Rudolf Görtler

Gleich nach den ersten Sätzen erfährt man, was Sache ist: "Katholisch werden oder aus dem Land!" Harte Zeiten damals in Zeiten der Gegenreformation im Tirolerischen, so um 1650. Wer dem von der Obrigkeit so genannten Irrglauben, dem lutherischen, anhing, musste sein Land verkaufen, seine Habseligkeiten packen und in ein unsicheres Exil ziehen. In mehreren Wellen geschah das, zuletzt 1837, als Zillertaler Protestanten gezwungen wurden auszuwandern.
Auch nach Franken waren nach dem Dreißigjährigen Krieg österreichische Evangelische geflohen bzw. vertrieben worden. Die Tage vor der Vertreibung, die psychischen Folgen beschreibt die Tragödie "Glaube und Heimat" des einst viel gespielten und berühmten Dramatikers Karl Schönherr (1867 bis 1943). Im Jahr 1910 ist sie uraufgeführt worden, 2014 war sie auf der Luisenburg in der Regie Michael Lerchenbergs zu sehen, und jetzt hat die Laienspielschar der Pfarrei St. Gangolf das Spiel um Angst und Gewissensnöte, Verzweiflung und Heimatliebe entdeckt.
Denn ist es nicht hoch aktuell? Müssen nicht Hunderttausende, ja Millionen Menschen jedes Jahr ihres Glaubens, ihrer Überzeugung wegen fliehen? Das legt die Regisseurin Nina Lorenz nahe, die das Konzept zusammen mit ihren Schauspielern erarbeitet hat. Doch Vorsicht! Das fängt mit dem Autor an. Karl Schönherr ließ sich bereitwillig von den Nazis instrumentalisieren. Sein Schaffen wurde nicht völlig grundlos mit dem Verdikt "Blut und Boden" bedacht. Archaisches Bauerntum, inbrünstige Religiosität, Verherrlichung der Traditionen - in dem Stück sind schon etliche Fallstricke vorhanden.


Dämonischer Reiter

Die professionelle Regisseurin ("Theater im Gärtnerviertel") und ihr Team wissen sie zu meiden. Erzählt wird die Geschichte der Bauernfamilie Rott und ihrer Nachbarn, die dem kaiserlichen Verdikt unterliegen. Christoph Rott (Christian Dieter) und sein Vater (Michael Kerling) sind heimliche Protestanten, die Rottin (Laura Croes) eine herbe Frau und fanatische Katholikin. Die Nachbarn Sandberger (Peter Bachsteffel, Judith Weingart) bezahlen ihre Glaubenstreue mit Tod und Wahnsinn, der dämonische Reiter (Detlef Frank) wird den Blutflecken auf seinem Gewand gerecht; das subproletarische Straßen-Trapperl (Ulli Isselhard) und der Kesselflick-Wolf (Norbert Krines) bilden den Kontrapunkt zu den schollenverliebten Bauern, und der "Häuserfraß" Engelbauer bereichtert sich an Hab und Gut der Exilanten, wie es seinerzeit den Juden widerfuhr.
Es ist keine leichte Kost, die die Kreuzgangspieler mit viel Engagement, schönen Kostümen (Chrysenda Seilmann), wenigen Requisiten wie einem Handwägelchen und punktuell dezent moderner Musik im Hintergrund im Reformationsjahr da anbieten. Soll man einzelne Akteure herausheben? Vielleicht unfair, aber Michael Kerling als Alt-Rott, Laura Croes als Rottin, Magdalena Schütz als "Spatz" und Peter Bachsteffel als toll gewordener Sandberger gefallen besonders. Sicher befremden die Religiosität, der Gegensatz Protestanten - Katholiken in der säkularisierten Welt der Gegenwart, sind kaum mehr vorstellbar, obwohl solche Verhältnisse vor zwei Generationen durchaus noch virulent waren.
Aber wie steht es in anderen Ländern, nehmen wir nur mal Sunniten und Schiiten? Insofern ist das Stück so antiquiert auch wieder nicht. Das Ambiente neben der Gangolfskirche ist darüber hinaus allemal sehenswert. Vermutlich werden die aktuellen Religionskämpfe jedoch nicht so versöhnlich enden wie der Tragödie letzte Szene: "Verzeihe deinem Feind!".

Dieser Artikel bezieht sich auf die Generalprobe am 6. Juli.