Die Messlatte lag ziemlich hoch: Beim Tag des Bieres in Gnodstadt, den die Braumeister Sebastian und Martin Rank, am Freitag zum 17. Mal ausrichteten, standen schon alle möglichen Bayerischen Ministeram Rednerpult, das immer noch aus drei Bierkisten zusammengezimmert ist. Monika Hohlmeier war schon da - und im letzten Jahr Christine Haderthauer. Diesmal setzten die Veranstalter noch einen drauf - und präsentierten zum ersten Mal eine Bundesministerin als Festrednerin: Ilse Aigner. Die 49-Jährige CSU-Polikerin kommt aus Oberbayern, ist ledig, und Katholikin. Sie löste 2008 Horst Seehofer im Amt als Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ab.

In der festlich geschmückten Halle der Brauerei Düll gab es schon eine Stunde vor Aigners Einzug keine Sitzplätze mehr. An der Decke hingen weiß-rote fränkische Fahnen. Die Luft roch nach Bier, Kraut und Bratwürsten. Die Leute unterhielten sich lautstark. Manche rechneten bis zum Schluss noch mit einer kurzfristigen Absage der Bundesministerin. Andere diskutierten schon einmal die Themen, die sie von ihr erwarteten, wie beispielsweise: Pferdefleischskandal, Wegfall der Fördermittel und Kontingente für deutsche Landwirte, Monokulturen oder Bevormundung durch Brüssel.

Es stehen Wahlen im Herbst an. Abgesehen von der Anziehungskraft Aigners und des guten Bieres in Gnodstadt, war vielleicht auch das eine Grund für viele zu kommen um zu sehen oder selbst gesehen zu werden. Dem Vorwurf, dass der Tag des Bieres in Gnodstadt eine Wahlveranstaltung der CSU sei, widersprach allerdings der Braumeister Sebastin Rank energisch in seinem Grußwort: "Dies wurde mir gerade in den letzten Tag vorgeworfen und hat mich sehr geärgert; wir feiern hier immer noch den Erlass des Bayerischen Reinheitsgebotes vom 23. April 1516. Das steht im Mittelpunkt." Den Kontakt zur hochkarätigen Gastrednerin stellte wie immer (MdL) Otto Hünnerkopf her, der das zweite Grußwort entbot.

Ilse Aigner zog pünktlich um 19.30 Uhr unter lautem Beifall in die Festhalle ein. Begleitet wurde sie von ihrer Berliner Pressereferentin und drei Leibwächtern vom Bundeskriminalamt (BKA), die sich rasch in der Halle verteilten, sich in ihren dunkelgrauen Anzügen aber doch, gewollt oder nicht, auffällig vom Publikum abhoben.

Aigner selbst trug einen dunkelbraunen Hosenanzug. Sie zeigte sich herzlich und lachte viel. Zunächst aber stärkte sie sich mit einem zünftigen Essen, das aus Fränkischen Bratwürsten mit Sauerkraut und Brot bestand, dazu Gurkensalat und ein Bier. Danach wäre so manch anderer reif für ein Nickerchen gewesen, nicht aber die Ministerin, die sich energisch ans Rednerpult begab und fast eine Stunde frei, ohne Manuskript sprach.

Der rollende Buchstaben R ist bei ihrem oberbayerischen Dialekt natürlich Pflicht, die Stimme blieb stets energisch und sachlich. Eine Bierzeltrednerin ist Ilse Aigner sicher nicht. Höhepunkte, die Emotionen bei den Zuhörern hervorrufen sollen, fehlten in ihrer Rede. So gab es immer wieder in verschiedenen Ecken kleine private Diskussionsnester. Ein alter Landwirt rief dazwischen: "So ein Schmarrn, ihr macht doch alles was Brüssel euch vorsagt." Für den Zwischenruf erntete der sogar einen fliegenden Bierdeckel, der unter Geschimpfe in seine Richtung flog. Ilse Aigner blieb sachlich und ruhig und meinte: "Stellen sie sich vor, sie haben eine Großfamilie mit 27 Kindern und sie wollen sich auf ein Fernsehprogramm einigen; so ist die Arbeit in der EU."

Sie erinnerte daran, dass Deutschland das jetzt einzige Land ohne Produktivitätsförderung sei - und dass es beim Wasser keine Pflicht zur Privatisierung gäbe. Sie brach eine Lanze für die Wertschätzung unserer Lebensmittel und meinte: "Ich habe das mal prüfen lassen, jeder von uns wirft jährlich 82 Kilogramm gute Lebensmittel weg. Und auf den Parkplätzen der Discounter stehen teure Wagen."

Dann kam das rollende R wieder voll zum Einsatz: "Ist doch wahrrr! Der Mensch, der die Lebensmittel herstellt, muss doch auch von seiner Arbeit leben können." Damit sprach sie einem Landwirt aus der Seele, der meinte: "Ich habe damals Milchkontingente für viel Geld gekauft, jetzt sind die weg und wertlos." Sie erinnerte an die Jugendarbeitslosigkeit in unseren Nachbarländern, die zwischen 25 und 50 Prozent liegt. In Deutschland und speziell in Bayern sieht sie aber noch keine Probleme für den Nachwuchs und meinte: "In Bayern kommen schon 42 Prozent der Studenten nicht mehr über das Abitur; die Bildung und die Ausbildung der Kinder muss sich nämlich an ihnen orientieren und nicht mehr nach den Wünschen der Eltern richten.
Zeit für Diskussionen oder kleine Gespräche hatte Ilse Aigner keine. Sie dirigierte noch mit sichtlichem Vergnügen die Rodheimer Musikanten zum Bayerischen Defiliermarsch und zog dann schnell mit ihren Begleitern aus der Halle.