Reinhold Broscheit ist zufrieden. Er hat einen Job, der ihm Spaß macht. Er verdient Geld. Und er bekommt Anerkennung von seinen Kollegen und den Menschen, die er betreut. Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht. Der 21-Jährige ist voll erwerbsgemindert, wie es in der Fachsprache heißt. Dank eines neuen Projektes ist er nicht der einzige junge Mensch mit Behinderung, der ins normale Arbeitsleben integriert wird.
Am 1. Januar 2015 ist das Projekt mit dem Titel „Inklusiv – Gemeinsam arbeiten“ an den Start gegangen. Im Landkreis Kitzingen und im Raum Ochsenfurt haben bereits 14 junge Menschen mit Handicap einen sogenannten Außenarbeitsplatz gefunden, also einen Arbeitsplatz außerhalb der Mainfränkischen Werkstätten. „Am Ende des Projektes sollen es 40 sein“, kündigt die Leiterin des Projekts, Madeleine Leube, an. Auf insgesamt fünf Jahre ist das Projekt angelegt. Danach, so hoffen die Verantwortlichen, geht es in den Regelbetrieb über.
Unterschiedliche Arbeitsstellen
Ob Kindergarten, Lager, Supermarkt oder Altenheim: Die Arbeitsstellen sind unterschiedlich. Eines haben sie gemeinsam: Sie wurden ganz bewusst ausgewählt – von den künftigen Arbeitnehmern selbst. Reinhold Broscheit hatte schon während seiner Zeit in der St. Martin-Schule ein dreimonatiges Praktikum im Wilhelm-Högner-Haus gemacht. Ihm hatte die Arbeit gefallen. „Weil nicht jeder Tag gleich ist“, erklärt er. „Weil ich mit Menschen zusammen arbeiten kann.“
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Nach dem Schulabschluss sollte er eigentlich eine hauswirtschaftliche Ausbildung in der Arche in Würzburg absolvieren. Aber die täglichen Fahrten haben den Mann, der seit seiner Geburt an einer kognitiven Einschränkung leidet, keinen Spaß gemacht. Jetzt kann er zu seinem Arbeitsplatz laufen. Jetzt ist er in den herkömmlichen Arbeitsmarkt integriert. Und wird trotzdem intensiv betreut.
Stefanie Dietsch ist Altenpflegerin und seit ein paar Wochen die „Arbeitsplatzpatin“ von Reinhold Broscheit. „Er hat mich ausgewählt“, erzählt sie. 17 Arbeitsplatzpaten gibt es schon in den Landkreisen Main-Spessart, Würzburg und Kitzingen, in denen das Projekt installiert ist. Am Ende des Jahres sollen es 30 sein“, kündigt Leube an. Weil die Vorteile auf der Hand liegen.
Patenschaft hilft bei Integration
Stefanie Dietsch ist nicht nur die direkte Ansprechpartnerin für Reinhold Broscheit, sondern auch für die anderen Kollegen. Sie vermittelt und sie erklärt. Mit ihrem „Patenkind“ hat sie einen Arbeitsplan erarbeitet, den die beiden immer wieder durchgehen. Manchmal muss sie ihn auch bei der Arbeit antreiben. „Aber viel öfter muss ich ihn bremsen.“ Der 21- Jährige hat seit seiner Geburt Probleme mit der Merkfähigkeit und lernt langsam – aber er will arbeiten und etwas für die Gemeinschaft tun. „Er ist eine große Hilfe“, bestätigt Pflegedienstleiterin Stefanie Gassner. „Für die Kolleginnen und für die Bewohner.“
Willkommene Unterstützung
Den Essenstisch eindecken, die Speisen auftragen, die Küche wieder aufräumen – und dabei auch Zeit für ein kleines Gespräch mit den Bewohnern haben: Reinhold Broscheit nimmt den Altenpflegerinnen im Wilhelm-Högner-Haus wichtige Routinearbeiten ab. Die Zeit, die sie einsparen, können sie für die Betreuung der Bewohner verwenden.
Freilich sind Menschen wie Reinhold Broscheit aufgrund ihrer Behinderung besondere Mitarbeiter. Sie brauchen selbst Unterstützung. Sie brauchen Menschen wie Michael Roth. Der ist seit dem 1. Januar 2015 als Integrationsberater tätig. Ein neues Berufsfeld, in dem sich gelernte Heilerziehungspfleger genauso tummeln wie Gartenbautechniker, Hauswirtschafter oder Werkzeugmacher. In einer dreijährigen Zusatzausbildung werden diese Interessenten zum Integrationsberater weitergebildet – und lernen während des Jobs ständig dazu. „Ich übe mit unseren gehandicapten Mitarbeitern vor Ort die geforderten Tätigkeiten ein“, erklärt Roth.