Was tun, wenn die Ernte viel zu spärlich ausfällt? Wenn die „Munition für den Vertrieb fehlt“, wie es Wendelin Grass ausdrückt. Der Geschäftsführer der Genossenschaft Divino Nordheim-Thüngersheim hat sich mit seinen Mitarbeitern Gedanken gemacht – und ist auf eine kreative Lösung gekommen.

Vor drei Jahren hat Grass mit drei ähnlich großen Genossenschaften in Württemberg, Baden und der Pfalz die „German Wine Group GmbH“ gegründet. Ziel war es, den Export zu stärken. Gemeinsam könne die internationale Vermarktung der Produkte konzentrierter erfolgen, so die Überlegung. Jetzt helfen die deutschen Kollegen dem fränkischen Betrieb, der unverschuldet in Not geraten ist.

350 Hektar Weinbergsfläche bewirtschaft die Divino. 140 Hektar waren in diesem Jahr ein Totalausfall. An der Mainschleife hat der Frost im Mai richtig zugeschlagen. Trotzdem wurden 80 Hektar dieser Fläche gelesen, um wenigstens ein paar Trauben im Keller zu haben. 60 Hektar blieben ungelesen.

„Wir können unseren Kunden diese besondere Situation im Gespräch vor Ort erläutern.“
Wendelin Grass, Geschäftsführer Divino

Zum Glück hat die Genossenschaft auch Flächen in Thüngersheim, die vom Frost verschont geblieben sind. Auf den rund 130 Hektar ist ein normaler Ertrag eingeholt worden. Dennoch: Im Vergleich zu einem normalen Jahr fehlt der Genossenschaft mehr als ein Drittel an Menge.

„Wir wollen auch weiterhin alle Vertriebswege bedienen“, erklärt Wendelin Grass. Gerade im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) besteht eine große Konkurrenz. Wer einmal aus den Regalen der Supermärkte fliegt, der kommt sehr schwer wieder hinein. „Das kann zwei bis drei Jahre dauern, bis man diese Plätze wieder erobert“, erklärt er. Die Einbußen durch erhöhte Preise einfach an die Verbraucher weiterzugeben, sei auch nicht die Lösung. Fingerspitzengefühl sei gefragt, bestimmte Schwellen könnten nicht so leicht übersprungen werden. Ergo: Der LEH muss weiter bedient werden.

In der Direktvermarktung geht die Divino dafür neue Wege. Dort wird es bald auch Weine aus drei anderen deutschen Anbaugebieten geben. „Ein einmaliger Vorgang“, betont Grass und ergänzt: „Er betrifft auch nur eine unserer Weinlinien.“ Unter dem Begriff „Juventa“ vertreibt die Divino leichte und fruchtige Weine. Produkte, bei denen es nicht so sehr um das „terroir“, die typische Ausprägung einer bestimmten Lage geht. Bereits kurz nach dem Froster-eignis hat Grass Kontakt zu seinen Partnern in der Pfalz, in Württemberg und in Baden aufgenommen. Die Kollegen kamen seiner Bitte nach und stellten bestimmte Flächen für „Juventa-Weine“ zur Verfügung. „Wir haben unsere Anbaurichtlinien weitergegeben“, erklärt Grass. Die Weinberge sind entsprechend bearbeitet und gelesen worden. In diesen Tagen werden die ersten Margen nach Franken gebracht. „Nach dem ersten Anstich“, wie der Leiter Vinotheken bei Divino, Peter Angele, erklärt. In Nordheim kommen die Weine dann auf die Feinhefe. „Wir können also noch steuernd eingreifen.“

„Dieses Jahr werden wir schon irgendwie hinbekommen.“
Hermann Schmitt, Fränkischer Weinbauverband

Im nächsten Jahr sollen diese Weine ausschließlich in der Direktvermarktung verkauft werden. „Wir können unseren Kunden diese besondere Situation im Gespräch vor Ort erläutern“, erklärt Grass.

Der Kunde müsse schließlich wissen, was er kauft. Grass und Angele hoffen auf das Verständnis und die Loyalität ihrer Kundschaft und sprechen von einem ehrlichen Weg und „offenem Visier“. Eine Preiserhöhung für die Juventa-Linie wird es im Gegenzug nicht geben. Silvaner und Domina werden weiterhin ausschließlich aus Franken kommen.

Das jeweilige Anbaugebiet wird auf dem Etikett zu lesen sein. Das ist im Deutschen Weingesetz auch eindeutig geregelt. „Die Herkunft muss auf der Flasche nachgewiesen werden“, betont Hermann Schmitt, Geschäftsführer des Fränkischen Weinbauverbandes. Er weiß um die großen Herausforderungen für die Winzer und Genossenschaften in diesem Frostjahr. Schmitt hat Verständnis für den Weg der Divino Nordheim, sähe es aber lieber, wenn in Franken ausschließlich fränkischer Wein verkauft wird. Er weiß von Winzern in besonders betroffenen Gebieten, die innerhalb Frankens Trauben angekauft haben. Außerhalb Frankens hat nach seinem Kenntnisstand nur die Divino Nordheim Trauben zugekauft. Ein Vorgang, der sich nicht wiederholen soll, wie Wendelin Grass betont, der auch in anderer Angelegenheit kreative Wege gegangen ist. Während der Corona-Hochphase im Frühjahr ist der Absatz in den Vinotheken drastisch eingebrochen, dafür sind die telefonischen und die online-Bestellungen enorm angestiegen. „Die Leute haben sich zu Hause was gegönnt“, weiß der Geschäftsführer. Die Divino hat deshalb einen Lieferservice in der Region etabliert. In ganz Unterfranken und bis nach Bamberg sind die Mitarbeiter gefahren, um Bestellungen ab mindestens zwölf Flaschen auszufahren. „So haben wir den direkten Kontakt zu unseren Kunden aufrecht erhalten“, freut sich Grass. Ein Service, der auch in den kommenden Jahren angeboten werden soll.

Eines der schwierigsten Jahre überhaupt geht für die Winzer und Genossenschaften in Franken in den Endspurt. „Dieses Jahr werden wir schon irgendwie hinbekommen“, versichert Hermann Schmitt. Aber eines ist auch klar: das nächste Jahr muss wieder ganz normal verlaufen. Sonst kommen auch die kreativsten Köpfe an ihre Grenze.

Preis: Beim renommierten Wettbewerb „awc vienna 2020“ hat die Divino kürzlich die Trophy in der Kategorie „Reserve Rotwein (Jahrgang 2015 und älter)“ mit einem 2015er Frühburgunder trocken gewonnen. Eine zweite Trophy ging nach Nordheim in der Kategorie „Eiswein“.