Große Betroffenheit, ja Sprachlosigkeit herrschte bei den Schülern der neunten Klasse in der Mittelschule in Mühlhausen. Die Lehrerin Beate Ehbauer-Dörres hatte für ihren Unterricht ein "Paket" mit dem Titel "Wider das Vergessen! Nie Wieder!" zusammengestellt. Darunter war eine Fahrt nach Dachau geplant, die wegen Corona gestrichen wurde. Stattdessen fand am Donnerstag ein Online-Zeitzeugengespräch mit der 80-jährigen Eva Franz statt, die als Kind die Grauen von Auschwitz überlebt hatte.

Birgit Mair vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB) begleitet Eva Franz normalerweise in die Schulen. Diesmal war sie online mit dabei. Nicht nur die Juden wurden im Dritten Reich verfolgt, auch die Sinti und Roma - damals abwertend "Zigeuner" genannt. Eva Franz gehört eben dieser Gruppe an. Birgit Mair erklärte in ihrer Einführung den Begriff "Holocaust", was "die Katastrophe", "das große Unglück/Unheil" bedeutet und heute zumeist den NS-Völkermord an mehr als sechs Millionen europäischen Juden bezeichnet. Die Zahl der Sinti- und Roma-Opfer ist nicht genau bekannt. Nach unterschiedlichen Schätzungen sind es über 500 000 Todesopfer.

Eva Franz erzählte ihre bewegende Geschichte, angefangen vom vier Meter langen Stammbaum der Familie, der bis 1812 zurückreicht - diesen hatten die Nazis ausgekundschaftet - über die Registrierung des Eigentums der Familie bis zur Enteignung. "Wir wurden von den Nazis als Kriminelle angesehen", erklärte sie weinend. Die Familie wurde nach Auschwitz deportiert und dort wurden Evas Mutter und ihre Schwester in Block 25 eingewiesen. Die kleine Eva bekam die Nummer 64167 auf den Arm tätowiert. Die Essensrationen wurden stetig verringert und die Schwester verhungerte. Der Vater arbeitete schwer und er schaffte es, für mehr Essen zu sorgen. Als dies herauskam, wurde er öffentlich ausgepeitscht.

"Es war aber kein Brot"

"Ich hab Feuer aus den Schornsteinen aufsteigen sehen und meine Mutter erklärte mir, dass Brot gebacken wird", erinnerte sie sich unter Tränen. "Es war aber kein Brot. Es wurden Menschen verbrannt!" Auch die Mutter musste schwer arbeiten, bis sie tot umfiel. Eva erlebte als Halbwaise das Kriegsende und beinahe wäre sie mit vielen anderen Waisenkindern in die USA ausgeflogen worden, wenn nicht ihr Vater, der in Mauthausen überlebt hatte, verzweifelt nach ihr gesucht und sie auch kurz vor dem Abflug gefunden hätte.

Was sie im Alltag im KZ gemacht habe, wollten Schüler am Ende wissen. "Keine Freunde, kein Spielzeug! Mutter hat mich überallhin mitgenommen und ich habe so dahin vegetiert", erklärte sie.Warum sie das auf sich nehme, wurde sie gefragt. "Ich habe eine kleine Rente und vom Staat bekomme ich 450 Euro Entschädigung für die KZ-Zeit, auf die ich 27 Jahre lang warten musste. Davon kann ich nicht leben." Natürlich macht sie es auch, um die jungen Leute zu warnen und um zu zeigen, was damals wirklich geschah, einfach als Hinweis, dass dies nicht wieder passieren dürfe. Gerade in der heutigen Zeit sei das sehr wichtig. Diese Botschaft ist in der Klasse gut angekommen.

Mit den Worten "Gott soll euch immer begleiten und beschützen", verabschiedete sich Eva Franz von den Schülern. "Natürlich wäre der persönliche Kontakt noch emotionaler gewesen", meinten Beate Ehbauer-Dörres und auch Rektor Christian Scharting abschließend.

Das Buch "Edelweißpiraten" von Dirk Reinhardt steht als nächstes auf dem Programm. Der Schriftsteller wird am 27. November in Mühlhausen sein Buch vorstellen - entweder persönlich oder auch per Videoschaltung. Johanna Blum