Günter Lipp, Kreisheimatpfleger aus Frickendorf, wird am heutigen Montag, 21. September, 80 Jahre und gibt sein Amt in jüngere Hände ab. Fest steht: Sein Erbe zu übernehmen und dieses in der Intensität weiterzuführen, wird eine beachtliche Aufgabe sein. Doch Ersatz hat sich gefunden: Seine designierte Nachfolgerin heißt Christiane Tangermann.

Wie Lipp war sie früher im Lehramt (Fach Geschichte) tätig. Die studierte Publizistin und ihr Mann hatten sich vor rund drei Jahren in der alten Schule im Eberner Stadtteil Heubach angesiedelt und die neue "Wahlheimat" lieben gelernt.

Jubilar Günter Lipp hat sich nicht nur als Kreisheimatpfleger Verdienste erworben. Von 1972 bis 1975 war der Sozialdemokrat Zweiter Bürgermeister der Gemeinde Kraisdorf und gehörte von 1978 bis 1990 dem Stadtrat von Ebern an. Daneben saß er von 1972 bis 2014, also über 42 Jahre hinweg, im Kreistag des Landkreises Haßberge und war von 2002 bis 2008 weiterer Stellvertreter des Landrats.

Im Kreisvorstand der Arbeiterwohlfahrt wirkte er ab 1972, von 1996 bis 2006 als dessen Vorsitzender. Als Ortsvorsitzender der AWO in Ebern hat er sich vor allem für den Jugendtreff "Obendrin" im ehemaligen Kujath-haus eingesetzt.

Für seine Verdienste erhielt Lipp neben Ehrenmitgliedschaften bedeutende Auszeichnungen, von der Eberner Bürgermedaille 2004 über die Bayerische Denkmalschutzmedaille vor wenigen Wochen bis hin zum Bundesverdienstkreuz am Bande im Jahr 2011.

Der Heimatpfleger

Bleibende Spuren aber wird der Frickendorfer vor allem in seiner Funktion als Kreisheimatpfleger für den Bereich Haßberge-Ost, also den Altlandkreis Ebern, hinterlassen. Seit dem 1. April 1991 ist er Kreisheimatpfleger. Als Kreisheimatpfleger hatte er viele Sachgebiete abzudecken. "Nach meiner Pensionierung als Lehrer war ich im Ruhestand, aber nicht wirklich", schmunzelt Lipp. Er bezeichnet sich als "optischen Typen", die Kamera ist immer dabei, und für das Ehrenamt hat ihm sein ausgeprägter Orientierungssinn gute Dienste geleistet.

"Frag doch mal den Lipp." Der Satz kam häufig, wenn am Biertisch oder im privaten Umfeld konträr über Heimatgeschichte diskutiert wurde. Und: Günter Lipp wusste so gut wie immer eine Antwort, die er bis ins Detail belegen konnte. Und wenn das nicht der Fall war, dann hat er nachgeforscht, Zeitzeugen befragt, alte Handschriften gelesen und in den großen Archiven in Bamberg, Coburg oder München nachgeblättert.

Sein Haus in Frickendorf kann getrost als "Heimatarchiv" bezeichnet werden, nicht nur für den Landkreis Haßberge mit all seinen Städten, Gemeinden und Dörfern, sondern auch weit darüber hinaus. "Gut, dass wir so ein großes Haus haben", sagt Gattin Beate Lipp, frühere Realschullehrerin, die ihn bei vielen seiner Aktivitäten tatkräftig unterstützt. Fast alle Zimmer im Haus Lipp sind mit Aktenordnern bestückt, fein säuberlich und farblich sortiert.

Drei Säulen seiner Arbeit

Günter Lipp ist bei seiner Arbeit besonders das Erforschen und Sammeln wichtig, wie er sagt. "Dieses Wissen gebe ich in Gesprächsrunden, den Führungen und Vorträgen und über Zeitungsartikel weiter." Seine Arbeit unterteilt er in drei Kategorien: die heimatkundlichen Gesprächsrunden, die Wappenkunde (Gemeindewappen) und seine Führungen und Vorträge. Aber auch bei Stellungnahmen für Projekte der Städte und Gemeinden wird er von Amts wegen regelmäßig einbezogen.

Stichwort Wappenkunde: 53 Gemeindewappen hat er entworfen, 60 Ortswappen stammen aus seiner Feder und schließlich 25 Familienwappen entstanden auf Wunsch. Sie symbolisieren allesamt prägnant die Geschichte der Gemeinden, Dörfer und Familien, auch aus Thüringen. Der Zeitaufwand, um ein Wappen zu entwerfen, ist mitunter enorm, "um die drei Wochen dauert es im Schnitt".

Mit einem Wimpel begann's

Mit 14 oder 15 Jahren entwarf der gebürtige Münchener für seine "Pfadfindersippe" das erste Mal einen Wimpel. Seither ließ ihn diese spezielle Form des Visualisierens nicht mehr los. Viele Aufträge erledigte Lipp kostenlos. "Die Wappenkunde ist mein besonderes Spezialgebiet im Rahmen der Heimatpflege. Das ist selten. Dafür gibt es in Unterfranken nur wenige Fachleute", sagt Lipp.

Neugierig bleiben, ein offenes Ohr für sein Aufgabengebiet, das ist ihm wichtig. "Texte von anderen übernehmen, kam für mich nicht in Frage, ich habe alles für mich erforscht und bin dabei auch auf viele Fehler anderer gestoßen", sagt er.

Spannende Inschriften

Spannend sei es immer gewesen, Inschriften von Denkmälern zu entziffern und zu erforschen. In rund 150 Vorträgen hat er sein Wissen vermittelt, seine Vorträge gelten als spaßig und lebendig, trotz des Sujets. Nein sagen zu der Bitte um einen Vortrag, das konnte Lipp nach eigenen Angaben selten. Bisher. Das werde sich bei den Heimatkundlichen Gesprächsrunden ändern. "Einmal mach ich das noch, das ist dann mein 50. Gesprächskreis und dann wird es meine Nachfolgerin, Frau Christiane Tangermann, übernehmen."

Viele Denkmaltafeln, alleine für die Stadt Ebern hat er zwölf aus eigenen Mitteln gestiftet, tragen die Handschrift Lipps. Kupfertafeln, die an Gebäuden Auskunft über deren historischen Hintergrund geben.

In naher Zukunft plant Lipp, die selbst geschriebenen 609 heimatkundlichen Artikel mit Hilfe von Familie Tangermann als Buch herauszugeben. Solange es geht, will er die Beschriftungen in Goldenen Büchern machen. Sechs Kommunen bringen ihre Ehrenbücher derzeit zu ihm.

Bilanz des 80-Jährigen: "Als Hobby kann man den Job eines Kreisheimatpflegers nicht bezeichnen, das ist eigentlich ein Fulltime-Job", sagt Günter Lipp. Als Ausgleich spiele sein Garten für ihn eine große Rolle - und natürlich sein Archiv. Für ihn, "das nützlichste (...) was es im Landkreis gibt."