Was die Staatsanwältin Kerstin Harpf dem Angeklagten (60 Jahre) vorwarf, war schon starker Tobak: Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 2014 soll der Beschuldigte ein handschriftliches Testament angefertigt und mit der Unterschrift der Verstorbenen versehen haben. Laut diesem Schriftstück wäre er der Alleinerbe gewesen und die vier Kinder hätten sich mit dem Pflichtteil begnügen müssen. Nachdem ein Sachverständiger vom Bayerischen Kriminalamt aus München beim Strafprozess am Amtsgericht in Haßfurt vernommen worden war, erschien die Anklage in dieser Form nicht mehr haltbar. Die Parteien einigten sich darauf, das Strafverfahren wegen Betrugs mit einer 2000-Euro-Geldauflage ohne eine Verurteilung einzustellen.


Kontroverse

Bevor die Strafrichterin Ilona Conver mit der Beweisaufnahme beginnen konnte, gab es ein juristisches Hickhack über das Prozedere mit den beiden Anwälten des Angeklagten, Jens Fichtner und Horst Soutschek. Die Rechtsanwälte insistierten darauf, den anwesenden Gutachter zuerst zu hören, weil sie davon ausgingen, dass sich dann die restlichen Zeugenaussagen erübrigen würden. Auf dieses Ansinnen ging die Vorsitzende jedoch nicht ein und als die Anwälte eine Begründung verlangten, stellte sie unmissverständlich klar: "Ich habe die Verhandlungsleitung und bin der Boss!"

Von daher traten alle vier Kinder der Verstorbenen nacheinander in den Zeugenstand. Der Angeklagte, der mit seiner verstorbenen Gattin die letzten Jahre im Ausland gelebt hatte, war selber nicht der leibliche Vater. Der älteste in der Geschwisterreihe, ein 40-jähriger Selbstständiger, betonte, dass er wisse, wie die Schrift seiner Mutter aussah, und von daher habe er sofort erkannt, dass deren Unterschrift unter dem Testament gefälscht sei. Zudem habe der Stiefvater selber ihm und zweien seiner Schwestern gegenüber im Mai 2015 gesagt, dass es überhaupt kein Testament gebe.


Im Kern bestätigt

Diese Angaben wurden von den anderen drei Geschwistern (bei ihnen handelte es sich um die Töchter im Alter zwischen 45 und 27 Jahren) im Kern bestätigt. Da die Zeugen sowohl von der Anklagevertreterin als auch von den Verteidigern ausführlich befragt wurden, wurde offensichtlich, dass das Verhältnis der Kinder zu ihrer Mutter und ihrem Stiefvater völlig verkorkst war. Gegenseitige Vorwürfe und Schuldzuweisungen, soweit überhaupt noch Kontakt bestand, waren offenbar an der Tagesordnung.

Schließlich kam der hochkarätige Gutachter aus der Landeshauptstadt zu Wort. Er berichtete detailliert über seine Methodik, mit der er ermittelt, wie wahrscheinlich etwa eine Unterschrift gefälscht ist oder nicht. Um die im vorliegenden Fall fragliche Unterschrift zu beurteilen, verglich er sie mit einer Reihe von echten Unterschriften, die die Frau zu Lebzeiten auf Banküberweisungen oder Ausweisen geleistet hatte.


"Hohe Wahrscheinlichkeit"

Auf bohrende Nachfragen seitens der Juristen erläuterte er beispielsweise, dass sich jede Unterschrift im Laufe der Zeit mehr oder weniger wandele und dass "zwei Unterschriften derselben Person nie völlig gleich" seien. Trotzdem gebe es in jedem Schriftbild sogenannte authentische Schriftzeichen, die wichtige Hinweise lieferten. Sein Ergebnis lautete zusammengefasst: Die Unterschrift sei mit "hoher Wahrscheinlichkeit" gefälscht, aber die Frage, ob der Angeklagte der Urheber dieser Manipulation war, sei völlig offen.

Die Anwälte verwiesen an diesem Punkt darauf, dass in adäquaten Zivilprozessen nur eine gutachterlich festgestellte "mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit" vom Gericht als ausreichend erachtet werde. Von daher willigte auch die Staatsanwältin ein, den Prozess mit der 2000-Euro-Geldauflage ohne Verurteilung zu beenden.
Die strafrechtliche Seite der Sache ist damit erledigt. Ob die Kinder im Wege einer Zivilklage versuchen werden, doch noch etwas rauszuholen, blieb offen