Der Abend begann als eine Verbeugung vor Mozart, aber er endete als eine Verbeugung vor der Pianistin Luiza Borac. Zehntausende von Noten aus dem Schaffen von Mozart, Chopin, Bizet und Liszt bewältigte die Frau aus dem Gedächtnis. Abermals war ein Konzert aus der Reihe "Weltklassik" absolut einen Besuch wert.

Das Stadtschloss. Das ist jetzt so: In den Vorsaisons war die ehemalige Synagoge der gesetzte Ort für die auch in Lichtenfels gastierende Reihe "Weltklassik". Doch in Corona-Zeiten gilt es umzudisponieren, und das Ergebnis ist das Stadtschloss. Ein würdiger Ort, auch wenn das Publikum auf eine Weise an Tischen sitzen muss, dass man beinahe glauben möchte, hier gehe eine Abiturprüfung vonstatten. "Herzlich willkommen in der Normalität", kommentierte Roberto Bauer launig dieses Vorkommnis. Aber er setzte noch etwas von Erfreulichkeit für den Veranstalter hinterher: "Wir sind ausverkauft."

"Ein Traum von einer Pianistin"

Doch wen hatte man da mit Luiza Borac eigentlich aufgetan? Die Frau wurde von einem namhaften Fachmedium als "ein Traum von einer Pianistin" gewürdigt. Das ist nur eines von vielen Prädikaten dieser Art, das man der gebürtigen Rumänin anheftet. Neben einem Prädikat hat die als hochbegabt geltende Frau in ihrem Fach noch etwas aufzuweisen, und zwar summa cum laude: eine Promotion zu einem tiefgründigen musikalischen Thema.

Doch so etwas wie Abgehobenheit oder Weltfremde war am Sonntagabend nicht zu spüren. Die Ausnahmepianistin war zugänglich, offen und nahm sich am Ende des Konzerts auch Zeit für den Plausch mit Besuchern. Zuvor aber lieferte sie ab, und zwar Noten zu "Mozart und die Liebe - Don Giovanni!". Wer hätte gedacht, dass sich alle möglichen Komponisten mit Variationen zu diesem Thema äußerten? Doch es begann mit dem Salzburger selbst, denn ganz oben im Ablauf stand das Rondo D-Dur KV 485. Mozart setzte Motive, die man aus seiner Oper kennt, auch in Klavierreinform.

Doch wie ist das mit dem Anschlag von Borac? Im Grunde ist er streng und kurz angebunden. Aber er bietet dennoch auf wunderliche Weise Raum genug für das Lyrische eines Moments.

Mozart seiner Zeit weit voraus

Großartig war auch die Darbietung der zwölf Variationen, die der große Salzburger über sein auch als Weihnachtslied bekanntes "Ah, vous dirai-je, Maman" (Morgen kommt der Weihnachtsmann) schuf. Ab hier brach etwas los, das Erlebnis war. Das Stück wurde vorgestellt, in aller Schlichtheit. Doch schon bei der Variation mochte es erscheinen, als habe Borac doppelt und dreifach so viele Tasten zu bedienen. In der nächsten Variation wurden die Molltöne drängender, es galoppierte, es wurde die Strenge aufgebrochen, und dann gab es doch wieder Momente, die an barocke starre Tonabfolgen erinnerten. Abseits von der Könnerschaft Boracs darf man sich fragen, wie viel Entwicklung der Musikgeschichte Mozart hier schon vorwegnahm, bis hin zu so etwas wie Impressionismus.

Den Höhepunkt bildete der Moment bei Franz Liszt, bei dem nach all den dunklen rollenden Tönen, den langen Läufen und Eskapaden, das fröhliche Wiederauftauchen des Don-Giovanni-Motivs wie ein humoriger Einfall wirkte. Weltklassik eben. Angekommen und angesiedelt auch in Lichtenfels. MH