Als das Königsberger Ehepaar Inge und ManfredWagner (beide 61) auf ihrer jüngsten Radtour Tadschikistan erreichten, staunten sie nicht schlecht: Auf der holprigen Straße fahren unglaublich viele Luxusautos, vor allem Mercedes. Die Erklärung: Das bettelarme, von Korruption gebeutelte Land ist ein Hauptabnehmer für gestohlene Edelkarossen.

Der überschwänglichen Gastfreundschaft überall in Zentralasien tat das keinen Abbruch. Die Reise vom pakistanischen Islamabad über den Karakorum- und Pamir-Highway (kurz KKH und PH genannt) zur historischen Seidenstraße war einerseits geprägt von einer atemberaubenden Hochgebirgslandschaft, andererseits von monumentalen Prachtbauten am Ende der Reise in den Märchenstädten Buchara und Samarkand.

Beim ersten Abschnitt der Reise auf dem KKH mit dem Kunjerab-Pass bestaunte Manfred Wagner das hierzulande kaum bekannte Hunzatal. am Oberlauf des Indus auf dem KKH kam er sich wie ein Zwerg vor: beiderseits eingeklemmt von Tausende Meter hochragenden, schneebedeckten Bergriesen.

Ab dem chinesischen Kashgar kam Ehefrau Inge dazu. Beeindruckt waren beide vom sogenannten Sonntagsmarkt. Dabei handelt es sich um einen großen Viehmarkt, auf dem Schafe, Ziegen, Esel, Rinder, Pferde und Kamele gehandelt werden. Nach diesem tierischen Erlebnis ging es wieder in die Berge. In Mulden, unter Brücken und eng an Berghängen geschmiegt, suchte das Paar Schutz vor peitschenden Sandstürmen.



Zeit lassen

Herausfordernd war auf dieser Tour nicht bloß die Entfernung, sondern mehr noch die Höhe - gemeinsam ging es auf fast 4000 Meter hinauf, mehr als 1000 Meter über dem höchsten Alpenpass. Das Wichtigste dabei ist die Akklimatisierung, auf gut Deutsch: Man muss sich die Zeit lassen, die der Körper braucht, um sich an den verminderten Sauerstoffgehalt der Luft anzupassen. Daher krochen die beiden Globetrotter mit ihren vollbepackten Rädern im Schneckentempo stundenlang schwitzend den Pässen entgegen.



Religiöses Leben

Bei Eiseskälte, aber azurblauem Himmel erreichten sie den zwischen ausgedehnten Schneefeldern liegenden Irkeshtam-Pass, der nach Kirgisistan führt. Wie auch in Usbekistan und Tadschikistan sind die Einwohner Moslems.

Das religiöse Leben spielt sich im Hintergrund ab. Man sieht auch auf dem Land kaum verschleierte Frauen und wird morgens nicht vom Muezzin geweckt. Obwohl der islamische Fastenmonat Ramadan anbrach, war die Weiterreise völlig unproblematisch. Die Franken hatten den Eindruck, dass in den "-stan-Ländern" (mit Ausnahme von Pakistan) große religiöse Toleranz herrscht.
Oft mussten die Abenteurer ihr Zelt aufschlagen. Dank ihres postkartengroßen, faltbaren Kochers aus Edelstahl, der mit kleinen Ästchen und Holzstücken befeuert wird, gab es dann zum Abendessen meistens Instant-Nudeln.



Nomadische Tradition

Inge Wagner betont, dass sie des Nachts nie ein Gefühl der Unsicherheit oder gar Angst hatte. Ohne Bedenken kann man in der Natur campen, schließlich war jahrhundertelang das Nomadentum weit verbreitet und heute treiben noch die Hirten ihre Herden einfach in die scheinbar endlosen Berge, die allen und gleichzeitig keinem zu gehören scheinen.
Unvergesslich bleibt den Königsbergern ein Erlebnis, das zeigt, was den Menschen Gastfreundschaft bedeutet. Von einer usbekischen Familie wurden sie spontan nach Hause eingeladen, abendliches Festessen und opulentes Frühstück inbegriffen.
Seitdem kennen und schätzen sie das usbekische Nationalgericht: Pilav, ein herzhaftes Reisgericht mit Rosinen und Knoblauch, garniert mit Hammelfleisch.