Ein altes Haus kann so manche Überraschung bergen. Kaum jemand weiß das so gut wie Michaela und Reinhard Hüßner. Sie haben vor 16 Jahren die ehemalige Synagoge in Wiesenbronn erworben und in jahrelanger Arbeit zu einem Wohnhaus umgebaut. Im Dachboden, unter den Ziegeln, haben sie einen Schatz gefunden, der nun in einem Buch gewürdigt wird.

Genisa ist das jüdische Wort für Depot. Hier wurden und werden Dinge gelagert, die nicht mehr für die Gottesdienste genutzt werden – aber wegen ihres Inhalts oder der Verwendung des Gottesnamens nicht weggeworfen werden dürfen. Meistens handelt es sich dabei um Schriften, mitunter auch um Kultgegenstände. 860 Einzelfunde hat das Ehepaar Hüßner in „seiner“ Genisa entdeckt.

Entdeckung im Dachboden

Wiesenbronn war einst ein ganz besonderer Ort für die Juden in Süddeutschland. Einer der bedeutendsten Vertreter des orthodoxen Judentums im 19. Jahrhunderts, Seligmann Bär Bamberger, ist hier geboren worden und hat jahrelang als Rabbiner gewirkt, ehe er 1840 das Oberhaupt der Juden in Würzburg mit seinen 29 Landkreisgemeinden wurde. „Aus ganz Deutschland sind Schüler zu ihm nach Wiesenbronn gekommen“, berichtete der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, bei der feierlichen Vorstellung der Publikation „Der Genisafund aus der Synagoge in Wiesenbronn.“

1792/1793 ist die Synagoge in Wiesenbronn errichtet worden. Mehr als 200 Jahre später haben Michaela und Reinhard Hüßner im Dachboden ihre erstaunliche Entdeckung gemacht. Der Großteil der Funde stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. „Es handelt sich vor allem um liturgische Schriften“, erklärt die Autorin des wissenschaftlichen Werkes, Andrea Strößner. Der Zustand sei nach so langer Zeit naturgemäß nicht mehr ideal. „Aber die Schriften waren zu entziffern.“

„Solides, wichtiges Buch“

Lehrmaterial, Kalenderblätter und jüdische Literatur haben sich in der Wiesenbronner Genisa gefunden. Außerdem Ritualfunde wie ein kleines Stück Stoff und die Überreste eines gebrauchten Fest-Sträußchens sowie ein Löffel aus Aluminium. Strößner hat die Funde unter archäologischen Gesichtspunkten ausgewertet und spricht von einer vielfältigen und abwechslungsreichen Genisa. Auf mehr als 200 Seiten hat Strößner die Fundstücke für ihre Masterarbeit untersucht. Dank des Verlegers Dr. Josef Röll konnte ein gebundenes Werk gedruckt werden, das der Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Klaus Reder als ein „solides und wichtiges Buch“ bezeichnete. In den 1980er-Jahren habe die Erinnerungskultur in Franken ihren Anfang genommen und werde seither mit Leben gefüllt, erinnerte er. Beispielgebend sei dafür die Familie Hüßner. Dass Impulse aus alter Zeit eine Bedeutung für die Gegenwart haben, betonte Landtagsabgeordnete Barbara Becker in ihrem Grußwort. Dennoch sei es wichtig, nicht nur rückwärtsgewandt zu denken. „Zum Glück haben wir ein modernes Judentum in Deutschland“, meinte sie und unterstrich als gebürtige Wiesenbronnerin die Bedeutung der Synagoge für ihren Heimatort. Die musste Bürgermeister Volkhard Warmdt erst erkennen. Seit 2014 lebt der gebürtige Norddeutsche in Wiesenbronn.

Mit dem jüdischen Leben sei er erst hier in Berührung gekommen. „Ich bin immer noch erstaunt über die reiche Kultur“, bekannte er und bezeichnete die Synagoge von Wiesenbronn als Schatz, der nur wegen der Beharrlichkeit und Ausdauer von Familie Hüßner erhalten geblieben ist. Für den Leiter des Kirchenburgmuseums in Mönchsondheim, Reinhard Hüßner, hat sich bei der Vorstellung des Buches am Montagnachmittag im Shalom Europa ein Kreis geschlossen.

Auftakt für Publikationsreihe

40 Jahre zuvor hatte er dort David Schuster Bilder vom Geburtshaus des Rabbiners Seligmann Bär Bamberger überreicht. Jetzt händigte er dessen Sohn, Dr. Josef Schuster, ein Exemplar des Buches sowie einen Taschenkalender aus den Jahren 1830/1831 aus. Die Erinnerungsarbeit ist für den umtriebigen Wiesenbronner damit aber noch lange nicht beendet. „Dieses Buch bildet nur den Auftakt einer Publikationsreihe“, kündigte er an. Die ehemalige Synagoge in Wiesenbronn berge schließlich noch viele Geschichten und Schätze. Wer sollte das besser wissen als Reinhard Hüßner.

Das Werk: „Der Genisafund aus der Synagoge von Wiesenbronn“. 216 Seiten, erschienen im J. H. Röll Verlag. Kosten: 79 Euro.