"Bahn frei!" für die neue Kraft im Ehrenamt: Seit Jahresbeginn ist Christiane Tangermann als Kreisheimatpflegerin für den Bereich Ost des Landkreises Haßberge zuständig, nur die schriftliche Bestätigung steht wegen der Corona-Einschränkungen noch aus. Dabei sprüht die Publizistin und Sprach- und Geschichtslehrerin vor Tatendrang und Ideen, das Ehrenamt mit Leben zu füllen. Seit gut zwei Jahren lebt die gebürtige Gießenerin in Heubach, wo sie und ihr Mann Rudolf in der alten Schule ein ebenso geräumiges wie gemütliches Zuhause gefunden haben.

Die Haßberge seien zu ihrer "Wahlheimat" geworden, sagt die 64-Jährige, die mit dem Begriff Heimat bislang keinen konkreten Ort verband. Kunststück. Hatte sie doch Kindheit und Jugend in diversen deutschen Städten verbracht, im Studium Auslandssemester in Moskau und England absolviert und dann drei Jahrzehnte an Schulen und Bildungseinrichtungen in den Vereinigten Staaten, auf den Philippinen und in der Schweiz gewirkt.

Heimat ist für sie kein Herkunftsort. Vielmehr siedelt sie ihren persönlichen Heimatbegriff dort an, "wo ich mich wohlfühle, positiven Menschen begegne und wo ich mein Zuhause finde". Dies Wohlbehagen habe sie in der Region und im Landkreis Haßberge immer empfunden und nun will sie"Heimat erfahren und Wurzeln schlagen" - auch im neuen Ehrenamt. "Wenn ich hier mit dem Hund in der Natur unterwegs bin, dann freut mich das mehr, als wenn ich den Eiffelturm sehe", sagt die Mutter dreier erwachsener Kinder, die längst außer Haus sind.

Das Rüstzeug

Wanderungen führen sie mit Vorliebe dorthin, "wo ich keinen Menschenmassen begegne", also beispielsweise lieber in die Gereuther Tannen, einen historischen Landschaftspark im Itzgrund, als auf den Staffelberg.

Christiane Tangermann ist längst dabei, Heimaterlebnisse und -erfahrungen zu sammeln, die sie als Kreisheimatpflegerin vermitteln will. Informelles Lernen sei das, "learning on the job". Qualifikationen sind ihre Zugewandtheit und ihr Interesse an Menschen, ihr Faible für historische Zusammenhänge und deren Nachwirkungen auf das Leben heute und ihr Spaß am Recherchieren und Forschen. Dazu kommen Einfühlsamkeit und Neugierde sowie das stattliche Zeitbudget einer "Berufsaussteigerin".

Im FT-Gespräch berichtet Christiane Tangermann von Ausflügen in interessante Dörfer der Region, bei denen sie mit den Leuten rasch ins Gespräch kam und hilfsbereit Auskunft erhielt.

"Gerade weil ich nicht von hier stamme, kann ich naiv an alles herangehen, Zusammenhänge ganz anders hinterfragen und Dinge einfacher auf den Punkt bringen", sagt sie. "Der Blick von außen", da stimmt sie ihrem Vorgänger, dem aus Oberbayern stammenden Günter Lipp zu, "ist in der Heimatpflege unheimlich wichtig". Einheimische nähmen Eigenheiten ihrer Region kaum mehr wahr, während die Neubürgerin genauer hinsehe und das Besondere entdecke. Dass sie zudem prima zu schreiben und Zusammenhänge interessant darzustellen vermag, hat sie auch bereits in Zeitungsbeiträgen für den FT bewiesen.

Unternehmungslustig, wie sie ist, überlegt sie nicht lange, sondern packt Herausforderungen bereitwillig beim Schopf. Das führte sie - und ihren Mann, der als Epidemiologe für die Weltgesundheitsorganisation WHO unterwegs war - quer über den Erdball und hat den Eheleuten zu einem bleibenden internationalen Freundeskreis verholfen.

Diese Aufgeschlossenheit war es auch, die sie spontan "ja" sagen ließ, als Günter Lipp fragte, ob sie nicht seine Nachfolgerin werden wolle. Sie hatte den Kreisheimatpfleger bei einer Stadtführung durch Ebern kennengelernt. Für den früheren Seminarrektor ist seine Auswahl nur konsequent, waren doch nicht nur er selbst, sondern auch seine Vorgänger als Heimatpfleger im Altlandkreis Ebern jeweils Lehrer. Die Reihe reicht von Rüdiger Reinhard und Willi Bergmann über Heinrich Hofmann bis zurück zu Schulrat Karl Hoch.

Aber Christiane Tangermann will nicht schulmeistern, sondern "gruppenmäßig denken". Diesen Ansatz pflegte sie mit Erfolg im Schulwesen und er soll ihr Wirken als Heimatpflegerin begleiten. Sie plant die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen von Bürgerverein und Heimatmuseum und mit den Schulen.

Sie will vernetzen, Vertreter ähnlicher Interessen zusammenbringen und Jugendliche für heimatgeschichtliche Zusammenhänge sensibilisieren. Das schaffe Identität und könne eines Tages dazu betragen, ihr Amt in jüngere Hände zu übergeben.

Wichtiges Anliegen der neuen Kreisheimatpflegerin ist es, das Werk Günter Lipps zu digitalisieren und damit für die Nachwelt zu sichern. Sie beschreibt ihn als ungeheuer fleißig und akribisch und attestiert ihm eine unermesslich wertvolle Lebensleistung für den Raum Ebern.

Weiter strebt sie die Zusammenarbeit mit Tourismuseinrichtungen im Landkreis an, um nachhaltigen und sanften Fremdenverkehr auszubauen, wirtschaftliche Strukturen zu fördern und die historischen Stätten, Burgen, Ruinen und Schlösser zu schützen und zu erhalten.

Heimatpflege, sagt die Pädagogin, bedeute mehr, als sich um historische Gebäude oder Bildstöcke zu kümmern. Sie betrachte Geschichte nicht als Selbstzweck, sondern wolle deren Bezug zum Leben im Jetzt und Heute aufzeigen. "Es geht um Sprache, Bräuche, Musik, Gewohnheiten, Rezepte, die Geschichte des Weins und der Bierbrauerei, Geruch, Gefühl und Geschmack."

Themen zuhauf

Die Themenpalette scheint unendlich bunt bestückt. Die Neueinsteigerin im Ehrenamt interessiert sich für historische Wege, Migration, die Frömmigkeit auf den Dörfern, beschäftigt sich aktuell beispielsweise mit den Flurnamen im Eberner Bürgerwald; sie fragt, wie das ehemalige Patrimonialgericht im Maroldsweisacher Ortsteil Marbach vor weiterem Verfall bewahrt werden kann.

Und sie folgt den Spuren des aus Memmelsdorf stammenden jüdischen Unternehmers Ignatz Bing, der einst die größte Spielzeugwarenfabrik der Welt aufbaute. Bei ihren Nachforschungen gelangte sie zu einer Spielzeugeisenbahn, die nun auf dem Kaminsims in ihrem Wohnzimmer steht und kurzerhand zum Accessoire für die Bebilderung dieses Artikels auserkoren wurde: höchste Eisenbahn, dass die Pandemie-Einschränkungen enden und Christiane Tangermann ihren Tatendrang ausleben kann.

Die Aufgabenverteilung im Landkreis Haßberge

m Landkreis engagieren sich drei Heimatpfleger ehrenamtlich, die für unterschiedliche geografische Regionen zuständig sind und jeder für sich ihre Steckenpferde reiten. Alle Heimatpfleger halten Vorträge und leiten Wanderungen bieten Führungen zu Themen an.

Den Bereich Ost und damit die Gemeindebereiche Breitbrunn, Ebelsbach, Ebern, Kirchlauter,

Maroldsweisach, Pfarrweisach, Rentweinsdorf, Stettfeld und Untermerzbach betreute fast 31 Jahre lang Günter Lipp aus Frickendorf; den 80-Jährigen, der sich als Wappenkundler und mit mehr als 600 heimatkundlichen Beiträgen in der Zeitung hervorgetan hat, löst Christiane Tangermann ab.

Im Bereich Süd ist Christian Blenk zuständig, wie Lipp und Tangermann ehemals Lehrer und wie Lipp seit 1. April 1991 im Amt. In seine Zuständigkeit fallen die Kommunen Eltmann, Gädheim, Knetzgau, Oberaurach, ferner Rauhenebrach, Sand, Theres, Wonfurt und auch noch die Stadt Zeil (wobei diese über drei sehr engagierte Heimatforscher verfügt). Der Heimatforscher hat sich insbesondere der Steinhauerei und der Ortsgeschichte seines Heimatorts Oberaurach verschrieben.

Den Bereich Nord (Aidhausen, Bundorf, Burgpreppach, Ermershausen, Haßfurt, Hofheim, Königsberg und Riedbach) hat Wolfgang Jäger unter die Fittiche genommen. Der Vorsitzende des Historischen Vereins Landkreis Haßberge übt sein Ehrenamt seit 2013 aus. Spezialgebiete des Elektroingenieurs aus Haßfurt sind die Adelsfamilien und Wappen der Region, Flurnamen im Landkreis und das Lesen alter Schriften.