Der Glaube spielt im Leben von Joachim Stapf eine große Rolle. Vor sieben Jahren machte er ihn auch zu seinem Beruf. Mit damals 44 Jahren schult er um - vom Bauleiter zum Diakon. Im Sommerinterview erzählt der 52-Jährige, was ihm an seinem Beruf besonders wichtig ist und was ihn oft nicht zur Ruhe kommen lässt.

Warum sind Sie Diakon geworden?
Joachim Stapf: Die Sache Jesu hat mich schon immer begeistert. Ich habe mich schon als Kind zur Kirche hingezogen gefühlt. Eigentlich komme ich aus einem nicht religiös geprägten Elternhaus. Vielleicht war es aber gerade diese Freiheit in der Erziehung, die mir den Weg zur Kirche eröffnet hat.
Dann noch unser früherer Pfarrer Ernst Bach: Bei ihm erfuhr ich das erste mal intensiv etwas von Jesus und seiner Botschaft. Er konnte damals die Geschichten aus dem Evangelium uns Kindern gut erklären. Nach 20 Jahren ministrieren, machte mir die Arbeit im Pfarrgemeinderat große Freude. Nicht vergessen will ich da einen Mann aus Wonfurt. Raimund Vogt war für mich ein richtiger Glaubenszeuge und hat gezeigt, wie wichtig Glaube im Leben sein kann.

Was ist Ihnen an ihrem Beruf wichtig?
Die Menschen! Ich spreche gerne mit Leuten und ich bin gerne unter Menschen - egal ob jung oder alt. Die Aufgabe als Diakon in der Gemeinde oder in der Arbeitswelt unterwegs zu sein, dass ist das Schönste, was ich mir vorstellen kann. Lebensbegleiter zu sein, in allen Situationen des Lebens. Sich nicht im Pfarrhaus zu verkriechen und zu warten, bis jemand an der Tür klingelt, sondern hinzugehen, wo man gebraucht wird. Gerade dann, wenn die Lebenssituation der Menschen alles andere als schön ist. Dort ist mein Platz. Dorthin fühle ich mich gerufen, vielleicht auch berufen.

Gab es etwas, dass Sie besonders inspiriert hat?
Ich möchte sagen nicht Etwas, sondern Jemand und zwar ein Mönch vom Berg Athos. Pater Panteleimon ging vor 35 Jahren als junger Mann in diese autonome Mönchsrepublik im Norden von Griechenland. Er lies sein offensichtlich gutes Leben, seinen Job als Direktor zweier Krankenhäuser in Frankfurt und seine Heimat, hinter sich. Dieser Mann hat mich begeistert. Über zwanzig Jahre war ich bei ihm mit vielen Freunden zu Gast. Viele Jahre halfen wir in Athos, direkt am Meer, bei der Olivenernte.

Und was war das Besondere?
Was mich da so begeistert hat, war neben der unheimlichen Gastfreundschaft, wie Panteleimon bei der Arbeit mit uns über den Glauben ins Gespräch kam. Es war eben nicht von oben herab, eine Verkündigung von der Kanzel oder vom Pult, sondern auf Augenhöhe mit Arbeitskollegen bei der harten Arbeit. Ich dachte, so müsste es sein: Mit den Menschen arbeiten, dort über Gott und die Welt reden und dann noch zusammen den Glauben feiern. Das hat mich begeistert und begeistert mich heute noch. Das einfache Gespräch über Gott und den Glauben nicht in theologischen Purzelbäumen, sondern in der Sprache, die man gewohnt ist.

Wie lief die Ausbildung zum Diakon ab?
Die Ausbildung zum Diakon dauert vier bis fünf Jahre. Das Ganze verläuft neben Beruf und den familiären Verpflichtungen. Ich will da nicht herumreden, es ist und war eine harte Zeit. Das alles unter einen Hut zu bringen, erfordert Ausdauer, Kraft und viel Gottvertrauen.
Ein Ausbildungsteil war das theologische Fernstudium. Natürlich mit vielen Prüfungen und Hausarbeiten. Dazu kam noch der Ausbildungsteil "Diakonie" über drei Jahre mit monatlich einem Wochenende in Würzburg und jährlich einer Studienwoche in einer Bildungseinrichtung. Dann noch ein pastorales Praktikum von 16 Monaten in einer Gemeinde und einem Gemeindeprojekt. So läuft die Ausbildung ab.

In welchen Bereichen arbeiten Sie als Diakon ?
Ich bin als Diakon und Seelsorger in den beiden Pfarreiengemeinschaften Main-Steigerwald und Maintal-Heilige Länder eingesetzt. Neben der Vorbereitung von Taufen und Trauungen, den Katechesen, dem Spenden der Sakramente sind es besonders Krankenbesuche, Trauergespräche und Beerdigungen, die zu meiner Tätigkeit gehören.
Auch die Firmvorbereitung ist einer meiner Schwerpunkte. Doch besonders am Herzen liegt mir die Notfallseelsorge in unserem ökumenischem Team im Dekanat. Weiter bin ich noch als Altenseelsorger im Dekanat beauftragt und für den Bereich Ebern zuständig.

Welche Erlebnisse sind ihnen nachhaltig im Gedächtnis geblieben?
Einer der schönsten Momente war, als der Jugendseelsorger Matthias Vetter und ich gemeinsam mit einem Team aus Jugendlichen einen speziellen Gottesdienst vorbereitet haben. Dieser "Gottesdienst im Zirkuszelt" hat Alt und Jung begeistert. Da hat man gespürt wie das Glaubensfeuer lodern kann, wenn man selbst bereit ist sich auf die Leute einzulassen.

Und Negatives?
Natürlich gab es auch einige Erlebnisse, die heute noch schmerzen. Sie haben eine Narbe im Gedächtnis hinterlassen. Da denke ich an einige Unfälle in der Region und die Betreuung der Opfer oder Hinterbliebenen. Ich bin der Meinung, die Seelsorge muss überall zuhause sein.

Wie schaffen Sie es in der Seelsorge, die richtige Balance zwischen Nähe und einer professionellen Distanz zu halten?
Das ist jetzt eine schwierige Frage. Für mich hat Seelsorge eigentlich immer etwas mit Nähe zu tun. Als Seelsorger muss man nahe am Menschen sein. Sprechen wir dann vielleicht eher von einer professionellen Nähe. Das ist dann das Gespür zu entwickeln, wie viel Nähe die jeweilige Situation erfordert oder auch zulässt. Auf keinen Fall sollte es soweit gehen, dass man sich aufdrängt. Fragen, Selbstzweifel, Unruhe und so manches Erlebnis, welches mich beschäftigt und auch manchmal nicht zur Ruhe kommen lässt, lege ich dann auch unseren Gott im Gebet vor die Füße.

Was waren Ihre schönsten Momente im Beruf?
Die schönsten Momente sind immer wieder die selben. Mit einem jungen, verliebten und glücklichen Brautpaar über die Trauung zu sprechen und diese kirchliche Trauung mit ihnen zu feiern. Oder sich über die Geburt ihres Kindes zu freuen und die Taufe mit vorzubereiten.

Und die Schwierigen?
Auch die schwierigsten Momente wiederholen sich für mich öfter. Diese sind dann, nach einem Unfall oder Suizid zusammen mit zwei Polizeibeamten vor der Haustüre zu stehen und die Todesnachricht zu überbringen. Es ist diese Zeit, in der man wartet und sich anschaut, bis sich dann die Haustüre öffnet. Hier wird allen Beteiligten immer wieder neu bewusst, dass sich für die Menschen hinter der Tür das ganze Leben verändert. Das schmerzt immer wieder neu und zeigt deutlich, wo wir Seelsorger gebraucht werden und das wir auch gebraucht werden.

Dieses Gespräch führte unser Redaktionsmitglied Lisa Kieslinger