Der Unmut ist nach wie vor groß. Fast 500 Menschen stehen auf der Warteliste der Gemeinschaftspraxis von Dr. Klaus Kolbert in Wiesentheid. Alle wollen sie eine Erstimpfung. Allein: Es mangelt am Impfstoff. Dr. Kolbert ist der koordinierende Impfarzt für den Landkreis Kitzingen. Jeden Mittwoch schaltet er sich mit seinen Kollegen in einer Videoschalte kurz. Die Hausärzte sind sich einig: Mehr Impfstoff täte gut. Seit April werden ihnen jede Woche Liefermengen versprochen, die in dieser Größenordnung nie eintreffen.

„Die Priorisierung hatte für manchen Kollegen einen bedrohlichen Charakter.“
Dr. Michael Bedö, Hausarzt Mainbernheim

„Wir erhalten meistens die Hälfte dessen, was avisiert wurde“, berichtet Dr. Kolbert. In der vergangenen Woche sollten es bei ihm 24 Dosen sein, tatsächlich kamen nur zwölf. „Wir müssen diesen Mangel Woche für Woche an unsere Patienten kommunizieren“, ärgert er sich. Immerhin: Die Liste mit den Patienten, die vormals in der Priorität 3 gelistet waren, ist abgearbeitet. „Aber wir haben auch in Prio 4 Patienten mit Vorerkrankungen, wie Asthma oder Bluthochdruck, die gerne drankommen würden“, berichtet er.

Nur noch Biontech und Johnson

Zurzeit hat Kolbert noch den Impfstoff von Johnson auf Lager, der nur einmal gespritzt werden muss, um Vollschutz zu erreichen. Im Gegensatz dazu ist Astrazeneca wenig gefragt, weil die beiden davon nötigen Impfungen zwölf Wochen auseinander liegen. Das kommt mit Blick auf den Reise-Sommer für die meisten Patienten zu spät. Kolbert wird daher nur noch Biontech und Johnson ordern.

Deutlich über 1000 Corona-Impfungen sind in der Gemeinschaftspraxis Dr. Bedö/Alexandra Möhringer in Mainbernheim seit Mai verabreicht worden. „Der Schützenverein hat uns freundlicherweise seine Räume zur Verfügung gestellt“, erklärt Dr. Michael Bedö. Zunächst sind alle schwer gefährdeten und älteren Patienten geimpft worden, mittlerweile liegt der Altersdurchschnitt bei 41 Jahren und auf der Warteliste stehen „nur noch“ etwa 150 Namen. „Das können wir an einem Nachmittag schaffen“, meint der Allgemeinmediziner. Aber erst dann, wenn die Zweitimpfungen abgearbeitet sind.

Hoffnung auf den Juli

Von 140 Impfungen, die am Mittwoch dieser Woche in der Praxis von Dr. Kolbert verabreicht wurden, waren 120 für Zweitimpfungen reserviert. Gerade 20 konnten an Erstgeimpfte verabreicht werden. Bis Ende diesen Monats wird sich daran wenig ändern, prognostiziert der Mediziner. Erst Anfang Juli wird sich das Verhältnis umkehren. Dann kann die lange Liste von Wartenden endlich abgearbeitet werden.

Käme danach genauso viel Impfstoff wie jetzt, könnten alle Patienten, die das wünschen, bis Ende Juli geimpft sein, macht er Hoffnung. Und ab Mitte Juli, so lautet die jüngste Information, die der koordinierende Impfarzt im Landkreis bekommen hat, sollen Impfzentren, Hausärzte und Apotheken die digitalen Impfpässe ausstellen dürfen.

Bundesweit ist die Priorisierung am 7. Juni aufgelöst worden, bayernweit bereits am 20. Mai. Die Hausärzte im Landkreis reagieren darauf unterschiedlich: Dr. Tobias Freund berichtet von etlichen ängstlichen Patienten, die sich in der vertrauten Atmosphäre der Kitzinger Hausarztpraxis und nach einem ausführlichen Beratungsgespräch trauten, sich impfen zu lassen. Ein Patient hatte in der Corona-Zeit eine Angststörung entwickelt und sich kaum mehr aus dem Haus getraut.

Prio 3 im Impfzentrum

Dr. Michael Bedö erinnert an den Fall des Ansbacher Kollegen, der für die Frau eines Kollegen eine zusätzliche Dosis aus der Impfampulle entnommen haben soll. Die Staatsanwaltschaft prüft den Anfangsverdacht einer vorsätzlichen Körperverletzung. „Die Priorisierung hatte für manche Kollegen einen bedrohlichen Charakter“, sagt Bedö. Ohne sie könne man flexibler und befreiter arbeiten.

Für Dr. Kolbert kam die Freigabe hingegen zu früh: Damit habe die Politik Erwartungen geweckt, die nicht erfüllt werden konnten. Die Anfragen der Patienten, die meinten nun auch sofort Impfstoff bekommen zu könne, hätten die Ärzte an der Basis abarbeiten müssen.

Während die Priorisierung bei den Hausärzten aufgehoben ist, bleibt sie im Impfzentrum in den Marshall Heights weiterhin die Richtschnur. Die Gruppen 1 und 2 sind vollständig geimpft, berichtet BRK-Kreisgeschäftsführer Felix Wallström. Derzeit erhielten Personen aus der Prio 3 ihre Zweitimpfung. Biontech, Moderna und Astrazeneca werden dafür eingesetzt. Das Problem für die Mitarbeiter vor Ort: Sie wissen vor der Impfung nicht, für welchen Stoff sich die Menschen entscheiden. Entsprechend heikel ist die Vorratshaltung. Zum Glück würde sich nach der Beratung etwa die Hälfte für einen MRNA-Stoff beziehungsweise für Astrazeneca aussprechen. Der Grund? „Länder wie die USA fordern bei der Einreise, dass der gleiche Impfstoff zweimal verwendet wurde“, so Wallström, der sich deutlich höhere Liefermengen wünscht.

Entgegen der ursprünglichen Ankündigung wird es auch in der kommenden Woche „nur“ Zweitimpfungen im Impfzentrum geben. „Dabei hätten wir genug Kapazitäten, um parallel Erstimpfungen durchzuführen“, versichert er. Teilweise haben die Mitarbeiter Leerlauf, weil es an den Liefermengen fehlt. „Das anzusehen, tut wirklich weh“, sagt Wallström.

Und die jungen Patienten?

Auch Dr. Kolbert berichtet von diesem Flaschenhals. Keine Schmerzen hat Dr. Tobias Freund. In seiner Kitzinger Gemeinschaftspraxis mit Dr. Hock sind alle Risiko-Patienten durchgeimpft. „Wir versuchen, die Termine mit Augenmaß zu vergeben“, berichtet er. Im Einzelfall werden auch jüngere Patienten, die aus beruflichen Gründen viele Kontakte haben, geimpft. „Das ist mittlerweile moralisch vertretbar“, sagt er.

Vereinzelt kämen auch Anfragen von Eltern, die ihre minderjährigen Kinder impfen lassen wollen. Der Impfstoff von Biontech/Pfizer ist für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat am Donnerstag dieser Woche allerdings keine generelle Impfempfehlung für gesunde Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren ausgesprochen. Sie empfiehlt solche Impfungen aber für Zwölf- bis 17-Jährige mit bestimmten Vorerkrankungen.

„Die Impfung ist nicht nur für jeden Einzelnen, sondern auch für die Gemeinschaft wichtig.“
Dr. Tobias Freund, Hausarzt Kitzingen

Dr. Freund hat bereits eine 16-Jährige geimpft, deren Familienmitglied ein Risiko-Patient ist. Von einer geringen Nachfrage für diese Altersklasse berichtet Dr. Bedö in Mainbernheim. Wichtig sei in diesen Fällen ein ausführliches Gespräch mit den Eltern, „um sie über den Sinn und Nutzen der Impfung aufzuklären.“ Dr. Kolbert will sich weiter an den Richtlinien der STIKO orientieren. „So lange vor dort keine entsprechende Empfehlung vorliegt, lehnen wir diese Impfungen ab.“

Vom Sinn und Zweck der Corona-Impfungen scheinen derweil immer mehr Erwachsene überzeugt zu sein. Auf rund 80 Prozent schätzt Dr. Kolbert den Anteil seiner Patienten, die sich impfen lassen wollen; von einer steigenden Nachfrage berichtet auch Dr. Freund. Skeptiker gebe es nur noch wenige.

„Die Impfung ist ja nicht nur für jeden Einzelnen, sondern auch für die Gemeinschaft wichtig“, erinnert er und spricht von einem solidarischen Akt. Ängste könne er zerstreuen, sagt Dr. Freund: „An Corona zu erkranken, ist sicher gefährlicher als die Impfung.“