Massenunfall ist "eine besondere Herausforderung"

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40 Verletzte unterschiedlicher Schweregrade mussten von den Sanitätseinheiten an insgesamt zwei Patientenablagen medizinisch erstversorgt werden. Anschließend wurden sie mit Rettungsfahrzeugen abtransportiert. Michael Will/BRK
40 Verletzte unterschiedlicher Schweregrade mussten von den Sanitätseinheiten an insgesamt zwei Patientenablagen medizinisch erstversorgt werden. Anschließend wurden sie mit Rettungsfahrzeugen abtransportiert.        Michael Will/BRK
Am Bahnübergang "Hetschingsmühle", so das Szenario, wurden drei Autos von einem Zug gerammt. Insgesamt acht Personen waren eingeklemmt. Dieser Polo wurde 150 Meter mitgeschleift.
Am Bahnübergang "Hetschingsmühle", so das Szenario, wurden drei Autos von einem Zug gerammt. Insgesamt acht Personen waren eingeklemmt. Dieser Polo wurde 150 Meter mitgeschleift.
 
Im Zugabteil wurden rund 25 Personen zum Teil schwer verletzt. Sie mussten nach einer ersten Sichtung in Zusammenarbeit von BRK und Feuerwehr gerettet und aus dem Zug transportiert werden, unter ihnen auch ein Rollstuhlfahrer.
Im Zugabteil wurden rund 25 Personen zum Teil schwer verletzt. Sie mussten nach einer ersten Sichtung in Zusammenarbeit von BRK und Feuerwehr gerettet und aus dem Zug transportiert werden, unter ihnen auch ein Rollstuhlfahrer.
 
Gespenstische Szenen boten sich bei absoluter Dunkelheit den ersten Einheiten von Feuerwehr und Rettungsdienst am Unglücksort. Ein Pkw wurde neben die Gleise an eine Böschung geschleudert und stand in Flammen. Der eingeklemmte Fahrer (simuliert von einer Puppe), dessen linker Arm aus dem Fahrerfenster hängt, hatte keine Überlebenschance.
Gespenstische Szenen boten sich bei absoluter Dunkelheit den ersten Einheiten von Feuerwehr und Rettungsdienst am Unglücksort. Ein Pkw wurde neben die Gleise an eine Böschung geschleudert und stand in Flammen. Der eingeklemmte Fahrer (simuliert von einer Puppe), dessen linker Arm aus dem Fahrerfenster hängt, hatte keine Überlebenschance.
 
Das Technische Hilfswerk Haßfurt wurde ebenfalls alarmiert und brachte Spezialgerät an die Einsatzstelle. Mit einem Bahnrettungssatz und Draisinen konnten Verletzte schnell und sicher vom Zug zu den Patientenablagen transportiert werden.
Das Technische Hilfswerk Haßfurt wurde ebenfalls alarmiert und brachte Spezialgerät an die Einsatzstelle. Mit einem Bahnrettungssatz und Draisinen konnten Verletzte schnell und sicher vom Zug zu den Patientenablagen transportiert werden.
 
Ein Rettungsteam versorgt einen Patienten. Der Mann war zuvor zusammen mit zwei anderen Insassen in einem Auto eingeklemmt und schwer verletzt.
Ein Rettungsteam versorgt einen Patienten. Der Mann war zuvor zusammen mit zwei anderen Insassen in einem Auto eingeklemmt und schwer verletzt.
 

260 Einsatzkräfte übten bei Ebern den Ernstfall: Ein Zug hatte Autos mitgeschleift. 40 "Verletzte" mussten versorgt werden.

Mit rund 260 Einsatzkräften waren Feuerwehr, Bayerisches Rotes Kreuz (BRK) und Technisches Hilfswerk (THW) in den Nachtstunden im Großeinsatz. Am Bahnübergang an der Hetschingsmühle zwischen Ebern und Lind fand eine mehrstündige Katastrophenschutzübung statt.

Ziel der Übung war einerseits das Zusammenspiel von Feuerwehr, Bayerischem Roten Kreuz, Technischem Hilfswerk und der Integrierten Leitstelle Schweinfurt (ILS) unter möglichst realen Bedingungen praktisch zu erproben. Andererseits wurde ein Augenmerk auf die zeitlichen Abläufe sowie die logistischen Herausforderungen gelegt.

Das Szenario war spektakulär und alle Beteiligten hoffen, dass es zu einem solchen Unglück niemals wirklich kommt. "Dennoch wollen wir auf so ein Ereignis vorbereitet sein", sagte der stellvertretende Katastrophenschutzbeauftragte des BRK im Landkreis Haßberge, Jürgen Geisel, der seitens des Roten Kreuzes gemeinsam mit Kreisbereitschaftsleiter Stefan Funck die Vorbereitungen getroffen hat. Zusammenstöße zwischen Fahrzeugen und Zügen auf der Strecke Bamberg-Ebern hat es in den letzten Jahren an Bahnübergängen immer wieder gegeben, glücklicherweise meist mit glimpflichem Ausgang. "Für alle Einsatzkräfte von Feuerwehr, THW und Rotem Kreuz war diese Übung eine ganz besondere Herausforderung", sagte Kreisbrandinspektor Thomas Habermann, der seitens der Feuerwehr zusammen mit Kreisbrandmeister Ralph Morgenroth Übungsleiter war und im Vorfeld einen Großteil der Organisation übernommen hat.

Das Szenario: Es ist Freitag, kurz vor 20.30 Uhr, als ein Zug den beschrankten Bahnübergang an der Hetschingsmühle passiert. Dabei kommt es zu einem folgenschweren Zusammenstoß mit einem Pkw, dessen Fahrer die geschlossenen Halbschranken bei Rotlicht noch schnell passieren will. Umgehend leitet der Zugführer eine Notbremsung ein, kann die Kollision mit dem Auto aber nicht mehr verhindern. Das Auto, in dem sich vier Personen befinden, wird auf den Gleisen vor dem Zug hergeschoben, der rund 150 Meter nach dem Bahnübergang zum Stehen kommt. Zwei weitere Autos werden erfasst und zur Seite geschleudert. Eines kommt auf der Seite im Graben zum Liegen, das andere wird eine Böschung hinuntergeschleudert und beginnt zu brennen. Der Fahrer eines vierten Pkw, der sich gerade dem Bahnübergang nähert, erschrickt und fährt in die Böschung.

Während in dem brennenden Fahrzeug ein Insasse eingeklemmt ist und das Unglück nicht überlebt, sind in den anderen Fahrzeugen insgesamt sieben Personen eingeklemmt und zum Teil lebensgefährlich verletzt. Auch im Zug, der zu diesem Zeitpunkt mit Dutzenden Personen besetzt ist, werden zwölf Fahrgäste schwer und zehn leicht verletzt. Das brennende Auto setzt zudem Teile des Bahndamms in Brand, Flammen lodern weithin sichtbar in den Nachthimmel.

Nach dem ersten Notruf und weiteren Alarmierungen werden insgesamt rund 260 Rettungskräfte von Feuerwehren, Rotem Kreuz und Technischem Hilfswerk an die Einsatzstelle gerufen. Sie alle üben nun gemeinsam die Bewältigung eines Massenanfalls von Verletzten. Neben der Zeit ist die Logistik bei einer solchen Rettungsdienstlage eine besondere Herausforderung. Verletzte müssen erfasst, kategorisiert, medizinisch versorgt und registriert werden, ebenso müssen von der ILS geeignete Krankenhäuser gefunden und deren Aufnahmekapazität abgefragt werden. Schließlich beginnt der Transport in die Kliniken der Region.

"Gerade für die erste Rettungswagen-Besatzung ist ein solcher Massenanfall von Verletzten eine besondere Herausforderung und Belastung", sagt Michael Will, Pressesprecher des BRK-Kreisverbandes Haßberge. "Denn im Alltag ist das Team gewohnt, sich in aller Regel nur um einen Patienten zu kümmern, beispielsweise wenn jemand mit einem Herzinfarkt versorgt werden muss - Individualmedizin also." Bei einem solchen Massenanfall kann aber genau das nicht geleistet werden. "Hier gilt es, sich einen Überblick zu verschaffen, Rückmeldung an die Leitstelle zu geben, weitere Einheiten nachzufordern sowie logistische und taktische Strukturen aufzubauen."

"Einfach gesagt, geht es bei einem Massenanfall von Verletzten nicht darum, jeden einzelnen Patienten möglichst schnell und optimal zu versorgen, sondern zu versuchen, möglichst viele Patienten zu retten und deren Überleben zu sichern", beschreibt Michael Will die Vorgehensweise. So wird in Bayern anhand der so genannten MAN-Richtlinie, einem erprobten Konzept zur Rettung und Versorgung einer hohen Anzahl von Patienten, gehandelt, beispielsweise bei großen Unglücken (Zugunglück in Bad Aibling, Explosion im Schaeffler-Werk Eltmann, Massenunfall auf der Autobahn bei Knetzgau). "So gelingt es, die wirklich lebensgefährlich Verletzten schnell zu identifizieren und zur Weiterbehandlung in Kliniken zu transportieren, wobei ein Patient beispielsweise mit einer zwar schmerzhaften aber nicht lebensbedrohlichen Armfraktur mitunter länger auf seinen Transport in eine Klinik warten muss."

An der Einsatzstelle wurden bei der Katastrophenschutzübung zwei so genannte strukturierte Patientenablagen eingerichtet. Insgesamt waren bei der Übung 40 Verletzte zu versorgen.

Für die Einsatzkräfte von Feuerwehr und THW waren nach Worten von FFW-Übungsleiter Thomas Habermann die Weitläufigkeit der Unfallstelle, unwegsames Gelände, die Dunkelheit und der Transport der technischen Geräte die größten Herausforderungen, ebenso die Ausleuchtung der rund 200 Meter langen Einsatzstelle.

Das private Eisenbahnunternehmen "Agilis" hatte großen Anteil an der erfolgreichen Katastrophenschutzübung. Eigens hierfür wurde ein Streckenabschnitt sowie ein Zug zu Übungszwecken bereitgestellt. "Der Austausch und die Zusammenarbeit mit den Feuerwehren und Einsatzkräften ist uns sehr wichtig, da auch wir im Ernstfall darauf angewiesen sind, gut geschulte Einsatzkräfte vor Ort zur Verfügung zu haben", betonte Axel Hennighausen, Geschäftsführer von "Agilis".