Seinen Namen will er nicht nennen. Der tue nichts zur Sache. Von seiner Tat will er trotzdem berichten. Weil er hofft, dass es Nachahmer gibt. Handeln statt Zuschauen, könnte das Motto lauten. Leben retten, statt Videos drehen.

Es war Sonntagmittag als Helmut W. (Name erfunden) mit seiner Frau und deren Mutter aus Richtung Mainbernheim nach Kitzingen fuhr. Kurz vor der Einmündung in den Kreisel hat er aus dem rechten Seitenfenster geschaut und war erstaunt: Rauch drang aus dem Fenster eines Mehrfamilienhauses. Von den Rettungskräften oder der Feuerwehr keine Spur. Helmut W. zögerte nicht: Er nahm die erste Ausfahrt und bog in die Max-Planck-Straße ein.

„Das war wohl Intuition“, sagt er zwei Tage später am Telefon. Der selbstständige Schreiner aus dem Landkreis Kitzingen kam gerade noch rechtzeitig. Ein Mann erschien am Fenster, im Arm ein kleines Kind. Rund fünf Meter waren es vom ersten Stock bis zum Boden. „Zum Glück bin ich groß und kräftig“, sagt Helmut W. und muss lachen. Er gab dem Mann mit Zeichen zu verstehen, dass er das Kind auffangen würde. „Er hat es an den Armen zum Fenster rausgehalten und losgelassen“, erinnert sich Helmut W. Rund zwei Meter freier Fall. Dann landete das eineinhalb Jahre Kind in seinen Armen.

„Ich habe es gleich meiner Frau und ihrer Mutter übergeben“, erinnert er sich. Denn der verängstigte Vater tauchte erneut am Fenster auf. Im Arm ein zweites Kind. Wieder konnte es Helmut W. sicher auffangen, gleich darauf kam schon das dritte Kind.

Währenddessen wurde die Rauchentwicklung immer dichter und es hatten sich einige Schaulustige eingefunden. Hat jemand die Feuerwehr gerufen? Oder die Polizei? „Kann ich nicht mit Sicherheit sagen“, meint Helmut W. Was er weiß: Beinahe jeder hatte sein Handy in der Hand und filmte. Auch dann noch, als der Mann seine Frau aus dem Fenster hielt und fallen ließ. „Ich konnte sie noch ganz gut auffangen“, erinnert sich der Schreiner. Den Mann selbst, der als letzter aus dem Fenster sprang, konnte er nicht mehr ganz halten. „Im Gelenk des Daumens ist mir dabei wohl was gerissen“, sagt Helmut W. zwei Tage später. Den Unfallbericht muss er noch aufsetzen.

Am Sonntagmittag hat er nicht lange überlegt, sondern beherzt gehandelt. Drei weitere Wohnungen gibt es in dem Haus. Ob alle Bewohner schon im Freien waren, konnte ihm niemand beantworten. „Also bin ich rein und habe gegen die Wohnungstüren gehämmert und geklingelt.“ Die meisten Bewohner hatten noch gar nichts von der Rauchentwicklung im ersten Stock mitbekommen.

Als Helmut W. wieder an die frische Luft kam, war die Feuerwehr und Polizei immer noch nicht am Ort. „Ich habe in die Runde gefragt, ob jemand die 112 gerufen hat“, erinnert er sich. „Die standen alle nur da und haben gefilmt. Da bin ich doch ein bisschen lauter geworden.“

Als die Feuerwehren aus Kitzingen und Sickershausen schließlich mit zahlreichen Einsatzkräften vor Ort waren, hatten sie den Brand rasch im Griff. Die Familie und der 50-Jährige Retter wurden vor Ort vom Rettungsdienst medizinisch versorgt. Sie hatten eine leichte Rauchgasvergiftung erlitten. Die Mutter blieb mit ihren Kindern für eine Nacht zur Beobachtung in einer Klinik.

Die Brandermittler fanden heraus, dass das Feuer in einem der Kinderzimmer ausgebrochen war. Die genaue Ursache ist jetzt Gegenstand der weiteren Ermittlungen der Kripo Würzburg. Der Schaden wird sich groben Schätzungen zufolge im fünfstelligen Bereich bewegen. Das Polizeipräsidium Unterfranken bedankt sich in seiner Pressemitteilung ausdrücklich für das umsichtige Handeln des Ersthelfers, weist aber gleichzeitig darauf hin, sich in einer solchen Situation nicht selbst in Gefahr zu bringen. Helmut W. weiß das. „Aber in so einem Moment denkt man nicht nach, sondern rennt und handelt.“ Zumindest er hat das getan – während die meisten anderen nur dabei standen und filmten.