Alteingesessene Einzelhandelsgeschäfte in Stadt und Land schließen, lokale Traditionswirtschaften machen dicht: Derartige Meldungen haben längst keinen Sensationscharakter mehr. Umso mehr ein "Wir machen weiter" eines Hirschaider Geschäftes, das in diesen Tagen sein 70-jähriges Gründungsjubiläum feiern kann: Obst Wagner in der Nürnberger Straße 4.

Die beiden Schwestern Rosi Wagner und Christine Kast stehen auch im achten Jahrzehnt Tag für Tag im Laden, der pro Woche 34 Stunden geöffnet hat und in der Ortsmitte längst schon eine "Institution" ist.

Warum nach diesem "gnadenen" Jubiläum nicht Schluss machen und sich mit 67 bzw. 74 Jahren in ein gemütliches Rentnerinnen-Dasein begeben? "Solange Rosi fit ist, wird es diesen Laden geben, auch wenn der Kampf gegenüber den Supermärkten von Jahr zu Jahr immer größer geworden ist und deren Produkte, darunter viele einheimische, auch immer besser geworden sind", redet Christine Kast, die Geschäftsinhaberin und ältere Schwester, Klartext.

"Wir sind noch besser", ruft Rosi Wagner dazwischen, die einmal pro Woche (Donnerstag um 4 Uhr) zur Großmarkthalle in Nürnberg fährt und mit einem voll bepackten Auto zurückkehrt. "Wir haben frische, echte Gartenfrüchte wie früher." Und zählt auf: ausgefallene Sorten wie die lila-orange Ur-Karotte, Ringelbeete, ausgefallene Salatsorten wie Portulak, Knoblauchsländer Cocktail-Tomaten und auch viele Kartoffelsorten, die sie "auf Bestellung" bei einem Hallstadter Gärtner besorgen. Damit nicht genug: Blutorangen aus Sizilien, aber auch frische (Flug)-Mangos gehören zur Angebotsvielfalt.

Finanzielles Zubrot

Das Geschäft in der zweiten Generation ist für die beiden ("was sollen wir daheim?") wie ein Lebenselixier, auch wenn die Hauptsaison sich auf den Sommer begrenzt und das Gärtnergeschäft doch eine Männerdomäne ist. "Allein könnten wir davon nicht leben, das Geschäft ist zu unseren Renten ein finanzielles Zubrot", gestehen sie offen ein, sind aber auch ein bisschen stolz darauf, dass sie gut 80 Prozent Stammkunden haben, was ja auch einer großen Wertschätzung entspricht.

Mit den Supermarkt- und Discountpreisen können die Wagners nicht mithalten. "Das ist auch nicht unser Thema. Neben der Qualität setzen wir auf unseren Service und unser offenes Ohr", spricht Rosi Wagner ihre Trumpfkarten an. "Die Leute wollen reden, ihre Geschichten loswerden. Von den meisten Kunden wissen wir nicht nur die Namen, sondern auch Berufe, deren Lebensverhältnisse und unzählige Anekdoten." Wer kann schon mit jemandem in der Gemüseabteilung des Supermarktes ins Gespräch kommen? Bei Obst Wagner gehört dies mit zum "Service" und ist eigentlich das mitentscheidende Marketinginstrument.

Gerade in diesen Tagen kommt auch immer öfter die Rede auf den Firmengründer Georg Wagner, der im Januar 1950 dieses Gewerbe nur einen Steinwurf entfernt vom jetzigen Geschäftslokal (wurde bereits 1963 bezogen), gegenüber neben der Pfarrkirche, eröffnete. Er war ein so genannter Reisegewerbe-Kaufmann, der mit dem Handwagen und später mit dem "Turpo"-Dreirad loszog. Dabei besuchte er mit seiner Glocke, Schüssel und Waage auch einige Nachbargemeinden. Georg Wagner war bekannt wie ein "bunter Hund" und übergab die angemeldete Tätigkeit - laut Gewerbeanmeldung "Obst- und Gemüsehandel, Südfrüchte, Blumen" - Mitte der 80er-Jahre an seine Tochter Christine, die ihre Schwester Rosi als "Mädchen für alles" und "Managerin" lobpreist.

An ein fixes Abschiedsdatum denken die beiden "Unverwüstlichen" überhaupt nicht. Von den Supermärkten ringsum der Marktgemeinde lassen sie sich nicht vertreiben, einzig und allein gesundheitliche Einschränkungen könnten dafür sorgen, dass die Ladentür in der Nürnberger Straße einmal zu bleibt. Dass man auch nur ein paar Wochen nach einer Operation, noch auf Krücken, Gemüse, Obst, Gewürze und hausgemachte Marmelade verkaufen kann, hat Rosi Wagner vor Jahren schon einmal bewiesen.

Nicht nur im Wohn- und Geschäftsort der Wagners bleibt die Hoffnung, dass die rüstigen Rentnerinnen noch viele Jahre Laden und Ohren für die Kunden-Geschichten offenhalten können.