Ein Auf und Ab der Gefühle brachte das Weinjahr 2020 für Andreas Oehm und Cornelius Lauter. Der Frost im Mai vernichtete einen Teil der Ernte. Gleichzeitig wuchs das größte Projekt in der jüngsten Geschichte der Genossenschaft nach und nach: die neue Kelterhalle wurde im September und Oktober auf Herz und Nieren geprüft. Fazit: Es hätte kaum besser laufen können.

„Gerade in diesem Jahr wollten wir kein Kilo Trauben in Gefahr bringen.“
Cornelius Lauter, Geschäftsführer GWF

Auf den Ertrag von 1500 Hektar Rebfläche ist die neue Kelterhalle ausgelegt. In einem normalen Jahr liefern die Genossen Wein von rund 1250 Hektar nach Repperndorf. Ab der Frostnacht vom 12. Mai war heuer nichts mehr normal. Dennoch: Trauben von etwa 570 Hektar Weinbergsfläche wurden innerhalb von dreieinhalb Wochen in Repperndorf angeliefert und verarbeitet. Drei der elf dezentralen Kelterstationen blieben in diesem Jahr noch zusätzlich aktiv: Iphofen, Volkach und Waigolsheim. „Im Nachhinein hätten wir auch die Menge aus Volkach hier verarbeiten können“, sagt Vorstandsvorsitzender Oehm. Aber: Die Entscheidungsträger wollten auf Nummer sicher gehen. Es hätten ja unvorhergesehene technische Probleme auftreten können. „Gerade in diesem Jahr wollten wir kein Kilo Trauben in Gefahr bringen“, betont Geschäftsführer Lauter.

Im Zweischicht-Betrieb ist das Lesegut der Mitglieder verarbeitet worden. Pro Schicht sind sechs Mitarbeiter in der Kelterhalle tätig gewesen. Die hätten sich schnell an die neue Technik gewöhnt. Bis auf Kleinigkeiten habe der Betrieb einwandfrei funktioniert, versichern Oehm und Lauter. Im nächsten Jahr soll deshalb die gesamte Erntemenge nach Repperndorf geliefert werden. Die Herstellerfirma wird dann noch einmal mit ein paar Mitarbeitern vor Ort sein, um die Steuerungstechnik zu überwachen.

Von den Mitglieder, die schon in diesem Jahr nach Repperndorf geliefert haben, habe man die typisch fränkische Reaktion erfahren, berichtet Oehm. Kein direktes Lob, aber viele hätten gefragt, warum die GWF nicht schon viel früher auf dieses System umgestellt habe. Argumente pro neuer Kelterhalle gibt es genug: Zwei bis drei Stunden mussten die Winzer mitunter an den dezentralen Stationen warten, bis sie ihre Trauben in die Presse kippen konnten. In Repperndorf ist die Wartezeit dank moderner Technik, einer ausgeklügelten Logistik und künftig zweier Verarbeitungsstraßen weitaus geringer, außerdem erhalten die Winzer, die selbst per Anhänger liefern, eine Anfahrtsvergütung. Der Kontakt zu den Mitgliedern soll trotzdem auch weiterhin intensiv bleiben. Auch künftig werde es Lesebesprechungen vor Ort geben. Die Klassifizierung in den Weinbergen werde beibehalten, kündigt Oehm an. Jeder Schlag werde begutachtet. „Darauf basiert unsere Leseplanung.“ Dass diese Treffen essenziell seien, habe man gerade während dieses Corona-Jahres noch einmal gespiegelt bekommen. Dennoch befindet sich auch die GWF in einem Digitalisierungsprozess. Die Mitglieder sollen ab dem kommenden Jahr ihren Wunschtermin für die Lese per Smartphone und App senden können. „Das erleichtert uns die Organisation“, so Lauter. Zunächst stehen aber die Gespräche mit den Vertretern aus dem Lebensmitteleinzelhandel an. Ganz einfach dürften die nicht werden. Während Franken die kleinste Ernte seit Menschengedenken eingefahren hat, konnten andere deutsche Anbaugebiete, wie die Pfalz, aus dem Vollen schöpfen. „Wir müssen unsere Plätze in den Supermarktregalen trotzdem verteidigen“, gibt Andreas Oehm die Marschrichtung vor. Eine gewisse Handelsspanne sei vorhanden, aber eine große Preissteigerung sei kaum zu erwarten, so Lauter. Will heißen: Die Einbußen in der Menge seien nicht mit einem erhöhten Preis aufzufangen.

„Die Kräfte werden gebündelt.“
Andreas Oehm, Vorstandsvorsitzender GWF

Trotz aller Schwierigkeiten: Oehm und Lauter schauen optimistisch in die Zukunft. Bis Weihnachten sollen auch die letzten Bauarbeiten an der neuen Kelterhalle abgeschlossen sein. Dann stehe ein stabiles Fundament für die Zukunft. Die Zentralisierung mache für alle Mitglieder Sinn. Statt bislang elf Kelterstationen mit 40 Weinpressen gebe es jetzt nur noch einen Ort, der gut überwacht werden könne und langfristig weniger Kosten verursache als die dezentralen Standorte. „Die Kräfte werden gebündelt“, erklärt Oehm.

2021 werde kein leichtes Jahr, aber Angst müsse man nicht haben, ergänzt Lauter. Der Jahrgang 2020 sei zwar der kleinste in den letzten 35 Jahren, aber immerhin sei die Qualität durchgehend gut. Außerdem sei die GWF breit im Markt aufgestellt und dank der Online-Aktivitäten konnten die Verluste in den Vinotheken in diesem Jahr kompensiert werden.

Für 2021 wünschen sich Oehm und Lauter ein gutes Lese-Ergebnis und ein Jahr ohne Frost oder sonstige Launen der Natur. Das ständige Auf und Ab der Gefühle darf auch wieder ein Ende nehmen.