Roland Schönmüller

Der Start ins neue Jahr, vor allem der erste Tag des Jahres, wurde bei uns im Frankenwald sowie im fränkischen Brauchtum von jeher festlich gestaltet. Mit dem Anfang eines neuen Jahres regten sich bei unseren Altvorderen schon früher Wünsche und Hoffnungen. Es drohten aber auch bereits damals Gefahren und unvorhersehbare Ereignisse. Daher war und ist es nicht verwunderlich, wenn die Menschen diese Zeit in den "heiligen zwölf Nächten" (zwischen Weihnachten und Dreikönig), insbesondere die ersten Tage im neuen Jahr, feierlich erhöhen und sich Gesundheit, Glück und den Segen Gottes wünschen.

"Ein frohes Neues" heißt aktuell die Kurzformel beim abstandwahrenden Vorbeigehen mancher Passanten. Etwas mehr Informationsaustausch und Smalltalk gibt es vielleicht unter Freunden oder näheren Bekannten. Und nach wenigen Minuten ist man schon wieder über alle Berge, mit sich allein beschäftigt, lässt wehmütig die Gedanken an frühere, kommunikationsfreudigere Zeiten Revue passieren. Doch das war einmal!

Mit Glockenklang ins neue Jahr

Fast überall gab es sicherlich auch heuer wieder den alten Brauch, dass zum Jahreswechsel um Mitternacht das neue Jahr mit allen Kirchenglocken eingeläutet wurde. Doch das einst obligatorische gegenseitige Händeschütteln dürfte wohl nur in der Familie vollzogen worden sein. Mit "Prosit Neujahr" hat man diesmal auf Distanz alle begrüßt, die einem an Neujahr begegneten.

In abgelegenen Dörfern der fränkischen Mittelgebirge wie im Frankenwald sang man früher am Silvesterabend im Familienkreis fromme Lieder oder der Hausvater las aus der Bibel vor. Jedoch hat, wie es in einer hiesigen Chronik heißt, seit 1840 "die sinnliche Belustigung wieder die Oberhand gewonnen". An alte Sitten erinnerte auch der Heischebrauch der Vorfahren in einigen Höhendörfern, still durch die Neujahrsnacht zu gehen und durch Klopfen an Tür und Fenster den noch nicht Schlafenden Neujahr zu wünschen.

Die Jugend drehte auf

Mancherorts wurde vor Corona an Silvester bei den Wirten der Jahresabschluss gefeiert und auch getanzt. Um 24 Uhr wünschte man sich Glück. Die verheirateten Männer gingen heim, während das Neujahrstreiben der Jugend erst so richtig begann. Auch das war einmal.

Am Neujahrstag oder einige Tage später erhielten die Kinder von ihren Paten ein Geschenk. Sie zogen aber auch selbst von Haus zu Haus und sammelten Geschenke ein: Naturalien, Süßigkeiten oder Geld.

In vielen fränkischen Orten traf man sich früher am Neujahrsabend zu einem gemütlichen Beisammensein im Wirtshaus. Die Männer spielten Karten um "Ringe" oder Brezeln. Damit genügend Neujahrsgebäck zur Hand war für die vielen, die an der Tür standen, wurde eine Reihe von Gebildbroten gebacken.

Vor allem die Kinder ärmerer Leute ließen sich einst nach dem Frühgottesdienst am Neujahrsmorgen von ihren Müttern die größte Schürze umbinden, die im Haus zu finden war. Überall riefen sie vor den Anwesen ihr "Glückselig's neu's Johr" und hielten die Schürzen auf. Was heute an Weihnachten geschenkt wird, gab man früher am Neujahrstag. Patengeschenke sind seit dem 13. Jahrhundert belegt, vor allem zu festlichen Terminen, wie an Neujahr.

Der Pate oder "Dote" zu Besuch

Als Geschenke waren Patenlöffel und -becher mit den Initialen des Beschenkten sehr beliebt. Weibliche Paten schenkten Kleidungsstücke oder Schmuck. Gewöhnlich erhielten die Kinder bis zum Schulaustritt an Neujahr vom Taufpaten ein Geschenk. Diese Gaben brachte der Pate in einem verknoteten Tuch, dem "Patenbündel", das verschiedene Formen, beispielsweise Hufe oder Hufeisen, Ringel, Eierweck, Reiter aus Lebkuchen und anderes enthielt. Sehr beliebt waren auch die Lebkuchen vom Paten oder der Patin, die sogenannten Doten-Lebkuchen.

Wie bei anderen Terminen belegt, wurden im Frankenwald zwölf mit Salz gefüllte Zwiebelschalen nebeneinander auf den Tisch gelegt. Das Salz zog in der Nacht die Feuchtigkeit an. Je nach Feuchtigkeitsgrad des Salzes in den Zwiebelschälchen konnte man voraussehen, ob die kommenden zwölf Monate nass oder trocken würden.

Es wurde Neujahr gefeiert

Obwohl die Arbeit früher in den "zwölf heiligen Nächten" ruhte, trafen sich in einigen fränkischen Regionen Burschen und Mädchen in den Licht-, Rocken- oder Spinnstuben. Es wurde Neujahr gefeiert, und zur Bewirtung sind Äpfel, Nüsse, Schwarzbrot, Kaffee, Kuchen oder Lebkuchen kredenzt worden. Am Abend zog die angeheiterte Gesellschaft durch das Dorf und hielt Markt. Es wurden Erbsen an die Fensterscheiben geworfen, um bereits schlafende Leute wieder zu wecken. Nach der Rückkehr in die Spinnstube wurde getanzt. Gerne goss man Blei zwischen zwölf Uhr nachts und ein Uhr.

Seit dem sechsten Jahrhundert wird der 1. Januar als Fest begangen. Durch Papst Innozenz XII. (1691) fand Neujahr als Feiertag kirchliche Anerkennung. Im Frankenwald, aber auch anderswo in Franken sahen die Hausleute am liebsten einen Knaben vor der Haustür das Neujahrssprüchlein aufsagen. Dieser forderte ohne viel Federlesens: "Ich wünsch' euch a glückselig's neu's Jahr, freudenreich gebt mäsch Geschenk gleich, loaßt mich net so lang steh; mich friert's an mei'm Zeh, denn ich will noch weitergeh."

Symbolik und Wetter

Der altrömische Gott Janus, der Beschützer des Jahres, öffnet im Gregorianischen Kalender die "Tür des Jahres". Mit seinem Doppelgesicht schaut er zugleich nach drinnen und draußen, hütet sowohl den Eingang als auch den Ausgang. Janus wird mit einem Schlüssel und einem Pförtnerstab als Attributen sowie mit einem jungen und einem alten Gesicht dargestellt. Das alte Gesicht blickt zurück in die Vergangenheit, das junge in die Zukunft.

Auch Bauern- und Wetterregeln spiegeln Erfahrungen des Volkes mit dem Wetter im Winter wider. Bauernregeln besagen: "Schnee und Eis im Januar künden ein gesegnet' Jahr." - "Januar hell und weiß, wird's im Sommer heiß." - "Gibt's im Jänner Eis und Schnee, wächst im Sommer Gras und Klee." - "Wächst das Gras im Januar, wächst es schlecht das ganze Jahr."