Sie steckt in Räuchermischungen, in Zahnpasta und Mundwasser: Myrrhe ist nicht nur das Geschenk eines Weisen aus dem Morgenland ans Jesuskind. Die promovierte Biologin Elke Puchtler aus Adelsdorf (Kreis Erlangen-Höchstadt) weiß, warum der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde, dem sie angehört, die Myrrhe zur „Arzneipflanze des Jahres 2021“ gewählt hat. Myrrhe ist ein Multitalent – mythologisch und medizinisch.

Frage: Gold, Weihrauch und Myrrhe sollen die Weisen aus dem Morgenland dem Jesuskind vorbeigebracht haben. Was genau ist eigentlich Myrrhe?

ELKE PUCHTLER: Die Myrrhe ist ein maximal vier Meter hoher Baum oder Strauch mit Dornen an den Ästen. Wird die Rinde verletzt, tritt als Wundverschluss ein gelbgolden bis braunrotes Harz aus. Drei bis vier Kilo Myrrhenharz kann ein Baum pro Jahr erzeugen. Allerdings kann man das Harz nicht fortlaufend ernten: Nach ein paar Jahren braucht der Baum eine Erholungsphase.

Wo wächst die Myrrhe? Gibt es auch in Franken Exemplare zu sehen?

PUCHTLER: Die Myrrhe ist ein ausgemachter Spezialist für Trockenheit. Sie gedeiht im Oman, im Jemen und in Ostafrika. Bei uns gibt es keine Myrrhenbäume – sie wachsen hier einfach nicht, nicht mal in botanischen Gärten.

Was ist so wertvoll an Myrrhe, dass sie in der Antike in einem Atemzug mit Gold genannt wurde?

PUCHTLER: Die Myrrhe ist eine der ältesten Heilpflanzen der Welt. Tatsächlich war sie einst wohl ähnlich wertvoll wie Gold. Auch heute ist die echte Myrrhe noch kostbar, auch wenn sie nicht mehr mit Gold aufgewogen wird. Das beste Harz ist das aus Wildsammlungen, aber das meiste kommt aus Myrrhe-Kulturen.

Wie verwendet man Myrrhe?

PUCHTLER: Es gibt sie als Resinoid, also Extrakt aus Harzen, das reich an ätherischen Ölen ist. Zudem als Tinktur in unterschiedlichen Qualitäten, als Salbe und Salböl. Außerdem ist das gemörserte Harz eines der ältesten Räuchermittel; es wird als solches schon im 3500 Jahre alten „Papyrus Ebers“ erwähnt.

Was heißt Räuchermittel?

PUCHTLER: In Tempeln und Kultstätten hat man im Altertum Rauch-Zeremonien abgehalten. Es ging darum, Gottheiten zu ehren und anzubeten, aber auch selbst in einen meditativen Zustand zu kommen und sich mit Gott zu verbinden.

Wie riecht Myrrhe?

PUCHTLER: Ziemlich süßlich – ich finde sehr angenehm – , balsamisch und auch ein bisschen würzig. Mein Mann sagt, der Duft erinnere ihn an eine Kosmetikabteilung. Meistens wird Myrrhe aber gar nicht einzeln verwendet, sondern in Kräutermischungen, etwa mit Weihrauch und Gewürzen, mit denen sich Myrrhe sehr gut ergänzt.

Myrrhe war doch auch Bestandteil des Öls, mit dem die Priester im Tempel gesalbt wurden, oder?

PUCHTLER: Ja, von Myrrhe ist in der Bibel immer wieder die Rede, und zwar im Alten und im Neuen Testament. Im Alten Testament, im 2. Buch Mose, ist genau beschrieben, wie ein Salböl herzustellen ist: aus erstarrter Tropfenmyrrhe, wohlriechendem Zimt, Gewürzrohr, Zimtnelken und Olivenöl. Damit wurden Priester gesalbt. Aus dem Neuen Testament stammt die Geschichte, die wir alle kennen: Die Weisen aus dem Morgenland brachten dem Baby Jesus Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Aber nicht nur mit der Geburt Jesu, sondern auch mit seinem Tod steht Myrrhe in Verbindung. Im Markus-Evangelium heißt es, man habe Jesus am Kreuz mit Myrrhe gemischten Wein angeboten. Welchen Sinn könnte das gehabt haben?

PUCHTLER: Man dachte wohl, dass es die Schmerzen lindere. Jesus hat die Gabe allerdings ausgeschlagen, heißt es bei Markus 15, 23. Nach seinem Tod kam der Pharisäer Nikodemus und spendete – laut Johannes 19,39 – rund 100 Pfund Aloe und Myrrhe zur Salbung Jesu.

Wofür nutzte man Myrrhe früher sonst?

PUCHTLER: Schon im Altertum kam Myrrhe bei chronischem Husten, bei Seiten- und Brustschmerzen sowie Nierenleiden zum Einsatz und man förderte damit die Wundheilung. In der „Materia medica“, einer Arzneimittellehre aus dem 1. Jahrhundert, wird genau beschrieben, wie man mit Myrrhe Darmwürmer und Zahnfleischschwund bekämpft. Im Mittelalter haben zunächst die Araber und 100 Jahre später auch die Europäer die Wirkung der Myrrhe auf die Verdauungsorgane und bei Magenbeschwerden, Mundgeruch sowie Narbenbildung beschrieben. Um 1200 nach Christus gab es in Europa sogar Pillen aus Myrrhe und Myrrhe-Wein, mit denen man gegen Mundgeruch und Eiter im Magen-Darm-Bereich vorging, außerdem gegen Fäulnis des Zahnfleischs. Und die Damen hatten sogar Myrrhe-Pillen, die sie in die Vagina einführten.

Wozu das?

PUCHTLER: Um die Fruchtbarkeit zu fördern und die Lust zu steigern! Das Harz galt auch als Aphrodisiakum: Man hat Myrrhe als Öl oder Parfüm aufs Bett geträufelt. Die „Grande Dame“ der Pflanzenheilkunde, Hildegard von Bingen, lehrte zudem, dass Myrrhe Dämonen vertreibe und Zauberei aufhebe. Dann, im 14. Jahrhundert, suchte eine Pandemie Europa heim…

… die Pest?

PUCHTLER: Genau. Da wurden reichlich Myrrhe und Weihrauch in den Hospitälern verräuchert. Man dachte, dass „schlechte Luft“ für die Ausbreitung der Seuche verantwortlich sei.

… was ja gar nicht so abwegig ist, wenn wir an die Corona-Übertragung durch Aerosole denken.

PUCHTLER: Das stimmt. Von Viren wusste man ja damals noch nichts. Ob Myrrhenrauch tatsächlich eine Linderung bewirkt, ist übrigens nicht erforscht.

Wofür wird Myrrhe heute verwendet?

PUCHTLER: Myrrhe wird zum Beispiel bei Entzündungen im Mund und Hals angewendet, steckt in Zahnpasta oder Tinkturen zum Gurgeln. Diese wirken antibakteriell, schützen die Schleimhäute, hemmen Entzündungen und fördern die Zellbildung. Dass Myrrhe auch für den Darm – etwa bei schweren Durchfallerkrankungen – gute Dienste leistet, ist wissenschaftlich längst nachgewiesen. In der Naturheilkunde gibt es noch weitere Anwendungen, die allerdings zum Teil noch besser untersucht werden müssen.

Das heißt, Myrrhe könnte medizinisch noch viel weiteres Potenzial haben?

Ja. Heute leiden viele Menschen unter Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder einem Reizdarm. In der entzündungshemmenden, die Darmbarriere stärkenden Myrrhe steckt viel Potenzial, denn der Darm ist der Sitz des Immunsystems. Untersucht wird derzeit auch die Wirkung auf Krebszellen und Atmungsorgane. Und ob Myrrhe Schmerzen lindern kann.

Woher kommt eigentlich der seltsame Name Myrrhe?

PUCHTLER: In der griechischen Mythologie gibt es diese Sage: Die Frau des Königs von Assyrien rühmte ihre Tochter Smyrna, auch Myrrha genannt, schöner zu sein als Aphrodite, die Königin der Schönheit. Das gefiel Aphrodite natürlich nicht. Deshalb legte sie Smyrna unerkannt in das Bett ihres eigenen Vaters. Danach war Smyrna schwanger und Aphrodite verwandelte sie in einen Myrrhenbaum. Diana, die Göttin der Jagd und der Geburt, hatte Mitleid mit dem verwunschenen Mädchen. Sie spaltete den Baum und half damit Smyrnas Sohn Adonis auf die Welt. Das Myrrhenharz sind Smyrnas Tränen.