Er weiß, wo im Wald die „dicksten Schinken“ wachsen. Wo der Wolf durchzieht. Und wo der Halsbandschnäpper am liebsten sein Liedchen pfeift. Im Steigerwald macht ihm so schnell keiner etwas vor. Nur bei einem tut sich Andreas Leyrer schwer. Auf die Frage nach seinem Lieblingsplatz im Naturpark windet sich der Förster ein bisschen. „Es gibt so viele tolle Plätze“, sagt er. Auch wenn er versucht, die Vielfalt immer mehr einzugrenzen: Am Ende bleiben gleich drei Orte übrig, an die es ihn immer wieder zieht: eine Methusalem-Buche, die Aussichtskanzel an der Ruine Stollburg und ein kleines Bänkchen am Franziskusweg.

Letzterer beginnt quasi direkt vor seinem Büro im Handthaler „Steigerwald-Zentrum – Nachhaltigkeit erleben“, wo sich Leyrer um alle forstlichen Belange kümmert. Wenn der 59-Jährige mal eine Pause braucht, läuft er ein Stück auf dem rund zwei Kilometer langen Rundweg Richtung Waldrand. Zu hören sind hier nur Vogelgezwitscher und der Wind, der sich in den hellgrünen jungen Trieben der Laubbäume fängt; es ist „herrlich ruhig und friedlich“. Der Heilige Franz von Assisi habe Tiere geliebt, weiß Leyrer. Der Förster freute sich deshalb sehr, als Pfarrer Stefan Mai aus den franziskanischen Quellen acht Tierlegenden aussuchte und daraus Geschichten für einen Franziskusweg im Steigerwald machte. Acht Wegstationen gibt es seit dem vergangenen Jahr. Auf einer oxidierten Stahlstele wird je eine Geschichte oder Fabel über ein Wildtier wie Hase, Wolf, Fasan oder Falke erzählt. Mai übernahm die Texte nicht eins zu eins, sondern übertrug sie in ein „heutiges Deutsch“.

Ein wunderschöner Ort zum Entspannen

An der Falken-Stele stoppt Leyrer. „Ich sitze sehr gern hier und schaue rüber zum markanten Stollberg“, erzählt der Forstmann, während er auf einem Bänkchen an der Stele Platz nimmt. „Es ist ein wunderschöner Ort zum Entspannen.“ Hinter ihm liegt der Wald, vor ihm, von der Sonne beschienen, das Tal unterhalb der Stollburg mit seinen Feldern und Weinbergen. Unten im Dorf lugt der Turm der Magdalenenkapelle durch die Baumspitzen; dort endet – beziehungsweise beginnt – der Franziskusweg. Hat Leyrer mehr Zeit, steuert er gerne auf den höchstgelegenen Weinberg Frankens zu, den Stollberg, der von der Ruine Stollburg bewacht wird. Oberhalb des Handthaler Bachs und an mehreren Weihern vorbei geht es bergan. Immer wieder blickt der Förster ins Tal hinunter und freut sich über den malerischen Anblick. Warum er als gebürtiger Niederbayer – Leyrer stammt aus der Holledau – den Steigerwald so liebgewonnen hat? „Ich habe wohl den besten Grund dafür“, sagt er und lächelt. „Mit einer Gemüsegärtnerin aus Albertshofen habe ich quasi eine Steigerwälderin geheiratet – und das auf dem ?heiligen Berg? des Steigerwaldes, dem Schwanberg.“

Schon immer habe es ihn fasziniert, was man aus einem Blick auf die Landschaft alles herauslesen kann, sagt der 59-Jährige, als er die Aussichtsplattform hinter der Ruine Stollburg betritt und sich das fränkische Keuperstufenland unter seinen Füßen ausbreitet wie eine riesige Picknickdecke. „Das ist eine typische Zisterzienser-Landschaft“, sagt er. „Ein Wald mit schönen Eichen und Buchen, eine Quelle, Fischteiche und eine ertragreiche Landwirtschaft: Das waren gute Voraussetzungen fürs Leben.“ Die Ebracher Mönche hätten das erkannt und von der Landwirtschaft sowie von der Holznutzung gut leben können. Rund um Iphofen, am Westrand des heutigen Naturparks, gab es Eichenhaine für die Tiermast. „Auf den größten Eichen wachsen die dicksten Schinken“, erinnert Leyrer an die so genannte „Eichelmast“ der Schweine. Und noch eine Besonderheit war schon vor Jahrhunderten ein Garant für den Wohlstand der Iphöfer: Jahrhundertelang durften die Bürger in den Wäldern das Unterholz im Abstand von etwa 30 Jahren als Brennholz einschlagen, während das Oberholz geschont wurde. So entstand sogenannter Mittelwald, der heute Kulturerbe ist. Besonders die Eichen-Hainbuchenwälder erhielten so ihr charakteristisches Aussehen – und enormen Artenreichtum.

Die Landschaft ist menschengemacht

Anders in Bamberg. Rund um die heutige Oberfrankenmetropole waren die Böden ärmer, das heißt weniger ertragreich. „Man musste den Bauern und Bürgern deshalb auch Flächen innerhalb der Wälder zur Verfügung stellen, die diese dann rodeten“, sagt Leyrer. Viele Rodungsinseln seien dadurch entstanden. Aufgeforstet worden sei oft mit der schnellwüchsigen Kiefer. „Aus heutiger Sicht war das nicht nachhaltig.“ Doch es sei ein gutes Beispiel dafür, „dass unsere Landschaft nicht naturgegeben, sondern menschengemacht ist“. Beim Abstieg von der Stollburg, auf der übrigens der mittelalterliche Minnesänger und Dichter Walther von der Vogelweide zur Welt gekommen sein soll, fallen einige Totholzstämme ins Auge, die im Wald liegengelassen wurden. „Wir wissen heute längst, dass eine vermeintlich schlampige Bewirtschaftung viel besser ist als ein total auf- und ausgeräumter Wald“, betont der Fachmann. „Nur dort, wo es einen vielfältigen Baumbestand mit reichen Strukturen und auch ein wenig Wildnis gibt, hat die Artenvielfalt bei Insekten, Vögeln und Pilzen eine echte Chance.“ Ulrich Mergner von den Bayerischen Staatsforsten, die den Staatswald im Naturpark bewirtschaften, hat dafür ein wegweisendes integratives Naturschutzkonzept entwickelt, das inzwischen europaweit Anerkennung findet, sagt Leyrer. „Schutz trotz Nutzung“, laute das Motto, durch das die Artenvielfalt verbessert und trotzdem die Ernte des wertvollen Rohstoffes Holz ermöglicht werden soll.

„Viele Menschen haben ein falsches Bild von Forstwirtschaft“, stellt Andreas Leyrer fest. Früher hätten die Leute ihren Förster gekannt, fast jeder Haushalt hatte irgendwo ein Stück Wald. „Heute kommt das Holz aus dem Baumarkt und die Wärme aus der Zentralheizung.“ Um den Menschen die Zusammenhänge zu erklären, arbeitet Leyrer auch gerne mit den drei Rangern des Naturparks zusammen. Und er möchte eine Leidenschaft wecken für die Belange des Waldes als „wundervolles Ökosystem“.

An seinem dritten Lieblingsplatz zeigt der Förster, was er meint. Ein hellgrünes „M“ für Methusalem kennzeichnet den Stamm einer auf 150 bis 180 Jahre geschätzten Buche. Leyrer fährt mit den Fingern über die Rinde, die erst im Alter rau und rissig geworden ist. „Er bietet unzähligen Kleinlebewesen Verstecke.“ Noch ist der Baum quicklebendig. Doch auch, wenn er irgendwann stirbt, wird er ein Dorado für Insekten, Vögel und Pilze sein. Neben dem Methusalem steht ein Stamm, dessen Krone schon lange abgebrochen ist. Etliche Zunderschwämme haben ihn besiedelt. Leyrer deutet auf einen der festen Pilzkörper, die unsere Urahnen zum Feuermachen genutzt haben, und zeigt auf kleine Löcher, die ihn durchziehen. „Das ist der Schwarzkäfer“, sagt er. „Dass sich so ein Urwaldrelikt im Naturpark wohlfühlt, ist ein gutes Zeichen.“

50 Jahre Naturpark

Naturpark Steigerwald: Tiefe Wälder, funkelnde Teiche, Sonnenhänge und duftende Wiesen: Seit einem halben Jahrhundert gibt es den Naturpark Steigerwald, in dessen Mitte ein großer Stein die „drei Franken“Ober-, Mittel- und Unterfranken verbindet. Auf 129.000 Hektar warten verwunschene Orte, alte Ruinen, idyllische Auen und manche Gaumenfreude auf Entdecker. DIE KITZINGER beginnt heute eine Serie, die zu den interessantesten Plätzen führt. Auch Ur- und Herzens-Steigerwälder kommen zu Wort.

Besonderheiten: Zwischen den Haßbergen im Norden und der Frankenhöhe im Süden erhebt sich der Steigerwald auf bis zu 500 Meter Höhe. Der 1290 km2 große Naturpark, der sich unter anderem durch weitläufige alte Buchenwälder auszeichnet, verbindet Ober-, Mittel- und Unterfranken sowie die Großräume Bamberg, Nürnberg und Würzburg. Und sechs Landkreise: Bamberg, Erlangen-Höchstadt, Neustadt-Aisch, Kitzingen, Schweinfurt und die Haßberge.