Wir stellen authentische Produkte vor, die geschmacklich interessanter und aromatischer sind als Durchschnittsprodukte, und schlagen immer wieder eine Brücke von der Kulinarik zur Kulturlandschaft.
Wie sind Sie auf die Menschen gestoßen, die portraitiert werden – zum Beispiel Craftbier-Brauer und Quittenfachleute?
Oliver van Essenberg: Durch ganz viele Gespräche mit gut informierten Einheimischen und Genuss-Experten, zum Beispiel von „Slow Food“. Tipps kommen auch von denjenigen, die wir vorstellen. Die wichtigsten Faktoren sind Zeit und Unabhängigkeit. In zwei Wochen lässt sich eine Region wie Oberfranken eben nicht durchforsten. Vor dem Franken-Buchmagazin habe ich bereits fünf Bände über verschiedene fränkische Regionen herausgegeben, wo es unter anderem auch um Spezialitäten geht. Auf dieser mehrjährigen Vorarbeit konnten wir nun aufbauen.
Die Reportagen, Rezepte und (Gast-)Kommentare sind von verschiedenen Autoren verfasst. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Ihnen? Wie lange haben Sie gemeinsam an dem Buch gearbeitet?
Oliver van Essenberg: Ich stimme den Rahmen und den Aufbau stets grob mit den Autoren ab, damit es keine unnötigen Überschneidungen zwischen den Beiträgen gibt, aber auch keine offensichtlichen Lücken. Die Planung und Vorbereitung hierzu dauerte von meiner Seite aus rund drei Monate. Es ist gar nicht so einfach, so ein großes Gebiet thematisch einigermaßen in den Griff zu bekommen. Die reine Umsetzung, einschließlich meiner Texte, dauerte dann etwa ein dreiviertel Jahr.
Durch die Recherchen haben Sie viele Besonderheiten Frankens kennen gelernt. Was bedeuten Genuss und Lebensart für Sie persönlich?
Oliver van Essenberg: Das Wort „Genießen“ hat ähnlich wie die Vokabel „Spezialitäten“ Konjunktur. Inzwischen werden schon ganze normale Dinge wie eine x-beliebige Milch als Genuss angepriesen. Genuss ist für mich etwas Kostbares, eine intensive Beziehung zur Welt. Über das Thema Lebensart kommt die Kultur ins Spiel, die mich als Autor und persönlich ebenfalls sehr interessiert. „Lebensart genießen“ bedeutet für mich so viel wie „Genießen mit Verstand“.
Im Buch gibt es Geheimtipps für Genießer. Haben Sie einen ober-, unter- und mittelfränkischen Favoriten, den Sie ganz besonders empfehlen können?
Oliver van Essenberg: Geheimtipps sind verständlicherweise etwas versteckt, oft weit draußen, in einer ländlichen Region, manchmal aber auch hinter einer unscheinbaren Fassade oder in einer Seitenstraße zu finden.
In Oberfranken ist die Kulturkneipe „Ewige Baustelle“ so ein Phänomen. Eine großstadtwürdige Kneipe im beschaulichen Wunsiedel. Das Fichtelgebirge ist aus meiner Sicht sowieso die am meisten unterschätzte Region in Oberfranken, die bei näherem Kennenlernen viele schöne Überraschungen zu bieten hat.
In Mittelfranken ist das Hersbrucker Land mit seinen so genannten „Hutangern“ besonders schön. Es bietet nicht nur Mittelgebirge, Fachwerk-Idylle und Burgen, sondern überrascht auch mit anderen Augenweiden: der Hirtenkultur, uraltem Weideland und Parks, ähnlich imposant wie Englische Parks. Und gute Regionalküche gibt es dort auch.
In Unterfranken ist Marius Wittur, der Retter der fränkischen Quitte, mein Favorit. Wie kein anderer vereint er mit seinem Quittenbauprojekt „Mustea“ Genuss, Pflege der Kulturlandschaft und Bildung – für Herz und Verstand. Bei einer geführten Wanderung auf dem Astheimer Quittenlehrpfad kommt das alles zusammen.
Oliver van Essenberg
Oliver van Essenberg wuchs in Lauf an der Pegnitz (Mittelfranken) auf und zog 1993 für das Studium der Germanistik und Journalistik nach Bamberg. Nach seiner Promotion in Literaturwissenschaft arbeitete er zunächst in einer Agentur, wo er den Bereich Öffentlichkeitsarbeit verantwortete. 2009 machte er sich mit dem „selekt“-Verlag selbstständig. In der Reihe „Lebensart genießen“ ist aktuell der Band „Spezialitäten in Franken“ erschienen. Darüber hinaus gibt es fünf Bände über fünf fränkische Regionen: Bamberg, Nürnberg, Würzburg, Bayreuth, Fichtelgebirge. Ein Band über den Frankenwald ist in Planung und soll Ende 2017 erscheinen.