"Für die Zukunft sehe ich uns sehr gut aufgestellt und bin davon überzeugt, dass wir einen Abschwung in keiner Weise fürchten müssen, sondern vielmehr am nächsten Aufschwung überproportional teilhaben werden." Mit dieser Prognose war Ingomar Kelbassa im Dezember 2019 als Nachfolger von Claus-Peter Lehnert an der Spitze der Firma Spindeltechnologie Weiss in Maroldsweisach angetreten. Der Geschäftsführer berief sich damals auf die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter: "Wir haben bei Weiss ein hochmotiviertes, intelligentes Team beisammen, um diese zukünftigen Herausforderungen anzugehen."

Gerade mal zehn Monate später hat sich das Blatt gewendet. Bei Weiss, einst aus dem FAG-Konzern hervorgegangen und inzwischen eine 100-prozentige Siemens-Tochter, stehen die Zeichen auf Stellenabbau. Bis zu einem Drittel der Belegschaft, so erzählt man im Raum Maroldsweisach unter vorgehaltener Hand, sollen entlassen werden. Und dies ohne Sozialplan.

Aufträge brechen ein

Was ist dran? Firmenchef Kelbassa will Gerüchte nicht kommentieren. Der Diplomingenieur (Maschinenbau) verweist an die Pressestelle des Siemens-Konzerns in Erlangen. Dort führt Regional-Pressesprecher Bernhard Lott die Ebbe in den Auftragsbüchern an. Die Weiss-GmbH beliefere den Werkzeugmaschinenmarkt, insbesondere die Automobilindustrie und diese Branche leide unter einem nachhaltigen konjunkturellen Markteinbruch. Das habe zu signifikanten Rückgängen im Auftragseingang und beim Umsatz geführt.

"Als Antwort auf diese Entwicklung", so Lott, "richtet sich Weiss sowohl technologisch als auch strukturell nach den Bedürfnissen des konsolidierten Marktes neu aus." Zu dieser Neuausrichtung gehöre der Personalabbau im Unternehmen, der über drei Kalenderjahre gestreckt werden soll. Laut Lott sollen "bis zum Geschäftsjahresende 2023 insgesamt 70 Arbeitsplätze sozialverträglich abgebaut werden".

Gemeinsam mit dem Betriebsrat habe man einen Interessensausgleich verhandelt, der unterschiedliche Maßnahmen wie Teilzeit- und Altersteilzeitregelungen sowie freiwillige Aufhebungsverträge vorsieht. Ausdrücklich heißt es, "betriebsbedingte Kündigungen sind nicht vorgesehen".

Schwierige Verhandlungen

Wegen des krankheitsbedingten Ausfalls von Wolfgang Brasch leitete dessen Stellvertreter Stephan Schmitt die Gespräche für den Betriebsrat. Und der spricht von "richtig schwierigen Verhandlungen". Dass etwas geschehen muss, streitet der Kirchlauterer nicht ab. Zuletzt seien die Aufträge um ein Drittel eingebrochen, die wirtschaftliche Situation sei "einfach Scheiße". Betriebsbedingte Kündigungen kämen bei Weiss nicht infrage, sind ohne Zustimmung der IG Metall und des Betriebsrats ausgeschlossen. Dies regelt das "Radolfzeller Abkommen " von 2010, in dem der Siemens-Konzern sich verpflichtet hatte, keine Standorte zu schließen oder zu verlagern.

Quer durch alle Abteilungen

So wurde bei Weiss also ein Plan ausgehandelt, der den Stellenabbau regeln soll. "Das geht quer durch die Belegschaft, Alte und Junge und betrifft alle Abteilungen, von der Konstruktion und Montage bis hin zum Einkauf", sagt Schmitt, der seit 2002 als Betriebsrat aktiv ist. "Aktuell werden den Leuten Angebote unterbreitet, zuerst mal ist alles freiwillig. Wenn jemand nicht annimmt, gibt es momentan noch keine Konsequenzen."

Wie bedrückend die Situation für die Beschäftigten ist, erleben Schmitt und seine Betriebsratskollegen täglich. Erst recht, wenn sie Mitarbeiter auf deren Wunsch hin zu den Gesprächen mit den Vorgesetzten begleiten. "Allgemein", sagt Schmitt, "ist die Stimmung im Betrieb inzwischen beschissen".

Sorge um den Standiort

Um den Standort Maroldsweisach fürchtet Bürgermeister Wolfram Thein. Der SPD-Politiker denkt nicht nur an die Einkommensteuereinbußen der Marktgemeinde, sondern weitergehend an Folgen für die Kleinbetriebe und Versorger, die von Maroldsweisachs größtem Arbeitgeber abhängig sind. "Ich beobachte die Situation mit gewisser Sorge", sagt Thein.

Er gibt zu bedenken, dass das Maroldsweisacher Unternehmen sich nicht von ungefähr zu einem Marktführer für hochwertige Spindeln hochgearbeitet habe. Für ihn ist die Belegschaft der stärkste Wirtschaftsfaktor: "Maschinen kann man versetzen, aber Fachleute mit ihrem Know-how kann man nicht so leicht irgendwohin verfrachten." Viele Familien der Beschäftigten seien in der Region, in Vereinen und Einrichtungen eng verwurzelt.

Laut Siemens-Sprecher Lott soll das Geschäft bei Weiss wieder nachhaltig profitabel aufgestellt werden. Kapazitätsanpassung, effizientere interne Prozesse, größere Flexibilität, höhere Innovationsgeschwindigkeit, Digitalisierung und zukunftsfähiges Produktportfolio lauten seine Schlagworte.

Betriebsrat Schmitt denkt an die Kollegen. Er wünscht Weiss innovative Ideen, vor allem wieder mehr Aufträge.