"Hast Du etwas Zeit für mich? Singe ich ein Lied für Dich" - bei dieser Textzeile wurden viele der fast 3000 Nena-Fans am Dienstagabend stutzig und schauten verdutzt auf die Uhr. Nach einer Stunde und zehn Minuten stimmte die beliebte Sängerin ihren Welthit an und statt der 99 Luftballons stiegen übergroße Gummibälle über der Menschenmasse im Schosshof auf. "Soll jetzt schon Schluss sein?", zweifelten viele Besucher, zumal der Hitparaden-Dauerläufer noch zum "Hey Jude" von den Beatles über- und einen Massen-Chor einleitete.


Mit Trommel-Gewitter

Doch die Sorgen waren unbegründet. Nena ließ sich noch drei Mal auf die Bühne bitten und die Zugaben dauerten fast genauso lange wie der Haupt-Act. Und der hatte die Fans zunächst in Verzückung und dann ein Wechselbad der Gefühle versetzt. Die Dramaturgie erinnerte an eine Mixtur aus den Shows von "Anastacia" und "Silbermond" im Vorjahr. Zunächst ein Opening mit Trommel-Gewitter zu "Indianer" und später der Wechsel auf eine Mini-Bühne, die inmitten des Publikums aufgebaut war.

Das war's aber schon mit den Gemeinsamkeiten. Anders als "Anastacia" ging diesmal kein Regenguss über dem Adelssitz nieder und anders als bei Stephanie Kloß nutzte Nena die Klein-Bühne nicht für ruhige Nummern und Balladen, sondern fetzte zusammen mit Schlagzeug und Bass los, als wollte sie alten Gemäuer ringsum in Schutt und Asche legen, wie etwa bei der Samy Deluxe-Nummer "Fantasie".

Was selbst eingefleischte Fans irritierte. Und zwei jungen Mädchen, die ganz vorne an der Absperrung lehnten, eine Schelte einbrachte: "Bewegt Euch gefälligst ein bisschen und steht nicht rum wie gelangweilte Hühner. Ihr arbeitet hier für mich oder geht raus", schimpfte die Sängerin von oben herunter. Die beiden verzogen sich tatsächlich in die hinteren Reihen.


Das habe ich mir so gewünscht"

Dabei hatten sie zuvor noch eifrig mitgesungen, bei den bekannten Songs - wie "Nur geträumt", "Rette mich" oder "Kleine Taschenlampe brenn", das nur kurz in Kombination mit "Satellitenstadt" angespielt wurde. "Wir hau'n Euch den 80er- Sound um die Ohren", hatte Nena für die ersten 45 Minuten versprochen, ehe sie effektvoll von der Großbühne stieg und durch die Massen hindurch zur Mini-Stage spazierte. "Das habe ich mir für diese Tournee so gewünscht. Wir haben vor 40 Jahren angefangen und ich will ganz nah bei Euch sein", sagte sie, auch für ihre Acht-Mann-Combo, deren Musiker aus Hamburg, Berlin und Stuttgart den Star zumeist seit 20 Jahren schon begleiten.
Die Jubiläumstour "Nichts versäumt" läuft gut. Nach zumeist ausverkauften Hallenkonzerten und drei Wochen Urlaub steht Nena seit Montag wieder auf (Freiluft-)Tribünen. Da der Auftakt am Dechsendorfer Weiher bei Erlangen am Montag rasch ausverkauft war, wurde noch kurzfristig ein zweiter Franken-Gig, der im Schloss bei Ebern drangehängt.

Trotz der kurzen Vorbereitungs- und Werbephase war Veranstalter Wolfgang Heyder mit dem Zuspruch vollends zufrieden. "Und die Nena habe ich schon lange nicht mehr so gut gelaunt und energiestrotzend erlebt", weiß er aus früheren Konzerten, die er mit ihr in Bamberg und Coburg aufgezogen hat.


Mehr bekannte Hits

Der Top-Star hatte sich gut ins seit Monaten feststehende Festivalprogramm mit der "Spider Murphy Gang", Dieter Thomas Kuhn, "In Extremo", Weltstar Chris de Burgh und Johannes Oerding einfügen lassen. Trotz einiger Bühnenumbauten, denn die Acht-Mann-Band und die aufwändige Produktion mit LED-Leinwänden, Papierkanonen und allerlei Lichttraversen brauchten schon Platz, um die gewollte Entfaltung zu erzielen.

Doch die Show zusammen mit den Nena-Evergreens stellte (fast) alle Besucher zufrieden. Denn als ein Burgpreppacher eben maulte, dass "sie doch mehr ihre bekannten Lieder" spielen solle, kehrte Nena - als ob sie es vernommen hätten - nach dem Hau-Drauf-Intermezzo in die Erfolgsspur zurück: "Wunder geschehn". Weiter aufwärts ging's zum "Vollmond", der das Areal ausstrahlte, um danach gleich den "Leuchtturm" zu erklimmen, vermengt mit "Jumpin Jack Flash" von den "Rolling Stones" und eben die 99 Luftballons loszulassen.


"Super war's"

"Super war's" frohlockte eine Mürsbacherin, "geile Nummer, saustark" ein Kottendorfer. Eine seit Jahrzehnten treue Anhängerin aus Ebern schwärmte: "Respekt, Super-Konzert. Nena ging nicht einmal die Luft aus. Wir waren alle erstaunt, was für ein Hammer- Auftakt des Festivals. Super gemacht Nena samt Band." Einer Kronacherin fehlten die Worte. Nur ein "Hammer" war ihr zu entlocken. Auch ihre Freundin aus Marbach schwebte auf Wolke 7: "Ja das war irre toll, aber ich wusste, dass es super wird."

Und es folgte noch eine Stunde an Zugaben und eine weitere Runde durch die Fangemeinde. Nena hautnah und zum Anfassen. Das dürften die Fans in Ebern so schnell nicht mehr erleben.