FrageSehr geehrter Herr Wagner, Ihre Radtouren haben Sie schon durch viele Regionen der Welt geführt. Auch in Staaten, die auf den ersten Blick als nicht so sicher gelten. Fährt manchmal auch die Angst mit?
Manfred Wagner: Gottlob bin ich überhaupt kein ängstlicher Mensch - sonst könnte ich Fahrradtouren etwa durch Wüsten wie die Sahara oder die Gobi oder auch die Durchquerung des australischen Outbacks oder von Sibirien nie machen. Das heißt aber nicht, dass ich blind und ohne Rücksicht auf Verluste frei nach dem Motto ,Mir gehört die Welt' drauflos fahre. Neben einer Grobplanung gehören für mich im Vorfeld immer auch eine Risikoabschätzung und eventuell Maßnahmen zur Risikoreduzierung dazu. Ein Beispiel: Meistens habe ich einen Wasserfilter oder Wasser-Entkeimungstabletten dabei, um verschmutztes Wasser "unschädlich" und damit trinkbar zu machen. Oder: Eine Notfall-apotheke mit Schmerztabletten, Wundverbänden und Antibiotika gehört ebenfalls ins Gepäck. Wenn ich alleine unterwegs bin - was immer wieder mal vorkommt -, habe ich viel mehr mit der Einsamkeit als mit der Angst zu kämpfen. Dass ich morgens nicht weiß, wie und wo ich abends schlafen werde, das macht mir dagegen überhaupt nichts aus.

Was ist gefährlicher (oder lästiger): Bären oder Mücken? Und welche weiteren Gefahrenpunkte gibt es, die Sie beachten müssen?
Beides kann richtig gefährlich sein. Man braucht nur an die Übertragung etwa von Malaria zu denken. Ohne Moskitonetz oder Mückenspray ist es zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten auf dieser schönen Welt kaum auszuhalten. Dazu zählen in erster Linie alle heißen Feuchtgebiete wie Skandinavien oder Sibirien. Aber auch die australischen Buschfliegen, die zwar nicht beißen, aber unablässig die Nasen-, Ohrenlöcher, Augen und Lippen suchen und sich kaum verscheuchen lassen, sind echte Plagegeister. Es ist einfach wichtig, einige Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Im Bärenland Alaska etwa darf man keinesfalls Lebensmittel am oder gar im Zelt deponieren und im Norden Australiens oder auf Osttimor darf man nicht am Strand campieren - und wenn der noch so schön ist, denn: Krokodile gehören zu den wenigen Tieren, bei denen Menschen ins Beuteschema passen.Was die Gefährdung durch Menschen angeht, habe ich bislang noch keine wirklich schlechten Erfahrungen gemacht. Obwohl ich inzwischen in 80 Ländern unterwegs war, wurde ich noch nie überfallen oder ausgeraubt. Sicherlich wäre ich mehr gefährdet, wäre ich mit einem fetten Mercedes oder BMW unterwegs...
Ultima ratio, also letztes Mittel ist ein Pfefferspray, das ich dabei habe - und schon einmal erfolgreich gegen aggressive Hunde in der Osttürkei einsetzen musste.

Und sonst gab es keine brenzligen Situationen?
Doch: Als ich mit meinem Radpartner durch die Wüste Gobi fuhr, erlebten wir einen ausgewachsenen Sandsturm. Und als ich mit meiner Frau durch China fuhr, hatte ich einen doppelten Rahmenbruch an meinem Rad.

Was macht den Reiz Ihrer Touren aus? Die Landschaften? Die Menschen, denen Sie begegnen? Oder ist es etwas anderes, das Sie antreibt?
Bei längeren Touren, wenn es besonders strapaziös oder einsam ist, taucht die Frage immer wieder mal auf: Warum tust du dir das eigentlich an? Letztlich habe ich keine wirklich befriedigende Antwort darauf gefunden, aber es gibt schon einige Erklärungen bei der Suche nach dem Motiv. Zum einen nenne ich da meine Abenteuerlust, mein Drang, Neues zu sehen und zu erleben, meine Grenzen - sowohl in körperlicher als auch in psychischer Hinsicht - auszutesten. Insbesondere die Kontraste bereichern mein Leben. Was meine ich damit? An einem Tag geduscht in einem frisch bezogenen Bett zu liegen und am anderen verstaubt im Zelt auf meiner Isomatte im Schlafsack. An einem Tag faul auf der Haut zu liegen und am anderen sich in endlosen Serpentinen einen tausende Meter hohen Berg hochzuquälen. Ich bin auch selbstkritisch genug zuzugeben, dass ich mir immer wieder selber beweisen muss, noch nicht zum alten Eisen zu gehören...

Sind besondere Vorbereitungen nötig? Training für die Fitness? Sprachen lernen? Sich vorab mit den Gepflogenheiten eines Landes vertraut machen, damit man sich nicht unnötig in schwierige Situationen begibt?
Sicherlich ist eine gute Kondition vorteilhaft für eine Tour, die über Tausende von Kilometern gehen soll. Diese Kondition verschaffe ich mir in erster Linie dadurch, dass ich im Alltag fast alles mit dem Fahrrad erledige. Egal, ob ich etwas einkaufe, ob ich als freier Journalist unterwegs bin, ob Sommer oder Winter: Wann immer möglich, steige ich in den Sattel. Ich radle im Jahr insgesamt mehr als 10 000 Kilometer, viel mehr als ich mit dem Auto zurücklege. Vorab informiere ich mich natürlich auch über die Kultur und die Menschen in den jeweiligen Ländern. Trotzdem kann man auch mal ins Fettnäpfchen treten: So haben meine Frau und ich (wir sind so oft wie möglich gemeinsam unterwegs) ungewollt einen echten Skandal verursacht, als wir in Sri Lanka im Freien nackt geduscht haben; das gilt dort als absolut sittenwidrig. Was wir jedoch überhaupt nicht wussten...
Ansonsten habe ich immer auch ein kleines "Ohne-Wörter-Buch" dabei - da gibt es Bildchen zu fast allen Situationen (im Restaurant, Übernachten, Notfälle). Das ist dann in Ländern wie China oder in der Mongolei, wo kaum englisch gesprochen wird, sehr hilfreich.

Müssen Sie für ihre Radtouren tief in die Tasche greifen, um die Reisen finanzieren zu können, oder lassen sich solche Touren kostengünstig absolvieren? Ist es aufwendig, das eigene Fahrrad im Flugzeug mitzunehmen?
Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass ich während einer Reise nicht mehr Geld gebraucht habe als zuhause auch. Beispielsweise die Länder in Südostasien wie etwa Vietnam sind für unsere Begriffe spottbillig. Wenn man dann dahin essen geht, wo auch die Einheimischen sind, ist es nochmal günstiger. Am teuersten sind die Touristenzentren. Ich habe keine Probleme damit, auf Luxus und Bequemlichkeit zu verzichten. Ich fühle mich in meinem Zelt und im eigenen Schlafsack sehr wohl und ich koche gerne auf einem Kocher meinen Kaffee und meine Nudeln selber. Das Teuerste ist oft der Flug. Für den Transport besorge ich mir nach Möglichkeit in einem Radladen eine leere Fahrradbox. Was die Tarife angeht, muss man sich vorher informieren; jede Fluggesellschaft hat da eigene Bestimmungen.

Welche Tour würden Sie als Ihre schönste bezeichnen? Was ist Ihr nächstes Ziel, und wohin würden Sie auf keinen Fall eine Radtour machen?
Mit der Frage nach der schönsten Radtour tue ich mir schwer. Jedes einzelne Land, finde ich, hat seinen ganz eigenen Charakter - eigentlich so wie jeder einzelne Mensch auch. Insofern war jedes Land neu und interessant. Am liebsten bin ich mit meiner Frau unterwegs - wir sind dann ein gutes Team. Uns haben beispielsweise Sri Lanka oder Kuba sehr gut gefallen. Das können andere Menschen aber ganz anders empfinden: Beispiel Sri Lanka - dort kennt man abseits der Touristenpfade auf dem Land kein Essbesteck. Wer also Probleme damit hat, nur mit den (vorher abgewaschenen) Fingern zu essen, wird sich da nicht wohlfühlen...Unser nächstes Ziel führt meine Frau und mich von Alaska südwärts durch den Westen Kanadas bis nach Seattle. Eine anspruchsvolle Tour über fast 4000 Kilometer durch die faszinierende Natur der Rocky Mountains. Wohin ich auf keinen Fall eine Radtour machen würde - da muss ich lange nachdenken. Eigentlich sind das nur die akuten Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt.

Welche Gedanken bewegen den Weltbürger und früheren Kreisrat Manfred Wagner, der um ein Haar vor einigen Jahren Bundestagsabgeordneter geworden wäre, beim Blick auf den Terror und die Krisen dieser Welt?
Natürlich ist die Welt nicht aus einem Guss und das war sie auch früher nicht. Aber die globale Entwicklung und der Blick in die Zukunft zeigen ein ganz neues Niveau der Zerstörung: Die Erwärmung des Erdklimas, der Atommüll, die Vernichtung vieler Tier- und Pflanzenarten, die hemmungslose Ausbeutung der fossilen Rohstoffe - das sind die Todsünden unserer Generation. Früher habe ich geglaubt, in einem aufgeklärten Zeitalter zu leben, in dem die Menschen zusehends ihre Meinungsverschiedenheiten friedlich miteinander lösen. Ich habe nicht geglaubt, dass es zu einem derartigen Rückfall in das Schwarz-Weiß-Denken und zu religiös motivierten fanatischen Gewaltausbrüchen kommen würde. Vielleicht müssen die Menschen insgesamt sehr schmerzhafte Erfahrungen machen, bevor sie wieder lernen, dass es zum humanitären und friedlichen Umgang miteinander und mit der Umwelt keine Alternative gibt.

Die Fragen stellte unser
Redaktionsmitglied Klaus Schmitt