Ihre Idee war ein perfekter Ort für Clubberer. Seit ihrer Kindheit ist Natascha Feulner Fan des 1. FC Nürnberg. Und das als Fürtherin. "Da ist es nicht so leicht, Gleichgesinnte zu finden." Sie lacht, als sie erzählt, wie sie auf das Thema ihrer Bachelorarbeit an der Hochschule Coburg kam. "Ich wollte einen Ort entwerfen, an dem sich alle treffen können, wo Veranstaltungen und Diskussionsrunden stattfinden können oder auch Platz ist, um zum Beispiel Choreografien für die Nordkurve vorzubereiten."

Der Name dieses multifunktionalen Nürnberger Fan-Community-Spaces sollte fränkisch sein: das Gwerch. Ein Begriff für Durcheinander, der bei Feulner dafür steht, dass jeder willkommen ist. Und weil es auch Clubberer außerhalb Nürnbergs gibt - beispielsweise in der Fürther oder Coburger Diaspora - sollte es auch Möglichkeiten für interaktive, virtuelle Fangemeinschaft geben. Die Idee entstand vor Corona.

Geisterspiele ohne "Herz"

Dann kam diese Saison, in der in leeren Stadien gespielt wurde. Damit die Vereine sich durch Fernseh-Übertragungsrechte finanziell über Wasser halten konnten. Aber das Herz fehlte. Borussia Mönchengladbach-Verteidiger Matthias Ginter brachte es in einem Interview mit dem Deutschlandfunk auf den Punkt: "Richtig viel mit Bundesliga hat das nicht zu tun gehabt. Wir sind alle froh, wenn wieder Zuschauer da sind." Jubel, Trauer, Tränen? Nichts. Kein Heimvorteil. Als die Fans nicht ins Stadion konnten, wurde deutlich, wie sehr es bei der Faszination Fußball eigentlich um sie geht.

"Die 22 auf dem Rasen sind doch nur Mittel zum Zweck", sagt Prof. Rudolf Schricker trocken. Er betreut Natascha Feulner bei ihrer Bachelorarbeit in der Innenarchitektur. Selbst ist er, wie er sagt, "kein frenetischer Fan", kann sich aber für Fußball als sozialen Raum begeistern. "Uns in Coburg geht es in der Innenarchitektur nicht nur um konstruktive oder ästhetisch-technische Prinzipien", erklärt er. "Es geht darum, den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu rücken. Deshalb nutzen wir auch Methoden der Humanwissenschaft."

08/15 Stadiongänger

Feulner hat für ihre Arbeit in einer Umfrage ermittelt, was Fans wichtig ist. Es gibt diejenigen, die sich allgemein für den Sport interessieren. Sie schauen Spiele, haben aber nichts mit dem Stadion zu tun. Ganz anders zelebrieren das Thema die Ultra-Gruppierungen: Sie sind ihrem Verein extrem verbunden. Und irgendwo dazwischen sind diejenigen, die Natascha Feulner "08/15-Stadiongänger" nennt. Dazu zählt sich die angehende Innenarchitektin auch selbst. Bei den Fans sind alle Berufsgruppen vertreten und jedes Alter. Großeltern, Schulkinder, Männer, Frauen. Die Frage ist: Was benötigen sie?

"Wichtig ist das Gemeinschaftsgefühl", sagt die Studierende. "Ich brauche also etwas, das Emotionen auslöst. Das ist prinzipiell erst einmal das Spiel. Wenn man im Stadion sitzt, nimmt man auch die Emotionen der anderen wahr." Fangesänge. Und Gegengesänge. "In der Reihe vor dir sitzt ein Fremder, der ständig aufspringt und die Sicht versperrt: Aber wenn dann ein Tor fällt, jubelst du mit ihm. Für dieses Gemeinschaftserlebnis sind die Stadien gestaltet." Wie man das Gefühl übertrage, ohne dass die Menschen zusammen seien - das sei eine große Aufgabe, sagt die Bachelorandin.

Sie entwirft das Gwerch als konkreten Raum für Fans, ihre Begegnungen und Aktivitäten. Dabei hat sie auch verschiedene Ansätze durchdacht, um das Live-Erlebnis zu den Menschen zu bringen. Sie spricht über Podcasts und Vodcasts, Video-Podcasts zu von den Fans gewünschten Themen. Warum nicht Fangesänge live streamen? "Viele Möglichkeiten bieten auch VR-Brillen: Damit kann man sich ja auch in ein virtuelles Wohnzimmer setzen und in den Alpen Netflix schauen - obwohl man eigentlich in Coburg ist."

Virtuell wird immer wichtiger

Auf den Fußball übertragen bedeutet das: "Die Fans könnten auf einem virtuellen Platz im Stadion sitzen und dabei auch die Fans außen herum animieren." Damit so etwas funktioniert, müssten Menschen und ihre Bedürfnisse auch an so einem virtuellen Ort im Vordergrund stehen. Professor Schricker ist jedenfalls überzeugt davon, dass die Gestaltung virtueller Räume in Zukunft ein großes Thema wird.