Oft bleibt es bei dem Wunsch, häufen sich doch wieder die sozialen Verpflichtungen und Treffen. Aber ganz verschwindet er nie, der Wunsch, zwischen den Jahren endlich mal Zeit für sich selbst zu finden. Nicht zuletzt deshalb erinnern sich wieder mehr Menschen in diesen Tagen der Rauhnächte, indem sie räuchern und meditieren, weniger im Sinne von Brauchtumspflege denn als Entspannungsritual.
So hat es die Großmutter von Heinz Schmitt mit ihrer Schaufel sicher nicht gemeint. In der rosaroten Wellnesswelt von heute sind die düsteren Aspekte jener Zeit verloren gegangen. Dabei deutet schon der Name genau darauf hin. Obwohl: Ganz sicher ist man sich nicht: Kommt das „Rauh“ in den Rauhnächten vom rauhen Klima des beginnenden Winters, vom Räuchern oder doch vom mittelhochdeutschen Wort ruch, das gleichermaßen haarig, pelzig und wild bedeutet – so wild wie eben die Wesen sind, die sich in diesen Nächten herumtrieben.
Auch in Unterfranken gab es sie, die Mythen und Erzählungen um die Rauhnächte. Der Künstler Kurt Neubauer aus Nürnberg hat eine davon aufgespürt und in seinen Sagenband „Maingeister“ aufgenommen. „Die Idee war, dass zeitgenössische Autoren die alten Geschichten neu interpretieren“, sagt der Maler und Grafiker, der jede dieser Geschichten liebevoll illustriert hat. Er hat sie auch alle selbst vor Ort recherchiert und ausgewählt.
Für das erste Buch war er in seiner Heimat Nürnberg auf die Suche gegangen, dann für das zweite rund um das oberfränkische Walberla. Jetzt hat er sich nach Unterfranken aufgemacht. „Märchen und Sagen waren schon immer meine Leidenschaft. Ich liebe es, Orte zu entdecken, die mit ihnen verbunden sind, wo Geschichte und Gegenwart eine Verbindung eingehen.“
Ein solcher Ort war Nordheim für Kurt Neubauer. Besonders die Fähre hatte es ihm angetan. Und gerade um die rankt sich eine Sage über das Wilde Heer, jenen wüsten Haufen, der bevorzugt in der Silvesternacht zugange ist. Der Bamberger Schriftsteller Thomas Kastura hat es übernommen, die Geschichte neu zu erzählen.
Die heutige Fährfrau Judith Flammenberger kommt nicht drin vor, auch nicht moderne Fähre mit ihren Stahlseilen. Es geht um einen mittelalterlicher Vorfahr des heutigen Fährbetriebs, wie es ihn sicher gegeben hat; der erste Beleg für den Fährbetrieb findet sich im 15. Jahrhundert, doch ist er wohl noch älter.
„Es war eine bitterkalte Dezembernacht“, so beginnt die Erzählung standesgemäß. Eine unbekannte Stimme ruft nächtens „Hol über“. Und weil es eine Rauhnacht ist, so hört man Waffenklirren und Pferdewiehern, doch zu sehen sind nur Schemen. Ach, hätte der Fährmann doch gewusst, was der Leser dieses Artikels weiß: Den Reitern der Wilden Jagd darf man nie, nie ins Gesicht sehen. Doch er wusste es nicht. Und so kam es, dass....
Aber das sollte man selber lesen – an einem ruhigen Abend, an dem man weder Wäsche aufhängt noch Karten spielt, sondern friedlich und sicher vor der rauhen Welt in einem Sessel sitzt und den Rauch einer Kerze aufsteigen lässt.