Michael Busch

Nostalgie bezeichnet eine sehnsuchtsvolle Hinwendung zu vergangenen Gegenständen oder Praktiken. Nostalgie kann sich sowohl auf das eigene Leben beziehen als auch auf nicht selbst erlebte Zeiten. Das ist die nüchterne Beschreibung eines Umstandes, der viel mehr bedeutet. Der fränkische Autor Dietmar Bruckner wirft einen Blick in den Biergarten des Erlanger Lokals Kaiser Wilhelm. "Ja, da hängen schon viele nostalgische Erinnerungen dran", gibt er zu.

Erinnerungen, die ihn so beschäftigt haben, dass er sie aufgeschrieben hat. Nicht nur die eine an das "KaWe", sondern an 67 Orte, "nostalgische Winkel in Bayern" - wie das Buch auch heißt -, die dem Franken von Bedeutung sind.

Erinnerung an die Studienzeit

Allerdings ist das Studentenlokal Kaiser Wilhelm etwas Besonderes. Zum einen ist es der einzige Ort, den Bruckner aus Erlangen beschreibt. Weder aus der Stadt noch dem Landkreis Erlangen-Höchstadt hat er einen zweiten Ort aufgenommen. "Ich habe hier studiert, und es gibt schon ein paar Stellen mehr in der Stadt", gibt der Autor zu. "Aber ich konnte kein ganzes Buch über Erlangen schreiben."

Aber warum das KaWe? "Ich habe hier studiert, drüben in der Phil-Fak - und da sind wir einfach oft hierher." Aber das ist nur ein Teil der Erklärung. "Es gab hier halt Fußball, Zuhause hatte ich keinen Fernseher und da war das gemeinschaftliche Anschauen schon toll."

Mit dem Titel "Schnitzel und Seminarkritik" startet Bruckner seine Erinnerungen. Er schreibt, dass die Kneipe "unsere Sozialstation, unsere Reha war, ohne dass wir es so recht wussten".

Während des Interviews schweifen seine Blicke immer mal in Richtung Ausgang des KaWes in Richtung Biergarten. Es scheint so, als ob er wartet, dass die Tür sich öffnet und die Tutoren und Dozenten von damals hereinkommen, um über das Seminar zu diskutieren.

"Hier spielt die Nostalgie für mich eine wichtigere Rolle als bei vielen anderen Themen, die ich in dem Buch anschneide. Das hier ist halt persönlich." Anders als die Beschreibung der Nürnberger Kaiserburg, die er auch in dem im Gmeiner-Verlag erschienen Buch festhält. "Da geht man auch hin, aber da trifft man halt Touristen, kennt den Blick und geht wieder runter - mehr kann man da oben ja auch nicht machen." Insofern sei das Kaiser Wilhelm etwas Besonderes.

Bruckner gibt zu: "Wenn ich das heute so sehe, scheint die Zeit auch ein Stück stehen geblieben zu sein." Deutsch, Französisch und Theaterwissenschaften hat er studiert. Die Grundlage für sein weiteres Tun, wie das Wissen um die Currywurst und das Schnitzel zu Studienzeiten beim KaWe.

"Die gibt es auch heute noch." Ein Beleg für die an dieser Stelle fehlende Vergänglichkeit. Leider sei er nicht mehr so oft in Erlangen und der damaligen Stammkneipe. Franken ist er treu geblieben, aber von der Ecke Schwabach bis Erlangen ist es halt ein Stück.

"Zukunft braucht Herkunft!"

Mit der Erinnerung an das Lokal ist aber auch die gesamte Erinnerung an Erlangen verbunden, Dinge, die Bruckner im Buch nicht beschreibt. Er erzählt von seiner beginnenden Zeitungsarbeit. Im Erlanger Tagblatt beschäftigte er sich vor allem mit Kultur und Sport.

Bruckner gibt zu, dass Nostalgie aber manchmal auch wehtun kann. "Ich vermisse immer mal wieder das Studentenleben." Die Freiheiten, die man damals hatte, die Möglichkeiten sich mit den unterschiedlichsten Themen zu beschäftigen, aber auch mal gezielt auf eine Persönlichkeit der Vergangenheit sich zu konzentrieren. "Es mag komisch sein, aber dieser Ort steht für viel mehr." Es sei vielleicht ein wenig Sehnsucht, dass sich die Erinnerungen wieder einstellen. Er gibt aber zu, dass das eine oder andere auch verwischt sei, denn es habe natürlich nicht nur positive Seiten gegeben.

Die schriftstellerische Idee, nostalgische Orte in einem Buch zusammenzufassen, hatte allerdings mehrere Auslöser. Ohne zu viel zu verraten, denn im Vorwort des Schreibers ist diese Ausführung wunderbar wiedergegeben, zumindest ein kleiner Hinweis. Kabarettist Gerhard Polt spielt eine Rolle und die Erkenntnis in und zu einer Bauernwirtschaft im Fränkischen Seenland, die Bruckner nach Jahren wegen einer Modernisierung kaum wiedererkannt habe.

Er halte sich lieber an die Aussage des Philosophen Odo Marquard, der einst meinte: "Zukunft braucht Herkunft!" Die Modernisierung erliege oft einem Wahn, den es an manchen Stellen ein wenig zu bremsen gelte.

Und so zieht Bruckner durch Bayern, immer die Augen offen, um die richtigen Orte zu entdecken. Sortiert in den Bereichen Geschichte, Kunst und Kultur, Natur sowie Volkstümliches versucht er in verschiedenen Kategorien seine Erinnerungen und Bewertungen abzubilden. Nicht immer verständlich, denn oftmals fordert Bruckner seinen Lesern einiges ab. An Intellekt, an Empathie, aber auch an Fantasie, sich auf Vergangenes einzulassen.

So zum Beispiel, wenn der Schreiber regelrecht über die Vorteile der Zeitung gegenüber dem Smartphone schwadroniert. "Wenn ich mir dagegen von Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) erzählen lasse, warum die Bayern leider wieder verloren haben, ist es ein ästhetisches Vergnügen, das den Reiz der bloßen Ballschieberei auf dem Platz weit übertrifft." Die News in den Netzwerken dieser Welt "mussten nie durch einen redaktionellen Filter, nie sich behaupten auf einer Konferenz von Experten, im Nahkampf mit Gegenmeinungen. Heißt: Der ganze Quatsch, den spätestens der Ressortleiter streichen würde, bleibt drin."

Die Liebe zur Beobachtung, zum Detail in der Beobachtung spiegelt sich in fast allen Texten wider. Einige wenige Stücke machen den Eindruck, dass sie einfach ins Buch mussten - wir sind wieder bei der Nürnberger Kaiserburg.

Dietmar Bruckner gibt das auch zu, dass nicht an allen Stellen sein Herz hängt. Beim Schreiben habe sich das auch gezeigt. "Das eine oder andere geht schnell von der Hand", sagt der Journalist und Autor. "Bei anderen Dingen brauchte ich auch mal den Anstoß von außen, weiterzumachen."

Und damit schließt sich der Kreis, und es geht noch einmal in den Kaiser Wilhelm. Dort schließt Bruckner mit drei Sätzen ab, die durchaus das ganze Buch und sein Sein erklären. Er schreibt: Ja, im KaWe lernten wir fürs Leben. Es war angewandte Linguistik. Wittgenstein hätte es gemocht."