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Lichtenfels

Wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei

Der 48-jährige Angeklagte lieferte sich ein halsbrecherisches Rennen, das von Frauendorf nach Oberhaid führte.
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Schon vor knapp einem Jahr sollte vor dem Schöffengericht gegen einen 48-jährigen Mann aus dem Landkreis Bamberg wegen einer spektakulären Verfolgungsjagd verhandelt werden. Damals scheiterte die Vorsitzende Richterin Gudrun Göller an einem erkrankten Hauptbelastungszeugen. Wenig besser erging es nun Michael Herbst, der das Verfahren erneut aussetzen musste. Es soll noch eine weitere Anklage hinzugezogen werden. Für den Angeklagten bedeutet dies wohl, dass er nicht mehr auf eine Bewährung hoffen darf.

Offener Haftbefehl

Das Fahrzeug unterschlagen; die Nummernschilder gestohlen; in der Tasche Drogen. Für Ansgar F. (Name geändert) gab es gute Gründe, eines Mittags im März 2018 der unverhofften Polizeikontrolle davonzurasen. Der wichtigste Grund aber war ein offener Haftbefehl. Denn eigentlich sollte der heute 48-jährige Mann für 14 Monate ins Gefängnis. Nur dass er dort, trotz Aufforderung, nicht auftauchte. Lieber fuhr er herum und besorgte sich bei einem Bekannten Crystal Meth.

Die wilde Verfolgungsjagd begann zwischen Frauendorf und End, mitten im Landkreis Lichtenfels. Hier wurde ein Streifenpolizist auf die entwendeten Kfz-Kennzeichen aufmerksam. Als er den roten Jeep stoppen wollte, gab der Fahrer einfach Vollgas. "Ich wollte einfach nur noch weg", so Ansgar F. Nur mit Mühe konnte der uniformierte Beamte in seinem Dienstwagen an dem Flüchtigen dranbleiben. Der interessierte sich offenkundig weder für das Blaulicht, noch für die Sirene und schon gar nicht für das Anhaltesignal. Es ging Richtung Bad Staffelstein. Den Raser konnte auch eine Straßensperre am Horsdorfer Kreisel nicht aufhalten. In einem Ausritt über den Grünstreifen umkurvte er mit geschätzten 80 Stundenkilometern das Hindernis.

Mit 180 durch die Prärie

Obwohl es sich um ein reparaturbedürftiges "Bastelfahrzeug" gehandelt haben soll, schaffte es Ansgar F., die Polizisten sogar auf der Autobahn auf Distanz zu halten. Bis zu 180 Sachen sollen es nach Aussage seines hartnäckigsten Verfolgers gewesen sein. Wer ihm im Wege war, der wurde durch allzu dichtes Auffahren zur Seite gedrängt. "Einige kamen ins Schlingern", so der Polizist. Weil man eine Katastrophe vermeiden wollte, verzichteten die Beamten auf das Rammen des Fluchtfahrzeugs. Das verließ die A 73 bei Kemmern/Breitengüßbach-Süd und bretterte mit etwa 90 km/h durch Kemmern. "Das war hart an der Grenze", so der Polizeibeamte. In der Ortschaft überfuhr Ansgar F. Stoppschilder, Zebrastreifen und eine rote Ampel. Mindestens eine Fußgängerin musste sich auf den Gehsteig retten, um nicht vom rücksichtslosen Raser erfasst zu werden. Die Odyssee ging über Hallstadt und Dörfleins bis nach Oberhaid.

Inzwischen hatten sich mehr als ein Dutzend Polizeiwagen daran gemacht, Ansgar F. zu stellen. Das Ende kam ebenso spektakulär. Um seinen Allrad-antrieb auszuspielen, wechselte Ansgar F. schließlich auf rutschige Feld- und Waldwege. Nur sein allererster Verfolger hatte bis dahin noch durchgehalten. Um auch diesen loszuwerden, habe er eine Vollbremsung gemacht, um einen Auffahrunfall herbeizuführen. So zumindest sieht es Staatsanwalt Zenefeld. An dem Dienstwagen entstand ein Sachschaden von rund 4000 Euro. Der Beamte indes kam ohne Verletzungen davon. "Ich habe das Lenkrad festgehalten und gehofft, dass ich heil aus der Sache herauskomme."

Während es zu Beginn des Verfahrens hieß, Ansgar F. werde alles gestehen, rückte er mit jedem der darauffolgenden Sätze von dieser Zusage ab. Er bestritt die Geschwindigkeiten, leugnete die Gefährdung Unbeteiligter und stellte in Abrede, seinen Wagen absichtlich abgebremst zu haben, um einen Unfall zu verursachen. Er sei nur abgebogen. "Geblinkt habe ich dabei wahrscheinlich nicht."

Es nützte alles nichts. Wenige Meter weiter setzte Ansgar F. seinen Jeep endgültig in den Acker. Seine Flucht zu Fuß endete zwischen Sandhof und Oberhaid im Landkreis Bamberg. Ein Polizeihubschrauber hatte ihn lokalisiert. Bei sich trug der Festgenommene knapp sechs Gramm Crystal Meth, die er gerade von seinem regionalen Dealer gekauft haben wollte. Wie er an das Geld dafür gekommen sein mag, offenbarte eine zweite Anklage, bei der es um den Diebstahl eines wertvollen Reitsattels im Dezember 2017 ging. Das gute Stück im Wert von rund 3000 Euro hatte Ansgar F. auf einer Reitsportanlage in Gaustadt mitgehen lassen und in einer Pfandleihe in Nürnberg in 400 Euro umgewandelt.

Nur vor einem kann Ansgar F. nicht davonlaufen. Der Prozess vor dem Schöffengericht wird stattfinden. Wenn nicht an diesem Tag, dann eben in einigen Wochen. Dann wohl auch wegen mehrfacher Nötigung, Sachbeschädigung und Unfallflucht. Richter Herbst hat schon einmal klargestellt, dass es mit einer Bewährungsstrafe nichts werden dürfte. Zumal zur Sprache kam, dass der Angeklagte nur drei Tage vor dem Gerichtstermin beim Fahren ohne Fahrerlaubnis erwischt wurde.