• Vom Müllwagen überfahren: Techno-Legende aus Hof (Saale) stirbt bei Verkehrsunfall
  • "Raver's Nature" aus Hof waren Chartstürmer - Viva, Bravo Hits und Loveparade
  • "Nie ganz verkraftet": So verbrachte Ralf Lindner die letzten Jahre seines Lebens 
  • Beerdigung mit besonderen Bedingungen: So wurde "John Bogota" die letzte Ehre erwiesen

Hofer Techno-Legende gerät unter Räder eines Müllwagens und stirbt - jetzt spricht ein "Raver's Nature"-Kollege: Am Samstag, dem 15. Mai 2021, passiert das schreckliche Unglück. Ralf Lindner, Mitglied des legendären Techno-Trios "Raver's Nature" aus Hof will gegen 07.50 Uhr im Norden der Stadt an der Ampel eine Straße überqueren. Dabei wird er von einem abbiegenden Mülllaster erfasst.

Hofer Techno-Legende stirbt bei Unfall mit Müllwagen: So tickte Ralf Lindner

Der 50-Jährige gerät unter die Räder des Lkw, wird dort eingeklemmt und stirbt noch am Unfallort. Ein Schock für seine Familie - aber auch für seine ehemaligen musikalischen Partner. Bei inFranken.de spricht sein DJ-Partner und Techno-Urgestein Peter Luft über die rasante Erfolgsgeschichte des Trios, über die schwere Zeit danach und eine Beerdigung ohne Fans . "Wir waren 1990 in einem kleinen Club in der Region, ich habe schon länger als DJ aufgelegt", erzählt Luft, der heute mit seinem Bruder ein Unternehmen in Hof leitet, das Verpackungsfolien herstellt. Dort hätten er und sein Kumpel, Markus Ströbel, Ralf Lindner kennengelernt. Dieser ist gelernter Kaufmann, genauso wie Luft.

Alle drei eint die Leidenschaft für Techno, der Ende der 80er-Jahre aus Großbritannien nach Deutschland überschwappt. Während die Männer mit dem "Mainstream" der damaligen Zeit wenig anfangen können, hat es ihnen die elektronische Musik angetan. "Nach der Wende gab es ja dann in Berlin die großen Clubs. Dort sind wir eigentlich jedes Wochenende hingefahren. In Franken gab es ja weit und breit eigentlich nichts", erinnert sich Luft. "Ralf war ein ausgewiesener Computernerd, er kannte jedes Musikprogramm in- und auswendig und hat uns gefragt, ob wir nicht zusammen etwas produzieren wollen." Gleichzeitig sei Lindner sehr musikalisch gewesen, konnte etwa gut Gitarre spielen, so sein ehemaliger DJ-Kollege. 

"Aus Gaudi haben wir dann unseren ersten Song im Studio produziert", erzählt der Oberfranke. Die drei Männer lassen das Stück gegen Bezahlung auf Platte pressen und bitten die Händler "sie den guten DJs unter den Stapel zu mischen". Mit Erfolg: Auf einem der größten Techno-Festivals, der "Mayday" in Berlin 1991, hören sie als Besucher plötzlich ihre eigene Musik - auf einem Auftritt von Szenegröße Tanith. "Da sind wir zu ihm hin. Und er hat dann gemeint, er spielt den bei jedem Auftritt und uns mit einem Plattenlabel ein Treffen am nächsten Tag organisiert. So hat sich das dann immer weiter hochgeschaukelt."

Nach dem Erfolg: Streit ums Geld beim Techno-Trio "Raver's Nature"

In rasanter Geschwindigkeit werden die Hobby-Produzenten aus Hof zu deutschlandweiten Techno-Stars. Sie nennen sich "Raver's Nature", ihre Künstlernamen sind "Roy" (Ströbel), "Pedro Ferrari" (Luft) und "John Bogota" (Lindner). Bei DJ-Legende Westbam ergattern sie einen Plattenvertrag, ihre Single "Take off" hält sich 1995 ganze 13 Wochen in den Top 30 der deutschen Single Charts. "Wir haben auf der Loveparade gespielt, waren auf mehreren Bravo-Hits und dann mehrmals in den Charts", erzählt Peter Luft. Sogar auf den damals beliebten Musiksendern wie Viva werden ihre Videos gesendet. 

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Doch das Glück hält nur begrenzt, es habe immer mehr Konflikte zwischen den Mitgliedern des Trios gegeben: "Ende der 1990er bin ich dann ausgestiegen, denn leider hört ja bei Geld oft die Freundschaft auf. Wir waren dann auch nicht mehr so erfolgreich wie am Anfang und hatten uns auch auseinandergelebt", so Luft. Das sei aber "normal, wenn man so viel zusammen im Studio hängt und unterwegs sind." Als das neue Jahrtausend anfängt, sind die Höhepunkte der Karriere längst vorbei. Peter Luft will das Projekt wieder aufleben lassen, doch muss sich einen neuen Partner suchen. "Ich habe 'Raver's Nature' später mit einem anderen Bekannten weitergeführt, Ralf und Markus wollten nicht mehr", erzählt er. 

Die Beziehung zwischen den drei Hofer Männern zerbricht, das Verhältnis von Luft zu Ralf Lindner ist deutlich abgekühlt. "Zu Ralf hatte ich eher gelegentlichen Kontakt, wir haben mal über Belangloses von früher gequatscht, aber es hat einfach nicht mehr so gepasst, obwohl wir beide ja in Hof gelebt haben". Luft wohnt heute nur wenige Straßen entfernt von der Stelle, an der Ralf Lindner am 15. Mai von einem Mülllaster überfahren wurde. "Ich habe über seinen Bruder die Nachricht von seinem Tod erfahren. Beim Spazierengehen habe ich schon die Absperrungen gesehen. Das ist sehr bedrückend." 

Ralf Lindner aka "John Bogota": Seine Beerdigung fand im kleinsten Kreis statt

Das Leben von Ralf Lindner - es war laut seinem Ex-Kollegen Luft - in den letzten Jahren nicht immer unbeschwert. "Ralf hatte sich in den vergangenen Jahren noch an verschiedenen Jobs versucht, aber dass der Erfolg von damals weg war, hat er, glaube ich, nie so ganz verkraftet", sagt Peter Luft. "Vieles von dem, was er dann versucht hat in den vergangenen Jahren, lief nicht so gut, teils hatte er sogar mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen." Lindner selbst bezeichnete sich kurz vor seinem Tod auf Facebook noch als "jung gebliebenes Urgestein" der elektronischen Musik. 

So bleibt er auch den Fans in Erinnerung. Zahlreiche Nachrufe habe es in den Shows des Techno-Radios "Sunshine Live"  auf Lindner gegeben, erzählt Peter Luft. Auf der Facebook-Seite von "Raver's Nature" ist ein altes Foto zu sehen: Es zeigt Ralf Lindner in den besten Zeiten des Hofer Techno-Trios auf einer Autogrammkarte. Mit einer schwarzen Basecap, silbernen Ohrringen und einem jugendlichen Gesicht, das ernst in die Kamera blickt. "Rave In Heaven John", wünscht ein Nutzer. 

Doch bei seiner Beerdigung waren sie nicht anwesend. "Es war eine ganz kleine Trauerfeier im engsten Familien- und Bekanntenkreis", erzählt Peter Luft. Wegen Corona hätte man das Datum absichtlich nicht "an die große Glocke" gehängt - auch um "nicht zu viele Leute dazuhaben wegen der Einschränkungen". Eine eigene Familie hatte Lindner laut Luft nicht gegründet, auch verheiratet war der Techno-Virtuose nicht. Dafür aber hatte er wohl eine große Ersatzfamilie in der Musikszene gefunden. 

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Vorschaubild: © Frank Luft/privat