge muss Irmgard Blank also zunächst keine Angst haben, dass sie wieder aus ihrem Garten verschwindet. Fein säuberlich wird um die verborgenen Schönheiten herum gemäht, und so kann die Orchidee auch in Zukunft mit ihrer Gastgeberin um die Wette strahlen.