Kurzarbeit, Homeschooling, Kinderbetreuung, Gesundheitsrisiko: Die Herausforderungen der Corona-Krise sind für Arbeitnehmer enorm, die Belastung ist groß. Die Gewerkschaften und Betriebsräte haben alle Hände voll zu tun.

Besonders betroffen von der Corona-Krise sind die Beschäftigten im Handel. Drei Millionen Menschen arbeiten im Einzelhandel in Deutschland, überwiegend sind es Frauen. Dazu kommen noch mal 2,7 Millionen Beschäftigte im Großhandel. Über die wird selten oder nie gesprochen. „Der Großhandel wird von der Politik völlig vergessen“, kritisiert Peter König, der im Verdi-Bezirk Würzburg-Aschaffenburg als Gewerkschaftssekretär für den Handel zuständig ist. „Aber ohne den Großhandel könnten die Leute nichts kaufen."

Handel leidet unter Pandemie: Gesundheitlich wie finanziell

Weit mehr als fünf Millionen Menschen sind es also, die wegen der geschlossenen Geschäfte Einkommenseinbußen haben. Die es schaffen müssen, ihre Kinder während der geschlossenen Schulen und Kindergärten zu betreuen. Die bei ihrer Arbeit häufig einer gesundheitlichen Gefahr ausgesetzt sind. „Monatelang haben sie ohne Maske gearbeitet“, blickt Peter König auf den Anfang der Pandemie im vergangenen Frühjahr zurück und zählt auf: An den Kassen, bei Beratungen, in den großen Lagern. Jetzt gebe es zwar klare Vorgaben, was Abstände angeht oder beispielsweise die Anzahl der Kunden in den Geschäften und Supermärkten, aber die würden längst nicht überall ausreichend beachtet. „Wo steht denn schon Security am Eingang und zählt die Kunden?“ Zudem gebe es nicht nur nette Kunden, sondern auch renitente, die sich nicht an die Vorschriften halten wollten. Mit denen müssten sich die Beschäftigten dann herumschlagen. König fordert daher von den Arbeitgebern, den Infektionsschutz ihrer Mitarbeiter noch besser zu beachten. Zudem dürfe der Handel bei der Reihenfolge der Impfungen nicht vergessen werden, er sollte unbedingt als Risikogruppe eingestuft werden.

Ein weiteres Problem, das die Gewerkschaften und Betriebsräte beschäftigt, ist das Kurzarbeitergeld. Peter König spricht von „vielen prekären Beschäftigungen“ im Handel. 60 bis 67 Prozent des Gehaltes reiche vielen Beschäftigten nicht, um zu leben. „Die Leute geraten unter das Existenzminimum“, befürchtet er. Der Weg in Hartz IV sei vorgezeichnet. Er spricht sich klar dafür aus, dass es im Handel wieder eine Tarifbindung geben muss wie vor dem Jahr 2000. Derzeit liege die Tarifbindungsquote nur bei 30 Prozent.

Auch Tobias Schürmann, Gewerkschaftssekretär für den öffentlichen Dienst bei Verdi, bereitet die Kurzarbeit Sorgen, wobei er einen anderen Aspekt im Blick hat: Für manchen, der in Kurzarbeit ist, könne es ein böses Erwachen geben. Grund dafür ist eine Steuernachzahlung, die bei Kurzarbeit anfallen kann, mit der viele aber nicht rechnen. Rechtlicher Hintergrund ist der so genannte Progressionsvorbehalt – das Kurzarbeitergeld erhöht möglicherweise die Steuerlast des Einkommens. Dann müssen eventuell mehr Steuern gezahlt werden, als pro Monat über die Lohnabrechnung abgezogen werden. Letztendlich wird eine Nachzahlung fällig. Schürmann empfiehlt daher allen, die sich in Kurzarbeit befinden, ausreichend Geld für eine mögliche Nachzahlung beiseite zu legen.

Kurzarbeit manchmal gar nicht angebracht

Zudem sei auch eine generelle nachträgliche Prüfung der Kurzarbeit möglich. Manchmal nämlich stelle sich die Frage, ob Kurzarbeit überhaupt angebracht sei, so Schürmann. „Wir haben leider auch Missbrauch. Dort, wo Arbeitgeber und Beschäftigte meinten, sich augenzwinkernd auf Kurzarbeit einigen zu können.“ Da das Geld unter Vorbehalt ausgezahlt werde, halte womöglich die eine oder andere Vereinbarung einer Prüfung nicht stand, zumal die Politik ja zu Beginn der Krise dazu aufgefordert hatte, die Kriterien für Kurzarbeit während der Corona-Krise großzügig auszulegen. In manchen Fällen könne es bei einer Nachprüfung da „eng“ werden, befürchtet Schürmann. Mit möglicherweise gravierenden finanziellen Folgen für die Arbeitnehmer.

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Problematisch ist für viele Arbeitnehmer auch die Schließung von Kindergärten und Schulen mit Homeschooling sowie Quarantäne bei Corona-Fällen in Schulen und Kindergärten. Nicht jeder kann einfach zuhause bleiben, um die Kinder zu betreuen. Hier haben die Gewerkschaften unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Für Mitarbeiter in Discountern, in denen sowieso „am Anschlag“ gearbeitet wird, ist das oft schwierig. „Viele Schüler sind alleine zuhause und bleiben auf der Strecke“, sagt Peter König über den Bereich Handel. In kleineren, inhabergeführten Geschäften, ist das Entgegenkommen der Arbeitgeber oft größer – genauso wie in Großbetrieben und im öffentlichen Dienst. „Die meisten Arbeitgeber verhalten sich sehr fair und ermöglichen den Mitarbeitern vieles“, berichtet Tobias Schürmann über den öffentlichen Dienst.

Auch Norbert Zirnsak, Bevollmächtigter der IG Metall Würzburg, sagt, dass die Betriebsräte in den größeren Unternehmen gemeinsam mit den Arbeitgebern meist gute Lösungen gefunden hätten. Insgesamt spricht aber auch er davon, dass die Corona-Krise von den Beschäftigten „harte Opfer fordert“. Das gehe los bei der Kurzarbeit, reiche über die Gefahr für die Gesundheit bis hin zur Frage, wie man Arbeit und Homeschooling der Kinder unter einen Hut bekomme.

"Belastung der Beschäftigten enorm"

Die Betriebsräte würden versuchen, in Vereinbarungen mit den Unternehmen die Härten zu mildern. In größeren Betrieben gebe es in der Regel eine Task-Force, die sich um alle Fragen rund um Corona kümmere. Trotzdem sei die Lage für viele Arbeitnehmer schwierig. Die Besorgnis sei groß, es gebe viele Nachfragen bei der Gewerkschaft. „Die Belastung der Beschäftigten ist enorm und die finanziellen Einbußen sind teils einschneidend“, berichtete Zirnsak. Es gebe permanent Nachfragen der Mitglieder.

Anfangs hätten manche Betriebsräte versucht, auftretende Probleme alleine zu lösen und sich erst spät bei der Gewerkschaft gemeldet, bedauert Tobias Schürmann. Inzwischen hätte sich das eingespielt, viele offene Fragen aus dem Frühjahr hätten sich inzwischen geklärt. Laufe etwas schief, würde die Gewerkschaft nun zügig eingeschaltet. Betriebsräte und Gewerkschaften wissen, wann sie hellhörig werden müssen – zum Beispiel, wenn Auszubildende nach Hause geschickt werden, um dort zu lernen, ihnen aber gleichzeitig Minusstunden vermerkt werden. „Das kann nicht sein“, sagt Schürmann.

Insgesamt sei Corona für die Arbeitswelt eine „Riesenherausforderung“, betont Norbert Zirnsak. Die Krise mache deutlich, wo es Nachholdbedarf gebe. Ein ganz wesentlicher Punkt sei dabei die Digitalisierung, da sei „gepennt” worden, so der Bevollmächtigte der IG Metall. Es fehle oft an der Infrastruktur. „Das geht mit Funklöchern an“, so Zirnsak. Ohne stabile Verbindung kann man nicht an Konferenzen teilnehmen, die in der Pandemiezeit häufig digital abgehalten werden. Effektiv im Homeoffice zu arbeiten ist schwierig, teils fast unmöglich. Sein dringender Wunsch: Die Politik muss die digitale Infrastruktur endlich in den Blick nehmen und schnell gute Voraussetzungen für ein besseres Arbeiten schaffen – in der Corona-Krise, aber auch danach.

 

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