Die Gruppe 2 im Wohnheim der Lebenshilfe in Kitzingen verfolgt begeistert die WM – und Gertrud Baußenwein ist der größte Fan.
Sie schläft in FC-Bayern-Bettwäsche, trägt meist ein Fußballtrikot ihres Lieblingsvereins, kennt immer alle Fußballergebnisse: Man kann Gertrud Baußenwein getrost als einen der größten Fußballfans in Kitzingen bezeichnen. „Die Gerdi, das ist Fußball“, sagt ihre Schwester Marion Hein über die 48-Jährige mit Down-Syndrom.
So hatte sich Gertrud die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland nicht vorgestellt. Nicht mal die Vorrunde hat die deutsche Mannschaft überstanden. Für viele Fußballfans war das nicht leicht zu verkraften. Auch nicht für die Bewohnerin der Lebenshilfe Wohnstätten in Kitzingen. „Die Deutschen sind raus. Das war nicht so gut.“ Sie hat ein paar Tage gebraucht, um das zu verdauen, war erst mal ziemlich schlecht gelaunt. Die WM verfolgt sie trotzdem weiter – denn Fußball ist ihre große Leidenschaft.
„Der Trainer hat die falschen Leute spielen lassen.“
Gertrud Baußenwein, leidenschaftlicher Fußballfan
Schon von klein auf war Gertrud der Sportart verbunden und das ist auch kein Wunder: Vier Brüder hat sie, alle haben Fußball gespielt. Und auch der Vater war begeisterter Fußballspieler. Noch dazu stand ihr Elternhaus gleich neben dem Willanzheimer Sportplatz. Der ist immer noch oft und gerne ihr Ziel, auch wenn sie seit 2005 im Wohnheim der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung in der Kitzinger Siedlung wohnt. Wenn möglich, ist sie bei Heimspielen dabei, fiebert am Spielfeldrand mit. Stehen Auswärtsspiele an, ruft sie oft vom Wohnheim aus Verwandte und Bekannte an, ob sie vielleicht jemand mitnehmen könnte.
Das Ergebnis ist dabei zweitrangig. Wenn bei den Willanzheimern mal ein Spiel verloren geht, findet sie das nicht so schlimm. Hauptsache, sie kann dabei sein. Hier gehört Gertrud dazu, auch wenn sie seit Jahren nicht mehr im Ort wohnt. Sie kennt alle Spieler und die Spieler kennen sie. Ein Foto, das sie inmitten der SVW-ler zeigt, steht in ihrem Zimmer. Sie zeigt es stolz, legt den Kopf in den Nacken und lacht. „Da ist Stimmung.“
Doch an die Bayern und auch an die Nationalmannschaft, da stellt die 48-Jährige natürlich viel höhere Ansprüche als an ihre Willanzheimer. Und sie reagiert auch viel emotionaler auf Niederlagen. Als die Münchner im Champions League-Halbfinale an Real Madrid scheiterten, war sie tagelang untröstlich. Da verschwand sie schon mal mitten am Tag in ihrem Zimmer, wo die Betreuerin sie weinend unter der Bettdecke entdeckte. In solchen Situationen muss die Enttäuschung raus. Dann schreit sie auch schon mal, dass sie Cristiano Ronaldo blöd findet. Den Portugiesen mag sie nicht. Und so kommt auf die Frage, wer nach den Niederlagen der Deutschen denn jetzt die WM gewinnt, sofort die Antwort: „Nicht der Ronaldo. Der hat gegen die Bayern schon Tore geschossen.“ Das Ausscheiden seiner Mannschaft war für sie deshalb auch gar nicht tragisch.
Wem sie jetzt die Daumen drücken sollen? Darüber haben die Bewohner der Wohngruppe 2 natürlich gesprochen, während sie gemeinsam im Wohnzimmer die weiteren Spiele verfolgt haben. Belgien soll den Titel holen, haben sie beschlossen. „Die sind gut“, sagt Gertrud. Die Deko im Wohnzimmer passt auch fast dazu – gemeinsam haben sie es extra für die WM hergerichtet. „Das ist immer ein besonderes Highlight“, erzählt Gruppenleiterin Franziska Schubert. Von der Decke hängen schwarz-rot-goldene Girlanden, Hüte in den Landesfarben liegen in den Regalen, überall flattern Fähnchen. An der Wand hängt ein Spielplan. Die Ergebnisse werden nach Spielende sofort eingetragen.
Bei einer WM herrscht Ausnahmezustand, auch im Wohnheim der Lebenshilfe. Eigentlich wird nämlich während des Essens nicht ferngesehen. Nur fiel das Eröffnungsspiel in diesem Jahr ausgerechnet in diese Zeit. „Wir haben den Esstisch ins Wohnzimmer getragen, damit alle zusammen gucken können“, sagt Franziska Schubert und lacht. Sie selbst hat inzwischen den Überblick darüber verloren, wer bei der WM noch dabei ist und wer nicht. Doch in der Wohngruppe kann sie fast alle der zwölf Bewohner fragen: „Die meisten wissen es sofort.“